Die Entstehung der USA gründet auf einem krassen Widerspruch: Viele ihrer Gründerväter waren Sklavenhalter. So auch Thomas Jefferson, der als Künder der Freiheit die Unfreiheit institutionalisierte.
Gleichheit, ein Leben in Freiheit und das Streben nach Glück – das sind die unveräußerlichen Rechte eines jeden Menschen, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 als „selbstverständliche Wahrheiten“ postuliert werden. Hehre Ideale, von Thomas Jefferson meisterhaft formuliert, aber eben nicht für Farbige und Indianer geltend.
Der Mann, der dieses Credo verfasste, war, wie viele Gründerväter, ein Sklavenhalter. Von den 55 Delegierten des Verfassungskonvents, die 1787 in Philadelphia zusammenkamen, um der jungen Nation ein tragfähiges konstitutionelles Konzept zu geben, waren 19 Sklavenhalter. George Washington hielt mehr als 300 Sklaven, und als der erste Präsident der USA 1799 das Zeitliche segnete, standen an seinem Sterbebett mehr schwarze als weiße Menschen.
Paradoxon der Vereinigten Staaten
„Die Sklaverei war das große Paradoxon einer auf Freiheitsidealen gegründeten Nation“, sagt die US-Historikerin Jill Lepore. Schon für die Delegierten des Verfassungskonvents wurde die Sklavenfrage zum zentralen Konfliktpunkt. Wollten die Vertreter der nördlichen Gliedstaaten die Sklaverei abschaffen, plädierten ihre Kollegen aus den Südstaaten für deren Erhalt.
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Für Letztere, die mit fremder Hände Arbeit ein Vermögen akkumulierten und nach Gutsherrenart Menschen anderer Hautfarbe entrechteten, war die Institution der Unfreiheit nicht nur gottgegeben, sondern auch eine Existenzfrage. Für andere, wie Luther Martin, Justizminister von Maryland, war sie ein „Bannfluch des Himmels“.
Der Süden droht mit Sezession
An der Sklaverei wäre die junge Nation beinahe gescheitert, da der Süden im Falle ihrer Abschaffung mit der Sezession drohte. Dass der endgültige Entwurf der Verfassung überhaupt konsensfähig war, ist einem Kompromiss zu verdanken. Man einigte sich darauf, dem Kongress Eingriffe in den Sklavenhandel für einen Zeitraum von 20 Jahren zu untersagen.
Doch die Verfassung sollte Martins beschworenen Fluch nicht aufheben; stattdessen versuchte sie, ihn zu vertuschen. Die Worte „Sklave“ oder „Sklavenhandel“ tauchten in ihr nirgendwo auf. Aus der Welt geschafft war das Problem, das bis heute nachwirkt, damit nicht.
Gründungsväter mit Makel
Der krasse Widerspruch zwischen der Sklaverei und den in der Unabhängigkeitserklärung verkündeten „selbstverständlichen Wahrheiten“ wird nirgendwo so deutlich wie in der Person Jeffersons. Der Künder der Freiheit nannte die Sklaverei eine „moralische Verdorbenheit“, einen „schrecklichen Makel“, hielt aber rund 600 Menschen als Eigentum.
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Sozialisiert in einer aristokratischen Gesellschaft von Pflanzern, war Jefferson einer von vielen Plantagenbesitzern, die die Unfreiheit zum System erhoben. Rhett Butler, die männliche Hauptfigur in „Vom Winde verweht“, sagt von dieser, dass sie nichts vorzuweisen hätte außer „Baumwolle, Sklaven und Arroganz“.
Paradies und Hölle
Im Bundesstaat Virginia, von Thomas Jefferson einst als „Garten Eden der USA“ bezeichnet, lag, in idyllischer Szenerie der Blue Ridge Mountains, sein Anwesen Monticello (der „kleine Berg“). In diesem war der eklatante Widerspruch zwischen dem politisch aufgeklärten Denken des Hausherrn und der Sklavenwirtschaft auch architektonisch manifestiert: hier das prächtige Herrenhaus, dort, in Sichtweite, die ärmlichen Behausungen von Mulberry Row, dem industriellen Zentrum von Jeffersons 5000 Hektar großem Agrarbetrieb, wo sich die Quartiere und Werkstätten der Sklaven befanden.
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Die „Maulbeerreihe“ bildete als Hauptstraße der Plantage das Zentrum der Arbeit und des Lebens für Hunderte Sklaven. Dort befand sich auch eine Nagelfabrik voll schuftender Kinder, manche erst zehn Jahre alt. Jefferson, der in seinem „Farm Book“ über seinen menschlichen Besitztum Buch führte, verkündete stolz, dass seine „Nail-Boys genug für den Unterhalt meiner Familie anschaffen“.
Profit mit Babys
„Die Gasse der Tränen“, wie seinerzeit eine Besucherin Mulberry Row beschrieb, wurde in den 50er und 90er Jahren zum Schauplatz archäologischer Ausgrabungen. Die Exponate, die ans Licht kamen und 2014 in Philadelphia ausgestellt wurden, zeigen, mit welcher zynischen Menschenverachtung Weiße die Rechte Schwarzer mit Füßen traten.
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Jefferson profitierte nicht nur von Tabak, Mais und Baumwolle, die seine Sklaven anbauten, sondern auch vom Wert ihrer Körper – und von ihrer Reproduktion. Als Eigentum konnten die Männer, Frauen und Kinder gepachtet, verschenkt, verpfändet, vererbt, gekauft und verkauft werden. Dass sich mit der Ware Mensch Profit machen ließ, zeigt seine kalte Rechnung von 1792, wonach jedes neugeborene „Negerkind“ einem Profit von vier Prozent pro Jahr gleichkomme.
Sexuelle Ausbeutung und kalte Arithmetik
Der persönlichste Aspekt der Sklaverei im Leben des dritten US-Präsidenten war das Verhältnis zu seiner Sklavin Sally Hemings, mit der Jefferson nach dem Tod seiner Frau Martha 1782 zusammenlebte und sieben Kinder zeugte, was spätere DNA-Analysen belegen. Sally war das Produkt jener anderen Ausbeutung, der sexuellen Sklaverei: Ihr Vater war John Wayles, Jeffersons Schwiegervater.
Vielleicht war das auch der Grund für Jeffersons selbstquälerische Berechnungen, in denen er in kalter Arithmetik quantifiziert, wie viele Generationen vergehen müssen, ehe ein Kind mit einem rein afrikanischen Vorfahren als „weiß“ bezeichnet werden könne. Nach den Gesetzen seines Heimatstaats Virginia galt man als „weiß“, wenn man zu sieben Achteln „weiß“ war.
Zwiespalt des Gründungsvaters
Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass der Widerspruch zwischen der Sklaverei und den Versprechen, auf denen die neue Nation gegründet war, Jeffersons Gewissen schwer belastete. „Der gesamte Umgang zwischen dem Herrn und dem Sklaven ist eine dauernde Umsetzung der ungestümsten Gemütsbewegungen, des gnadenlosen Despotismus auf der einen Seite und entwürdigender Unterwerfungen auf der anderen Seite“, schrieb er 1782.
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Ein Zwiespalt, der ihn zeitlebens begleitete. Gefangen in einer vom Blut der Herkunft geprägten Pflanzermentalität war die Sklaverei unauslöschlich in seine Biografie eingebrannt, oder, wie Rex Ellis, stellvertretender Direktor des National Museum of African American History and Culture, es ausdrückt: „Es war ein Sklave, der ihn auf einem Kissen zu seinem Vater brachte, als er geboren war; und es waren Sklaven, die sein Kopfkissen zurechtrückten, als er starb.“
Literaturtipps
Jill Lepore
„Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“. C. H. Beck Verlag, 1120 Seiten, 39,95 Euro.
Clint Smith
„Was wir uns erzählen. Das Erbe der Sklaverei – Eine Reise durch die amerikanische Geschichte“. Siedler Verlag, 432 Seiten, 26 Euro.