Stellt gerne den Rest der Skisprung-Szene in den Schatten: Ryoyu Kobayashi. Foto: AFP/Christof Stache

Ryoyu Kobayashi könnte als erster Athlet in der Geschichte der Vierschanzentournee sechs Springen in Serie gewinnen. Für die außergewöhnlichen Leistungen des Japaners gibt es gute Gründe – nicht alle liegen auf dem Schanzentisch.

Garmisch-Partenkirchen - Der Mann, der Ryoyu Kobayashi seine Stimme leiht, heißt Markus Neitzel. 13 Jahre lebte der evangelische Pfarrer aus Hüttenberg in Japan, baute dort christliche Gemeinden auf. Der Seelsorger kennt die japanische Mentalität, weshalb es ihm bestens gelingt, sich in den Superstar des Skispringens hineinzufühlen. Das spürt auch Kobayashi. „Ich danke meinem Dolmetscher“, sagt er, „er drückt aus, was ich denke.“ Und das ist alles andere als einfach – denn viele Hinweise erhält Neitzel nicht.

Auf Fragen reagiert Kobayashi (23) meist mit einem Lächeln und wenigen Worten. „Ich bin kein guter Redner“, erklärt er, „das ist der Grund, warum meine Antworten so kurz sind.“ Oder anders formuliert: Der Mann lässt lieber Taten sprechen. Was recht aussagekräftig sein kann.

Seit gut einem Jahr ist Ryoyu Kobayashi der Überflieger unter den Skispringern. Vergangene Saison triumphierte er nicht nur in 13 von 28 Weltcupwettbewerben, sondern auch an allen vier Stationen der Vierschanzentournee. Diese Serie setzte er nun am Sonntag mit dem Sieg in Oberstdorf fort. An Neujahr in Garmisch-Partenkirchen (14 Uhr/ZDF, Eurosport) könnte Kobayashi als erster Athlet sechs Tournee-Springen nacheinander gewinnen, und selbst der zweite Grand Slam in Folge ist nicht ausgeschlossen. Auch wenn die Konkurrenz ihre Ambitionen noch längst nicht aufgegeben hat. „Seine beiden Sprünge in Oberstdorf waren auf brutal hohem Niveau“, sagt Karl Geiger, der als Lokalmatador auf Rang zwei gelandet war, „aber auch Ryoyu Kobayashi ist kein Zauberer.“ Allerdings durchaus in der Lage, magische Momente zu schaffen.

Kobayashi liebt schnelle Autos

Vor einem knappen Jahr zum Beispiel, da war dem Japaner im letzten Springen in Bischofshofen der Tournee-Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen. Wohl aber der Eintrag im Geschichtsbuch – denn nach dem ersten Durchgang lag er nur auf Rang vier. Doch dann zauberte er einen zweiten Sprung in den Schnee, der ihm nicht nur mit großem Vorsprung den Tagessieg sicherte, sondern auch den Grand Slam, den zuvor nur Sven Hannawald (2001/02) und der Pole Kamil Stoch (2017/18) geschafft hatten. Seither wird Kobayashi immer wieder gefragt, was denn das Geheimnis seines Erfolgs sei. „Ich weiß es nicht“, entgegnet er stets, „als ich vor vier Jahren in den Weltcup kam, war ich richtig schlecht. Dann habe ich von den Besseren gelernt.“ Was allerdings nur die halbe Wahrheit ist.

Früher liebte Kobayashi schnelle Autos und das lockere Leben mehr als harte Arbeit. Erst als er begann, auch im Training kräftig Gas zu geben, nahm seine Karriere Fahrt auf. Mittlerweile scheint er das richtige Antriebskonzept für sich gefunden zu haben: Über Weihnachten reiste der extravagante Mode-Fan nicht mit dem restlichen Team zurück nach Japan, sondern gönnte sich eine Auszeit in Paris – und leistete es sich, an einem Tag überhaupt nicht zu trainieren. Laissez-faire statt Leistungsprinzip? Für Kobayashi, das zeigte sein Sieg in Oberstdorf eindrucksvoll, gilt: die Mischung macht’s. Zu der auch sein enormes Talent gehört.

Die größte Fähigkeit des Überfliegers ist, nach seinem kräftigen Absprung schneller als jeder andere in die optimale Flugposition zu kommen. Dadurch gelingt es ihm, eine enorm hohe Geschwindigkeit mitzunehmen. Die Aggressivität am Schanzentisch ist zwar nicht ohne Risiko, doch Kobayashi hat Vertrauen in sein System, das ihm oft den entscheidenden Vorteil bringt. „Anlauf, Flugphase, Landung – bei ihm geht das eine ins andere über. Deshalb sieht es so leicht aus“, sagt Skisprung-Legende Sven Hannawald. Und Kobayashis Heimtrainer Richard Schallert meint: „Sein Geheimnis ist die sehr koordinierte Knie-/Hüftstreckung. Dazu kommt eine enorme innere Ruhe. Das kann man nicht lernen.“ Ähnlich sieht es Alexander Stöckl. „Wir verstehen die Sprungphilosophie von Kobayashi“, sagt der österreichische Chefcoach der Norweger, „aber sie zu kopieren, ist ganz schwierig.“ Weshalb der Konkurrenz nichts anderes übrig bleibt, als darauf zu hoffen, dass der Zauber von Kobayashi bald wieder verfliegt. Ausgeschlossen ist das nicht.

Horngacher: „Niemand ist unschlagbar“

Bei der WM 2019 in Innsbruck und Seefeld brachte der riskant-aggressive Stil dem Japaner nicht das erhoffte Ergebnis. Der Mann aus Sapporo war der klare Favorit, blieb aber in beiden Einzelspringen völlig überraschend ohne Medaille. Im Gegensatz zu Markus Eisenbichler und Karl Geiger. Die Deutschen werden mittlerweile von Stefan Horngacher betreut, und auch der neue Bundestrainer erinnert sich natürlich an die WM. „Niemand ist unschlagbar, das gilt auch für Ryoyu Kobayashi“, sagt er, „ich denke, dass es sehr schwierig ist, bei der Tournee zweimal nacheinander vier Springen zu gewinnen – wir werden es ihm vermiesen.“

Vermutlich wird Markus Neitzel seinem Schützling auch diese Kampfansage übersetzen. Die Antwort von Kobayashi? Könnte durchaus aussagekräftig sein. Allerdings nur auf der Schanze.

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