Überbewältigt von ihrem Triumph: Skisprung-Olympiasiegerin Carina Vogt vom SC Degenfeld Foto: Getty Images Europe

Der Schwarzwald war über Jahre die Skisprung-Hochburg schlechthin in Deutschland. Doch der Standort Degenfeld hat rasant aufgeholt – wie die Goldmedaille von Carina Vogt eindrucksvoll beweist.

Schwäbisch Gmünd - Der Erfolg von Carina Vogt (22) in Sotschi war gleich in doppelter Hinsicht ein historischer Triumph. Zum einen ist sie nun die erste Skisprung-Olympiasiegerin der Geschichte – und zum anderen die erste Goldmedaillengewinnerin, die aus den Reihen des Schwäbischen Skiverbands (SSV) kommt. „Wir sind unheimlich stolz auf Carina“, sagt SSV-Präsident Heiner Dangel, „dieses Gold hat große Signalwirkung. Vor allem für andere Nachwuchssportler. Carina hat gezeigt, dass man es auch aus dem flachen Land ganz nach oben schaffen kann.“

Im Gegensatz zu vielen anderen baden-württembergischen Skispringern wuchs sie nicht im Schwarzwald mit Bergen vor der Haustüre auf. Vogt stammt aus Waldstetten im Remstal und springt für den nur wenige Kilometer entfernten Ski-Club Degenfeld. Nun ist die Gegend um Schwäbisch Gmünd nicht gerade ein Wintersport-Paradies mit Schneegarantie – dass Vogt bei den Winterspielen zu Gold sprang, ist dennoch kein Zufall. Trotz geringer finanzieller Mittel gelingt es dem Traditionsverein, Nachwuchssportler zu gewinnen und sie optimal zu fördern. „Das große Plus in Degenfeld ist die breit angelegte ehrenamtliche Arbeit, die dort geleistet wird“, sagt SSV-Chef Dangel. Es ist das Werk von Idealisten.

Anfang der 90er Jahre, als die zwei Mattenschanzen eingeweiht wurden, wurde der Standort Degenfeld zum SSV-Stützpunkt ernannt. Und dessen langjähriger Leiter Thomas Aubele (41) entwickelte ihn mit Hilfe von acht ehrenamtlichen Trainern und Funktionären zu einer großen Talentschmiede. „Thomas Aubele hat das Skispringen in Degenfeld in den vergangenen Jahren maßgeblich vorangetrieben“, lobt Dangel.

Bis zuletzt formte er aus sportbegeisterten Kids echte Schanzen-Asse. Nun muss der Rechtsanwalt aus beruflichen Gründen etwas kürzertreten. Als Trainer bleibt er dem SC Degenfeld erhalten, seinen Job als Stützpunktleiter hat er aber abgegeben. Die Voraussetzungen, die er dort über die Jahre hinweg geschaffen hat, indes bleiben. Über ein Schnuppertraining, das der Verein über das Sommerferienprogramm in 36 umliegenden Gemeinden anbietet, und Kooperationen mit Schulen begeistert der Ski-Club Heranwachsende fürs Skispringen. „Das funktioniert gut. Da bleibt fast immer das eine oder andere Kind bei uns hängen“, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Frank Ziegler. Wie einst auch Carina Vogt.

Das war 1998, im Alter von sechs Jahren. Richard Baur und Thomas Aubele begleiteten ihren Weg in die Weltspitze. Auch als Vogt vor fünf Jahren mit dem Skispringen aufhören wollte, stimmte Aubele sie um. „Nur Thomas Aubele hielt zu mir und baute mich auf“, sagt Vogt heute. Obwohl die Olympiasiegerin inzwischen in Oberstdorf trainiert, haben die beiden fast täglich Kontakt miteinander.

Neben der Olympiasiegerin gehen mittlerweile rund 25 Athleten für den SC Degenfeld vom Schanzentisch, sieben von ihnen stehen in einem Kader des Deutschen Skiverbands (DSV). Damit stellt der SC Degenfeld derzeit selbst die Skisprung-Hochburgen von einst im Schwarzwald wie Hinterzarten oder Schonach in den Schatten. Und das, obwohl die Bedingungen in Degenfeld nicht optimal sind. Zwar gibt es am Rande der Ostalb zwei Mattenschanzen, jedoch nur in der Höhe von 15 und 43 Metern. Den Top-Springern sind diese Höhen zu klein. Und um auf der Großschanze trainieren zu können, fehlt es häufig an Schnee. Aubele und seine Athleten fuhren deshalb zum Trainieren nach Hinterzarten, Schonach, Isny oder Villach. Dort liegt in den Wintermonaten erfahrungsgemäß mehr von der weißen Pracht als in Degenfeld. Und falls nicht, haben die Schanzenbetreiber Schneekanonen, mit denen sie die Anlage präparieren können.

Der Olympiasieg von Vogt zeigt: Der enorme Aufwand, den die Helfer beim SC Degenfeld betreiben, ist Gold wert.

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