Mit 80 Sachen die Rampe hinunter: Ole Pavel bei der Weltcup-Vorbereitung auf dem Stubaier Gletscher in Österreich Foto: Martin Erd

Für Ole Pavel (20) aus Flein bei Heilbronn vereinen sich im Freestyle Leistungssport und Lebensgefühl. Nach einer schweren Knieverletzung hat er sich zurückgekämpft.

Flein - Es war ein erhebender Moment für Ole Pavel, als er Anfang Dezember im Hockeystadion von Mönchengladbach auf der 50 Meter hohen Stahlrampe stand. 10 000 Zuschauer jubelten ihm im Auslauf zu, bevor er sich mit einer Anlaufgeschwindigkeit von rund 80 Kilometern pro Stunde in die 120 Meter lange Spur stürzte, um die Rampe dann mit einer Absprunggeschwindigkeit von 55 km/h zu verlassen.

Die Flugshow danach dauerte knapp drei Sekunden, in denen er sich und seine Skier verdrehte wie ein Turmspringer, um dann auf hartem Schnee zu landen. Am Ende sprang für den jungen Wilden unter 120 Teilnehmern Rang 30 heraus. Es war sein erster Weltcup-Auftritt überhaupt. Auf dem Stubaier Gletscher hatte er sich vorbereitet. „Ich habe jede Menge Energie rausgezogen, weil ich jetzt weiß, dass mein Knie wieder fit ist“, sagt Ole Pavel.

Er hat hart dafür gearbeitet nach der schweren Verletzung, die er sich bei Filmaufnahmen im April 2015 in Kanada zugezogen hatte. Die Diagnose klang niederschmetternd – Kreuzbandriss, Innenbandriss, und dann waren auch noch der Innen- und Außenmeniskus kaputt. Hinzu kam die Angst, ob das Knie jemals wieder den Belastungen seines Sports standhalten kann. Die Rückkehr war deshalb auch eine psychische Herausforderung für den 20-Jährigen. Viereinhalb Stunden dauerte die OP. Nach neun Wochen an Krücken fuhr er viermal die Woche zum Olympiastützpunkt nach Stuttgart, baute das Knie und die Seele wieder auf.

Traum von Olympia nicht aufgegeben

„Ich bin dort mit den Turnerinnen Kim Bui und Kim Janas in einen spannenden Kreis reingerutscht und hab’ gesehen, wie hart die beiden trainieren müssen“, sagt Ole Pavel. Gemeinsam hätten sie sich motiviert, sich über die Fortschritte der anderen gefreut. 18 Monate später musste Kim Janas ihre Karriere beenden, Kim Bui schaffte es zu den Olympischen Spielen nach Rio.

Den Traum von Olympia hat auch Ole ­Pavel noch nicht aufgegeben. Warum auch. Er ist ja noch jung und peilt 2022 an. Doch wie fand der Unterländer überhaupt den Weg in die hippe Freeski-Community? Skifahren war bei den Pavels schon immer Familiensache. Der Großvater fuhr Rennen für den Schwäbischen Skiverband, die Mutter ist Skilehrerin. Die Winterferien verbrachte die Familie immer im schweizerischen Hasliberg, in der sich schon früh eine Szene von Skifreigeistern entwickelt hat. Mit 14 stieg Pavel vom Snowboard auf die Twintips-Skier um und tauchte ein in die Welt der Slopestyler. Jedes Wochenende fuhr er im Winter zu den Funparks in die Berge, um neue Tricks auszuprobieren. „Das ist der Reiz vom Freestyle: selber rauszugehen und zu probieren, wo die eigenen Grenzen liegen“, erzählt er. Über das Nachwuchsteam hat er es in der jungen Verbandssparte des Deutschen Skiverbands (DSV) bis in den B-Kader der Nationalmannschaft geschafft und Hochleistungssport mit seinem Lebensgefühl verbunden.

Auch Leistungen in Videoparts zählen

Im Moment ist er im Allgäu mit seinem Oberstdorfer Kumpel Lukas Joas dabei, neue Clips zu drehen. Innerhalb der Szene definiert sich der gegenseitige Respekt der Freeskier nicht nur durch die Erfolge bei Wettbewerben, sondern auch durch Leistungen in Videoparts. Gleichzeitig muss er sein Social-Media-Profil schärfen, um eine Fangemeinde aufzubauen und sich für mehr Sponsoren attraktiv zu machen.

Ein bisschen Geld verdient er sich dazu von kleinen Clips fürs Internet bis hin zu großen Filmproduktionen. „Es ist ein ziemlicher Kampf ums Überleben“, sagt Ole. Er macht sich Gedanken, wie es weitergeht, wenn nach dem neuen Förderprogramm nur noch Topteams vom DOSB unterstützt werden. Unterkriegen lässt er sich nicht. „Durch die Verletzung bin ich noch ehrgeiziger geworden“, sagt Pavel, der an einer Fernuni Sportmanagement studiert.

Nächstes Ziel ist am 22. Januar der Freestyle-Europacup in St. Anton, bei dem die besten Athleten aus ganz Europa an den Start gehen werden. Hier will er sich weiter für den Weltcup empfehlen. Die nächste Grenzerfahrung wartet also.

Slopestyle und Big Air

Slopestyle: Wettkampfsport, der aus dem Snowboard- und Freeskiing kommt. Dabei wird ein Hindernisparcours mit unterschiedlichen Hindernissen auf Ski in einem zusammenhängenden Lauf durchfahren und die Fahrt von einem Preisrichter bewertet. Der Parcours ist so gestaltet, dass die Fahrer mehrere Möglichkeiten haben, die einzelnen Elemente zu kombinieren. Es wird gewertet, wie der Fahrer die einzelnen Elemente nutzt, welche Tricks er vollführt und wie eindrucksvoll er diese Tricks durchführt. Seit den Winterspielen 2014 in Sotschi ist Slopestyle olympisch.

Big Air: Ist unter den Freestyle-Wettbewerben gewissermaßen das Skispringen. Die Sportler rasen entweder auf Skiern oder auf einem Snowboard eine steile Rampe hinunter und werden über den Absprung für etwa drei Sekunden in die Luft katapultiert. Hier drehen sie sich vertikal oder horizontal. Für solche Spins, Flips, Rolls und Grabs gibt es Wertungspunkte. 2018 in Südkorea ist Big Air erstmals olympisch. (eru)

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