Kehrt auf die Skipiste zurück: Lindsey Vonn Foto: Imago//Germain Hazard

Abfahrtsikone Lindsey Vonn (40) kündigt nach zwei schweren Knie-Operationen ihr Comeback an und träumt von den Winterspielen 2026. Für das Risiko, das sie eingeht, wird die Skifahrerin hart angegangen.

Eine Sportart lebt immer auch von ihren Stars und den Schlagzeilen, die sie schreiben. Insofern muss man sagen: Für den Skisport könnte es besser kaum laufen.

 

Erst sorgte das Comeback von Marcel Hirscher für Aufsehen, an diesem Wochenende hat Mikaela Shiffrin gute Chancen, die magische Marke von 100 Weltcup-Siegen zu knacken, und zudem gibt es noch eine weitere spektakuläre Rückkehr: Abfahrtsikone Lindsey Vonn, gerade 40 geworden und mittlerweile mit einer Knie-Teilprothese unterwegs, will fünfeinhalb Jahre nach ihrem Abschied wieder Rennen bestreiten. Dass die US-Amerikanerin, die allein bei Instagram 2,4 Millionen Follower hat und nicht nur in den sozialen Medien gerne im Fokus steht, vor allem um Aufmerksamkeit buhlt, bestreitet sie vehement. „Es ging mir“, sagte sie neulich, „schon immer um die Reise.“ Und die ist offenbar noch nicht zu Ende – auch wenn es lange so ausgesehen hatte.

Nachts auf der Streif unterwegs

Im Februar 2019 fand im schwedischen Are die Ski-WM statt, Vonn holte Rang drei in der Abfahrt und danach alle Trophäen aus dem Koffer, die sie zuvor bei Großereignissen in Abfahrt und Super-G gewonnen hatte (Olympia 1x Gold/2x Bronze, WM 2x Gold/3x Silber/3x Bronze). Sie präsentierte sich mit diesen elf Medaillen um den Hals den Fotografen – zum vermeintlichen Abschiedsfoto. Als sie danach den Zielraum verließ, konnte sie vor Schmerzen kaum laufen. „Mein Körper“, erklärte Vonn, die sich in ihrer Karriere unter anderem zwei Kreuzbandrisse und eine Schienbeinkopffraktur zugezogen hatte, ein paar Tage später mit Tränen in den Augen, „ist nicht mehr zu reparieren.“ Mittlerweile hört sich das anders an.

Auf dem roten Teppich zu Hause: Lindsey Vonn Foto: dpa/Jordan Strauss

Vonn ließ sich zweimal am Knie operieren und trainierte, wie zahllose von ihr veröffentlichte Videos belegen, wie eine Besessene. Im Januar 2023 fuhr sie bei Nacht die Männer-Abfahrt in Kitzbühel hinunter, und nun zeigt sich, dass dieses unfassbare Abenteuer auf der Streif mehr war als ein PR-Gag. Gegenüber der „New York Times“ erklärte Vonn, die 82 Weltcup-Siege in allen Disziplinen (43 Abfahrt, 28 Super-G, 4 Riesenslalom, 2 Slalom, 5 Kombination) eingefahren hat: „Ich habe meine Karriere damals ohne die Absicht beendet, jemals zurückzukehren. Aber ich liebe das Skifahren und bin niemand, der Angst hat. Ich liebe es, schnell zu sein. Wie schnell ich sein kann? Weiß ich nicht.“ Dies herauszufinden sei ein Risiko – „aber ich bin bereit, es einzugehen“. Was manche überhaupt nicht nachvollziehen können.

Michaela Dorfmeister: „Will sie sich umbringen?“

Skirennen zu bestreiten ist an sich schon ein Wagnis. Mit einem zum Teil künstlichen Kniegelenk ist es Harakiri, meint Michaela Dorfmeister. „Will sie sich umbringen?“, fragte die Doppel-Olympiasiegerin von 2006 in den „Niederösterreichischen Nachrichten“, „ich halte das für brandgefährlich. Das ist Spitzensport und keine Spaßveranstaltung. Lindsey Vonn sollte einen Psychologen aufsuchen. Ihr Geltungsdrang ist riesig.“ Andere Skilegenden äußerten sich ähnlich.

„Meiner Meinung nach ist das nur eine Show, die an Verarschung grenzt“, meinte Markus Wasmeier, „solche Aktionen zu machen ist saugefährlich, erst recht in den Speed-Disziplinen.“ Franz Klammer sagte: „Wenn sie das wirklich tut, hat sie einen Vollschuss.“ Und auch Sonja Nef sprach Klartext. „Ich dachte: So bescheuert kann sie nicht sein. Aber sie ist es offensichtlich – leider. Kein Chirurg dieser Welt würde sagen, dass das, was sie tut, intelligent ist“, sagte die Ex-Weltmeisterin aus der Schweiz im „Blick“, „ich glaube, dass Lindsey Vonn im normalen Leben, wo sie nicht immer im Mittelpunkt steht und sich nicht alles um sie dreht, nicht klarkommt. Darum tut sie mir leid.“ Es gibt allerdings auch andere Stimmen.

Fernziel ist Cortina 2026

Die dreimalige Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch ist nur zum Teil skeptisch („Ich kann sie nicht verstehen, finde es aber mutig und bewundernswert“), während Felix Neureuther („Wenn eine das unmöglich Anmutende schaffen kann, dann ist es die einzigartige Lindsey Vonn“) und Marcel Hirscher („Ich traue ihr sehr viel zu, sie weiß genau, was sie macht“) ebenso gespannt auf das Comeback der US-Amerikanerin blicken wie Wolfgang Maier. „Sie war immer hochprofessionell, extrem gut austrainiert, extrem athletisch“, sagte der Alpindirektor des Deutschen Ski-Verbandes, „ich glaube, dass sie an die erweiterte Weltspitze herankommen kann. Sie ist schon immer eine schnelle Skifahrerin gewesen, das verlernt man nicht.“

Der Fahrplan der Rückkehr steht seit Kurzem fest. Der US-Skiverband hat für Vonn eine Wildcard für die Super-G-Weltcups am 21. und 22. Dezember in St. Moritz beantragt, zuvor soll sie in Nordamerika kleinere Rennen bestreiten und am 14./15. Dezember als Vorläuferin beim Weltcup in Beaver Creek/USA starten. Möglich wäre allerdings auch, erst Mitte Januar in Cortina d’Ampezzo – auf einer ihrer Lieblingspisten – wieder einzusteigen. Es wäre eine gute Geschichte: Schließlich sind die Olympischen Winterspiele 2026, bei denen die Frauen-Rennen dort ausgefahren werden, das Fernziel von Lindsey Vonn. „Ich war in Cortina sehr erfolgreich“, sagte sie, „jeder weiß, wie sehr ich diesen Ort liebe.“ Ob womöglich im Zeichen der Ringe das endgültig letzte Kapitel ihrer Karriere geschrieben wird? Sicher ist das, Stand heute, nicht. „Ich fühle mich“, meinte Lindsey Vonn zuletzt, „stärker als je zuvor.“

Hört sich so an, als wolle sie unbedingt noch ein paar fette Schlagzeilen liefern.