Der neue DSV-Trainer Mathias Berthold spricht über Druck im alpinen Skisport und den Saisonauftakt in Sölden.    

Stuttgart - Herr Berthold, nach vier Jahren als Cheftrainer der österreichischen Ski-Herren sind Sie zurück beim Deutschen Skiverband ( DSV). Hatten Sie Sehnsucht nach ein bisschen Ruhe?
(Lacht) Ich weiß, was Sie meinen. Aber der Druck, dem man als österreichischer Skitrainer ausgesetzt ist, war kein Problem. Im Gegenteil: Ich hab’ es gern, wenn’s ein bisserl pfeift. In Österreich ist der Skisport eben das Wichtigste. Wenn man in einer Sportart weltweit die Nummer eins ist, dann definiert sich eine Nation eben auch darüber.
Und Sie waren quasi der Joachim Löw von Österreich.
Ja, so kann man es sagen. Wenn ich zum Beispiel durch Wien gegangen bin, dann wurde ich erkannt. In München dagegen bleibe ich unerkannt.
Warum haben Sie die beste Mannschaft der Welt verlassen, um in Deutschland ein junges Team zu formen?
Ich wollte die Arbeit in Österreich in der Form nicht mehr weitermachen.
Wie meinen Sie das?
Die Mannschaft in Österreich ist riesengroß, ich hatte die Verantwortung für 60 Athleten, viele, viele Trainer und zahlreiche Serviceleute. Man muss sehr viel organisieren, dabei bin ich einer, der gern eng mit den Athleten zusammenarbeitet. Das habe ich auch gemacht – und die übrige Arbeit in die Nacht oder aufs Wochenende verlagert. So habe ich das vier Jahre lang durchgezogen, es hat Riesenspaß gemacht, aber letztendlich war mir dann doch klar, dass ich mich verändern möchte.
Dabei stand am Ende ein überragender Erfolg. Der Olympiasieg in der Abfahrt durch Matthias Mayer.
Ja, das war schon der Wahnsinn. Immer wieder wurden wir konfrontiert mit den Jahren, in denen Österreich keine Abfahrtsmedaille bei Großereignissen gewonnen hat, dann hat sich Kitzbühel-Sieger Hannes Reichelt verletzt, und alle haben uns abgeschrieben. Aber dann kamen Matthias Mayer, Mario Matt und Marcel Hirscher und habe es einfach durchgezogen. Gold in der Abfahrt plus Gold und Silber im Slalom – das steht jeder Nation gut zu Gesicht.
Dennoch hatten Sie danach genug.
Wie gesagt: Der Aufwand war enorm. Und bei allem Spaß an der Arbeit: Irgendwann bist du einfach müde und merkst, dass du andere Schwerpunkte in der Arbeit setzen möchtest.
Und dann kam DSV-Alpinchef Wolfgang Maier auf Sie zu.
Ich habe alles auf mich zukommen lassen, hätte auch Engagements außerhalb des Sports annehmen können. Aber schon bei unserem ersten Gespräch gab es viele Gemeinsamkeiten. Also habe ich zugesagt – und kann jetzt behaupten: Es war wie nach Hause zu kommen. Ein echt gutes Gefühl, und selbst die Trainer der anderen Ski-Disziplinen haben eine Riesengaudi, dass ich wieder da bin. Wobei: Vielleicht tun sie ja auch nur so. (Lacht)
Die Bedeutung des Skisports in Deutschland ist eine andere als in Österreich, die Erwartungshaltung dadurch auch . . .
. . . überhaupt nicht. Der Anspruch, den ich an meine Arbeit habe, ist doch immer der Gleiche. Und was die Athleten angeht, ist es eine Frage der Perspektive. Wenn ich mit Ausnahmeläufer wie Felix Neureuther, Fritz Dopfer oder Stefan Luitz arbeiten kann, dann erwarte ich auch viel von ihnen.
Andererseits werden Sie sich aber auch mal über einen 20. Platz freuen müssen.
Was überhaupt kein Problem für mich ist. Denn zumindest in den schnellen Disziplinen spielt sich das Ganze im DSV im internationalen Vergleich eben noch nicht auf allerhöchstem Niveau ab. Aber: Wenn wir gut arbeiten, können wir auch schnell ein paar Schritte nach vorn kommen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in zwei Jahren bereits über einen 20. Platz ärgern würden.
Das Ziel, eine schlagkräftige Abfahrtsmannschaft auf die Beine zu stellen, gibt es im DSV seit Jahren. Der Erfolg ist ausgeblieben. Schaffen Sie die Wende?
Zunächst einmal benötigt man auch Glück, von Verletzungen verschont zu bleiben. Tobias Stechert ist so ein Beispiel. Dem habe ich im Grunde schon lange einen Weltcupsieg zugetraut, er wurde aber immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen.
Abseits von Glück und Pech . . .
. . . liegt es allein an uns, dass wir zusammen mit den Athleten einen richtig guten Job machen. Dann sehe ich keinen Grund, warum es nicht funktionieren sollte. Wir haben alle Möglichkeiten um erfolgreich zu sein und ich bin sicher: Gute Arbeit zahlt sich aus.
Und die Rennläufer dafür haben Sie auch?
Natürlich ist es überschaubarer als etwa in Österreich. Aber bei den Jungen haben wir gute Leute mit Perspektive, weshalb ich noch mal sage: Wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir es uns selbst zuzuschreiben.
Wie stark ist der deutsche Nachwuchs?
Nicht schlecht, wirklich. Als ich vor sieben Jahren bei den deutschen Damen angefangen habe, waren wir im Nachwuchs weiter weg von den österreichischen Mädchen als jetzt mit den Talenten im Männerbereich.
Die Voraussetzungen waren trotz einer Maria Höfl-Riesch also schlechter?
Deutlich schlechter. Aber zusammen mit meinen Trainerkollegen, Physiotherapeuten und Serviceleuten haben wir auf die Erfolgsspur gewechselt. Genau deshalb habe ich mir diese Crew von damals jetzt auch wieder zusammengeholt. Als Cheftrainer muss ich von meinem Team überzeugt sein – und das bin ich.
Wie groß sind die Sorgen, die Ihnen Felix Neureuther bereitet?
Natürlich macht er mir mit seinen Rückenproblemen Sorgen. Aber wir haben schon vor drei Wochen gesagt: Jetzt machen wir ein normales Trainingsprogramm, nicht speziell abgestimmt auf Sölden. Dieses Training werden wir jetzt intensivieren, da ihm noch die Sicherheit fehlt, um mit letzter Konsequenz ein Weltcup-Rennen zu bestreiten.
Wie wichtig ist er für die Mannschaft?
Es ist natürlich gut für alle, wenn er da ist, er hat eine gute Ausstrahlung. Es darf der Mannschaft aber auch nichts ausmachen, wenn er nicht dabei ist.
Was erwarten Sie ohne ihn vom ersten Rennen, dem Riesenslalom in Sölden?
Fritz Dopfer und Stefan Luitz haben wirklich gut trainiert. Wenn sie das im Rennen umsetzen, haben sie die Chance, vorne mitzufahren. Die Jüngeren werden es auf dem Hang in Sölden schwer haben, mit hohen Startnummern nach vorne zu fahren. Aber sie entwickeln sich wirklich prächtig und haben das Glück, dass sie sich im Schatten der Topleute in den Mittelpunkt arbeiten können. Das hatten wir vor sieben Jahren bei den Damen zum Beispiel nicht.
Im Sport rechnet man in olympischen Zyklen. Sind es diese vier Jahre, die sie brauchen, um die Jungen auf Topniveau zu bringen?
Diese vier Jahre sind eine realistische Zeitspanne, es kann aber auch schneller gehen. Ideal wäre, wenn einer nach zwei Jahren in den Top Zehn ist, das im dritten Jahr festigt und im vierten Jahr dann ein Topfahrer ist.
Klingt nach einem guten Plan.
Ja, aber im Sport ist ein guter Plan nur die halbe Miete. Wir werden unsere Ziele jedoch auch verfolgen, wenn uns der harte Alltag eingeholt hat.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: