Akrobatik auf vier Rollen: Lukas Hölzer versucht das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Foto: Pressefoto Baumann

Skateboarden ist eine rebellische Sportart. Skateboarden steht für Freiheit und Unangepasstheit. Doch der Stuttgarter Sportlehrer Ulrich Härle will den Jugendlichen auch Regeln und Umgangsformen vermitteln.

Stuttgart - Die Skateboards donnern über die hölzernen Rampen in der Boost-Halle in Bad Cannstatt. Immer wieder schlägt ein Brett lautstark auf dem nackten Beton auf. Deftiger Lagerhaus-Charme strömt einem entgegen, laut klingt Hip-Hop aus Lautsprecher-Boxen. Das ist nichts für empfindliche Ohren. Eine rostige Treppe führt auf eine Galerie nach oben, von der aus der Sprecher und eine dreiköpfige Jury an diesem Samstag die besten Nachwuchsfahrer bewerten, die in drei Altersklassen den „Rookie oft the year 2012“ ermitteln werden.

Mitten drin in dem rollenden Gewusel ist auch der kleine Paul. Völlig unbeeindruckt von dem ganzen Trubel stellt sich der Fünfjährige auf sein Brett, die kurzen Beine stehen parallel, er ist locker in den Knien. Mit einer beeindruckenden Kontrolle über das Board schafft es der Kleine aus Oberkochen bei seinem ersten Wettbewerb nicht nur bis ins Finale, sondern wird in der Altersklasse bis zehn Jahre sensationell Zweiter. Dabei misst der zierliche Knirps mit 102 Zentimetern kaum mehr als sein Spielgerät, das er vor einem Jahr für sich entdeckt hat. „Und seitdem übt er jeden Tag“; sagt Vater Ralph Sturm, der im Hof eine Rampe gebaut hat. Er und seine Frau Inga unterstützen Paul und fahren ihn regelmäßig in die 60 Kilometer entfernte Skatehalle nach Ulm. Die Spielgefährten im Kindergarten wissen nichts von Pauls außergewöhnlichem Hobby. „Ich will aber mal Profi werden“, sagt der blonde Winzling, setzt den roten Helm auf und rollt davon.

Ein perfektes Einstiegsalter für Skateboarden gibt es nicht. „Aber man sollte auf einem Bein stehen und das Gleichgewicht halten können“, sagt Uli Härle von der Cannstatter Skateboardschule „The Step“, der die Veranstaltung organisiert hat. „Ob einer anschiebt oder schon einige Skillz kann ist unerheblich“, sagt Uli Härle, der mit seiner Wollmütze, Kapuzenpulli, einem Fünf-Tage-Bart und den Chinohosen perfekt in die Szene passt. Jeder ist willkommen. Hauptsache man bringt Lernfähigkeiten , Willen und Durchhaltevermögen mit.

Für die Leidenschaft den Job als Sportlehrer aufgegeben

Rund 100 Kindern nutzen die Anlage pro Woche. Vor allem im Winter ist die Halle eine willkommene Abwechslung zu diversen Skateboard-Parks rund um die Landeshauptstadt. Uli Härle will dem Nachwuchs vor allem vermitteln, wie man seine Freizeit jenseits von Facebook und Videospielen sinnvoll nutzen kann und vielleicht auch irgendwann das Sinnstiftende und die sozialen Hintergründe verstehen kann, die mit dem Skateboarden verbunden sind.

Seit fünf Jahren betreibt der 34-Jährige seine Schule, gab für seine Leidenschaft seinen Job als Sportlehrer auf. Am Rookies-Day grinden, sliden und flippen die Meisten der 64 Teilnehmer schon ziemlich ansprechend über Funbox, Rail, Quarter und Curbs. 90 Sekunden dauert eine Runde. Jeder Starter darf zweimal ran, um sich für den Endlauf zu qualifizieren. Die Choreographie auf dem Parcours kann jeder frei wählen, sie sollte jedoch vielfältige Elemente enthalten. Valentin Krämer aus Esslingen hat fast ein halbes Jahr geübt, bis er seinen ersten Ollie gestanden hat, der am Anfang vieler Tricks steht. Anfahren, abspringen und ruppig landen. Immer wieder. Bis es sitzt. Skaten ist ein sehr knochenintensiver Sport. „Da braucht man stabile Gelenke“, sagt Valentin, der die Achsen seines Bretts hart eingestellt hat.

Es geht meist nicht vordergründig um Leistung

Es ist gut für ihn gelaufen, in seiner Altersklasse wird er Fünfter. „Bei jedem Wettbewerb lerne ich dazu, schaue mir was von den anderen ab“, sagt Valentin. Der 16-Jährige skatet erst seit drei Jahren und zählt damit eher zu den Spätberufenen. Daniel Köhler aus Böblingen ist dagegen quasi auf dem Brett groß geworden. Ähnlich wie der kleine Paul fing er mit fünf an. Und obwohl er die meisten der komplexen Bewegungen drauf hat, geht es ihm auch beim Rookie-Contest nicht nur um den Sieg – auch wenn er sich in der Kategorie der Elf- bis 13-jährigen über Platz drei freuen darf. „Skaten bedeutet für mich vor allem Spaß haben“, sagt Daniel, der fast jedes Wochenende in der Boost-Halle trainiert.

Meistens geht es auf den Brettern vordergründig nicht um Leistung, sondern um die Fähigkeit, Wagnisse einzugehen. Und weil skaten eben schwierig ist, haben es die Erwachsenen nie für sich entdeckt und sich höchstens auf Inliner gewagt. Viele hören spätestens im Alter von 25 Jahren wieder auf. Doch die Geisteshaltung nimmt man mit ins weitere Leben. Auch Uli Härle sieht im Skaten ein hervorragendes pädagogisches Motivationswerkzeug und bietet auch Projekte für Schulen an. Und wie ernst er es mit dem Ehrenkodex meint, zeigt folgende Szene: Als ein Fotograf einen Sprung von Daniel Köhler festhalten will und dieser stürzt, darf die Aufnahme nicht verwendet werden. „Es darf nur abgelichtet werden, was man auch gestanden hat“, sagt Köhler. Tricks sind nur auf dem Parcours erlaubt.

Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene

Skate-Hallen rund um Stuttgart: Boost, Frachtstraße 25, 70372 Stuttgart, Telefon: 01 76 / 66 69 62 21, Öffnungszeiten: Dienstag von 16 bis 21 Uhr, Freitag von 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 20 Uhr. Skateboardkurse: Montags: Anfänger von 16 bis 17.15 Uhr, Fortgeschrittene von 17.30 bis 18.45 Uhr, Mädchen von 18.45 bis 20 Uhr, Mittwochs: Anfänger von 16 bis 17.15 Uhr, Fortgeschrittene von 17.30 bis 18.45 Uhr, Könner von 18.45 bis 20 Uhr, Preise jeweils 44 Euro (4 x 1,25 h), 99 Euro (10 x 1,25 h). Infos unter info@thestep.de.

Skate-Parks rund um Stuttgart: Skatepark Altenburger Steige in Bad Cannstatt, Altenburger Steige, 70376 Stuttgart. Skatepark Böblingen, Tübinger Straße (Stadtpark), 71032 Böblingen. Skatepark Ostfildern, Bonhoefferstraße, 73760 Ostfildern.Skatepark Esslingen in Oberesslingen, Eberspächerstraße, 73730 Esslingen.

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