Skandalforscher Burkhardt "Alles kann zum Skandal werden"

Von Daniel Gräfe 

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Spendenskandal, Wettskandal, Sexskandal: Skandale bestimmen die Schlagzeilen. Aber wann wird ein Ereignis skandalös? Ein Interview mit dem Hamburger Skandalforscher Steffen Burkhardt.

Hamburg/Stuttgart - Spendenskandal, Wettskandal, Sexskandal: Skandale bestimmen die Schlagzeilen. Aber wann wird ein Ereignis skandalös? Und wie kommt der Skandal wieder aus der Welt? "Der Schlüssel ist das Vertrauen", sagt der Hamburger Skandalforscher Steffen Burkhardt.

Herr Burkhardt, auf welche Skandale sind Sie heute schon gestoßen? Tut mir leid, den täglichen Skandal gibt es auch im Leben eines Skandalforschers nicht immer.

Dabei ist das Skandalgeschäft doch inflationär - es geht um Sex, Spenden, Schwarzgeld, Wetten, Pflege, Kunst, Medikamente. Was ist überhaupt noch ein Skandal? Er ist ein Kommunikationsprozess, der große Empörung auslöst. Das heißt, die Größe eines Skandals misst sich immer an seiner öffentlichen Resonanz. Nach diesem Prinzip kann alles zum Skandal werden.

Was ist besonders skandalträchtig? Der Schlüssel zum Skandal sind die Gefühle: Die Menschen empören sich vor allem über einen Vertrauensbruch. Wenn ich eine Fußballwette abschließe und hinterher merke, dass ich über den Tisch gezogen wurde, ist der Vertrauensverlust enorm; ebenso wenn die Grundfesten der Demokratie angetastet werden - wie zum Beispiel Anfang der 70er Jahre beim Watergate-Skandal in den USA.

War das schon immer so? Nein. Den Begriff "Skandalon" hat zuerst der griechische Philosoph Aristophanes (um 445 bis 385 v. Chr.) verwendet. Das "Skandalon" war das Stellhölzchen an einer Falle. Im Alten Testament war das Skandalon das Böse, das von Gott wegführte. Mit der Französischen Revolution wurde "Scandale" zum Schlachtwort gegen die politisch Mächtigen. Dadurch hat sich in Europa eine Kultur etabliert, in der der Skandal ein Instrument ist, um Politiker zu Fall zu bringen.

Wie es derzeit beim nordirischen Ministerpräsidenten Peter Robinson versucht wird, dessen 60-jährige Frau eine Sexaffäre mit einem 19-Jährigen hatte. Und die sich zuvor immer als wertebewusst präsentierte. Und, wichtiger: Sie hat für ihren Liebhaber als Stadträtin Lobbyarbeit betrieben. In Nordirland hat das eine Regierungskrise ausgelöst. In Deutschland berichten die Medien eher über die schlüpfrigen Details.

Das heißt, nicht jeder Skandal löst in jedem Land die gleiche Empörung aus? Genau. In Amerika finden Sexskandale einen wesentlich fruchtbareren Nährboden. Ein Politiker wie Silvio Berlusconi mit seinen Gespielinnen wäre in den USA als Staatsmann untragbar. In Deutschland sind vor allem der Nationalsozialismus, Christentum und Fußball häufig Skandalthemen.

Können auch ganze Länder skandalisiert werden? Der Kinderschänder Marc Dutroux hat Belgien den Ruf eingebracht, ein Land von Pädophilen zu sein. Skandale können tatsächlich für einige Zeit die Reputation eines Landes bestimmen. Deshalb betreiben die Länder ein sogenanntes Soft Power Management, das heißt, sie versuchen über verschiedene Kanäle die Reputation eines Landes zu steuern. Deutschland macht das unter anderem über die Goethe-Institute.

Ist heute ein Skandal vor allem ein PR-GAU, das heißt eine Folge von verfehlter Öffentlichkeitsarbeit? Es gibt tatsächlich viele Skandale, die dadurch entstehen. Als zum Beispiel der Energiekonzern Vattenfall 2007 nach dem Brand im Atomkraftwerk Krümmel die Öffentlichkeit kaum informierte, hat das zu einem riesigen Vertrauensverlust in der Bevölkerung und enormen finanziellen Einbußen geführt. Die Öffentlichkeitsarbeit war desaströs. Aber es gibt auch Positivbeispiele.

Zum Beispiel? Tiger Woods ist halbnackt auf dem Cover der kommenden Februar-US-Ausgabe von "Vanity Fair" zu sehen. Damit positioniert er sich nach einem Sexskandal neu. Der Skandal war ja, dass ein extrem moralischer, aalglatter, fast asexueller Sportler und Bilderbuch-Ehemann zig Liebschaften hatte und damit die Öffentlichkeit getäuscht hat. Jetzt belegen die Bilder: Dieser Mann ist eine sehr maskuline Sportmaschine, die auch eine Sexmaschine sein kann. Das heißt: Seht her, er hat zwar seine Ehefrau betrogen, aber nicht die Öffentlichkeit getäuscht.

Es geht also um ein authentisches Image. Was ist mit den Skandälchen, die Paris Hilton & Co. inszenieren? Wenn sich eine Britney Spears ohne Schlüpfer fotografieren lässt oder Madonna auf der Bühne abknutscht? Das sind keine Skandale, die öffentliche Empörung auslösen, sondern nur PR-Maßnahmen der Unterhaltungsindustrie. Die Bilder werden lanciert oder selbst produziert, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Letztlich geht es darum, die Marken zu bewerben, die die Prominenten ja sind.

In Zeiten des Internets kann jeder von uns sehr schnell skandalisiert werden. Im Internet wurde das Video des sogenannten Dog Shit Girl berühmt. Die Aufnahme zeigt eine junge Frau aus Südkorea, die sich weigert, die Exkremente ihres Hundes zu beseitigen. Im Netz werden immer häufiger Menschen diffamiert - die Frage ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Sanktionieren wir die Frau oder den, der das Video ins Internet stellt? Ich finde, dass die Verletzung der Privatsphäre ein massiver Eingriff ist. Er steht in einem problematischen Verhältnis zu dem Delikt.

Sind Sie schon selbst Opfer eines Skandals geworden? Glücklicherweise nein.

Wie sähe Ihr persönliches Skandalmanagement aus? Das A und O ist Ehrlichkeit. Ich würde empfehlen, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen und zu erklären, was passiert ist und warum es passiert ist. Also genau das, was Tiger Woods zu lange nicht gemacht hat.

Ein lesenswertes Buch mit Interviews zur Skandalforschung ist im Herbert von Halem Verlag erschienen: "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung", herausgegeben von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen, 352 Seiten, 18 Euro.

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