Wirecard gilt in Deutschland als größter Fall von Wirtschaftskriminalität seit 1945. Dessen Aufarbeitung aber schleppt sich hin. Auch weil Russland einen Drahtzieher verbirgt.
Als am 25. Juni 2020 der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz anmelden musste, war es die erste und bis heute einzige Pleite eines deutschen Dax-Konzerns. Einzigartig war nach dem Kollaps, der Tausende Jobs und eine zweistellige Milliardensumme vernichtet hat, dann noch einiges, was ans Tageslicht kam. Aufgearbeitet ist der Skandal um den vermeintlichen Vorzeigekonzern, der in weiten Teilen wohl nur auf dem Papier existiert hat, aber auch fünf Jahre später nicht. Ob das je gelingt, darf bezweifelt werden. Wie zäh das Aufklären fällt, zeigt der vor zweieinhalb Jahren in München begonnene Strafprozess gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun und zwei Mitmanager. Das Mammutverfahren ähnelt einem Stellungskrieg, in dem die Fronten seit Anfang an verhärtet sind.
120 Seiten neue Beweisanträge
Im Mai erst hat Brauns Pflichtverteidigerin Theres Kraußlach dem Gericht gut 120 Seiten neue Beweisanträge präsentiert. Sie vertritt ihren Mandanten, weil dem das Geld für Starverteidiger ausgegangen ist. Kraußlach beharrt darauf, dass Braun nicht des angeklagten Bandenbetrugs, der Marktmanipulation oder Untreue schuldig, sondern selbst nur ein Opfer sei. Die schweren Untaten anderer seien dem Ex-Firmenboss „erst durch das Aktenstudium und die genaue Analyse und Auswertung der Konten bewusst geworden“, insistiert die Juristin.
Das ist die eine Seite des Grabens, der den Gerichtssaal durchzieht. Auf der anderen steht die Staatsanwaltschaft, zu deren Sicht das Gericht unter Richter Markus Födisch seit längerem erkennbar tendiert. Demnach war Wirecard in weiten Teilen ein potemkinsches Dorf, dessen angeblich gewinnträchtige Geschäftsteile in Asien über Jahre hinweg in immer größerem Stil frei erfunden waren. Am Ende waren 1,9 Milliarden Euro Wirecard-Treuhandgelder unauffindbar, was den Kollaps nach sich zog. In dieser Version der Realität war Braun Kopf einer Betrügerbande, die zum immensen Schaden von Banken, Anlegern und dem Finanzplatz Deutschland ein kriminelles Lügengebäude gesponnen hat.
Der Kronzeuge ist inzwischen auf freiem Fuß
Neben Braun auf der Anklagebank sitzen deshalb der frühere Wirecard-Chefbuchhalter Stephan von Erffa und Oliver Bellenhaus als Ex-Statthalter des Konzerns im arabischen Dubai. Während Erffa wie Braun hartnäckig jede Mitschuld abstreiten, ist Bellenhaus geständiger Kronzeuge, dem Staatsanwälte wie Gericht offenkundig Glauben schenken. Denn anders als Braun sitzt Bellenhaus längst nicht mehr in Untersuchungshaft. Mehrere Anträge Brauns auf Haftentlassung wurden dagegen abgelehnt.
Mahlen die Mühlen der Justiz also nur langsam, und eigentlich ist alles klar? Dan McCrum widerspricht. „Deutschland hat noch einiges aufzuarbeiten“, findet der Brite in einem Interview mit dem Magazin Wirtschaftsjournalist:in. McCrum ist der Enthüllungsjournalist der Financial Times (FT), dem bereits 2015 bei Wirecard vieles unglaubwürdig vorkam. Seine Kritik verpuffte anfangs aber nicht nur. Als Wirecard-Manager, allen voran Braun, die Enthüllungen als Lügen von FT und McCrum im Schulterschluss mit Spekulanten bezeichneten, stellten sich deutsche Staatsanwälte und Behörden wie die Finanzaufsicht Bafin hinter den Betrugskonzern und gegen die Aufklärer. Recht hatten aber McCrum & Co. Man sollte dem Aufklärer also zuhören.
Was bleibt seiner Meinung nach bislang im Dunkeln? „Zwei große Fragen sind noch offen“, sagt McCrum und benennt sie. „Das volle Ausmaß von Jan Marsaleks Aktivitäten als russischer Spion ist noch nicht tiefgehend erforscht, ebenso wenig wie die außergewöhnliche Nachsicht, die Wirecard von deutschen Behörden und Wirtschaftsprüfern wie EY genoss.“
Der flüchtige Ex-Vorstand Marsalek ist die fraglos schillerndste Figur des Skandals. Der Österreicher macht den Wirtschaftskrimi zum Agententhriller. Beim Kollaps des Dax-Konzerns aus Aschheim bei München hat er sich mutmaßlich mittels Geheimdienstkontakten über das weißrussische Minsk nach Moskau abgesetzt, wo er nicht untätig blieb. Letztere Erkenntnis verdankt man vor allem einem britischen Gericht, das jüngst Haftstrafen gegen einen bulgarischen Spionagering im Auftrag Russlands gefällt hat. Geführt wurden die Bulgaren, wie sich im Lauf des Londoner Prozesses ergab, offenbar von Marsalek.
Gesichtsoperationen, um nicht erkannt zu werden
Wie lange der heute 45-jährige, der sich angeblich Gesichtsoperationen unterzogen hat, um unerkannt reisen zu können, schon für Russland spioniert hat, ist unklar. Hat der „Spiegel“ richtig recherchiert, wurde Marsalek bereits vor gut einem Jahrzehnt in seiner Zeit als Wirecard-Manager angeheuert. Im Londoner Spionageprozess wurden gerade britische Geheimdiensterkenntnisse publik, nach denen sein bulgarischer Spionagering unter anderem Russlandkritiker und Militäreinrichtungen auch in Deutschland ausspioniert hat.
Der spionierende Manager ist der Mann, dem Braun alles in die Schuhe schiebt. Er habe mit Bellenhaus trickreich die nicht auffindbaren Wirecard-Milliardensummen in dunkle Kanäle abgezweigt. Die lukrativen Geschäfte, die es nach Ansicht von Ermittlern nie gegeben hat, hätten sehr wohl existiert. Sie seien nur illegal abgezweigt worden, ohne dass der damalige Wirecard-Boss oder sonst jemand das bemerkt haben will.
Marsalek ist die eine weitgehend offene Frage im Skandal um den Pleitekonzern, die McCrum benennt. Die andere kreist um versagende Behörden wie vor allem auch den langjährigen Wirecard-Wirtschaftsprüfer EY. Den versuchen kreditgebende Wirecard-Banken und Aktionäre in Verfahren parallel zum Münchner Strafprozess in Regress zu nehmen. Speziell für rund 20 000 geschädigte Wirecard-Aktionäre sieht es schlecht aus. Ihre Interessen sollten mittels Klage nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) vor dem Bayerischen Obersten Landgericht geklärt werden. Das aber hat diesen Februar erklärt, dass EY jedenfalls auf Basis des KapMuG nicht haftbar gemacht werden kann. Ob EY wirklich nicht per KapMuG verklagt werden kann, muss final der Bundesgerichtshof (BGH) entscheiden. Juristen sind skeptisch, ob das vor 2026 geschieht.
So ist der zähe Strafprozess immer noch der am weitesten gediehene Ort juristischer Aufarbeitung. Auch wenn dort nur drei einer weit größeren Zahl mutmaßlich verstrickter Ex-Manager auf der Anklagebank sitzen. Weitere Prozesse sind in Vorbereitung. In München wird am historischen Datum 25. Juni weiterverhandelt.
Anfang Juli dann nähert sich die ursprünglich geplante Beweisaufnahme ihrem Ende. Dann betritt Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffe, der so viel über den Skandal weiß wie kaum ein anderer, den Zeugenstand. Vielleicht bricht der Druck seines Wissens den Stellungskrieg zwischen Anklage und Verteidigung auf. Bleibt es bei Brauns Unschuldsbeteuerungen und den umfangreichen Beweisanträgen, kann es 2026 ins vierte Verhandlungsjahr gehen.