Die Enthüllungen um den angeblichen Tatsachenbericht beschäftigen unsere Kolumnistin. Sie hat dessen Autorin Raynor Winn einmal persönlich getroffen.
Vor drei Wochen wurde die Buchwelt in Großbritannien von einem Skandal erschüttert. Die Zeitung „The Observer“, die Sonntagsausgabe des renommierten „Guardian“, enthüllte in einer ausführlichen investigativen Reportage, dass der Weltbestseller „The Salt Path“, auf deutsch „Der Salzpfad“, zumindest in Teilen nicht auf Tatsachen beruht.
Auch in Deutschland war das Buch ein riesiger Erfolg, die Verfilmung läuft gerade im Kino. In dem angeblichen Tatsachenbericht erzählt Autorin Raynor Winn ihre Geschichte: Bei ihrem Mann war eine tödliche Krankheit diagnostiziert worden, ein Freund hatte sie finanziell übers Ohr gehauen, das Haus war verpfändet. Obdachlos, begleitet von nagendem Hunger, wandern die beiden wochenlang auf dem Küstenpfad im Südwesten Englands – und alles wendet sich zum Guten.
Zufällig traf ich 2021 Raynor Winn bei einer Lesung aus ihrem damals neuen Buch „Landlines“ persönlich. Mit ihrem wilden Haar und ihrem burschikosen Auftreten hatte sie durchaus Charisma, und die über hundert Gäste (überwiegend Frauen) hingen bewundernd an ihren Lippen. Aber irgendetwas verursachte mir Unbehagen. Mit ihrem noch immer todkranken Mann wanderte sie diesmal in die entlegenste Ecke Schottlands – meilenweit entfernt von Apotheken, ärztlicher Hilfe und Handynetz. Wieso geht man so ein Risiko ein? Oder ging es vielmehr darum, an den Erfolg des „Salzpfads“ anzuknüpfen? Zudem klangen plötzlich aus dem wabernden Nebel auftauchende Hirsche reichlich märchenhaft. Auch im „Salzpfad“ gibt es minutiöse Naturbeschreibungen, obwohl die Autorin angeblich kein Tagebuch führte und erst Monate später beschloss, ihrem Mann die Aufzeichnung zu Weihnachten zu schenken. Wie ist es möglich, sich mit großem zeitlichen Abstand so detailgetreu zu erinnern?
Wie der „Observer“ nun enthüllte, war es nicht das Ehepaar, das alles verlor, sondern die Autorin betrog ihren Arbeitgeber um Tausende von Pfund und tauchte unter. Autorin und Penguin Verlag streiten dies und zahlreiche andere Vorwürfe ab. Dem Verlag bleibt gar nichts anderes übrig, sonst müsste er einräumen, den Wahrheitsgehalt des Manuskripts nicht überprüft zu haben. Penguin gehört zum internationalen Verlagsimperium Random House. Keine kleine Klitsche. Vielleicht hat man auch bewusst nicht so genau hingeschaut, weil die Geschichte so schön auf die Tränendrüse drückt und gute Verkaufszahlen winkten? Allein der „Salt Path“ hat sich weltweit mehr als zwei Millionen mal verkauft.
Raynor Winn, die eigentlich Sally Walker heißt, hätte das Buch ja auch als Roman veröffentlichen können. Aber dann hätte sich das Ehepaar Walker nicht so schön zu Obdachlosen stilisieren können. Für alle, die wirklich obdachlos sind, ist das ein Schlag ins Gesicht. Autorin und Verlag haben gut verdient. Bei mir als Leserin bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück.