Sitzvolleyball Sport als Therapie und Leidenschaft

Von Elke Rutschmann 

Sitzvolleyball erfordert viel Koordination und Körperbeherrschung: Hier kämpft die deutsche Nationalmannschaft (hinten) gegen China Foto: Baumann
Sitzvolleyball erfordert viel Koordination und Körperbeherrschung: Hier kämpft die deutsche Nationalmannschaft (hinten) gegen China Foto: Baumann

Im Alter von 21 Jahren erleidet Martin Vogel eine Schicksalsschlag. Er kämpft sich mit viel Willenskraft zurück ins Leben. Nun will der Mann aus Leinfelden mit der Nationalmannschaft der Sitzvolleyballer eine Medaille bei den Paralympics in Rio holen.

Stuttgart - Martin Vogel genießt ein Stück Apfelkuchen, nippt an seiner Apfelschorle. Eine kleine Stärkung nach seinem Klettertraining im Zentrum auf der Stuttgarter Waldau, dem er noch ein ausgiebiges Kraft-und Dehnungsprogramm angefügt hat. „Das ist mein athletisches Grundtraining“, erzählt Vogel, der für den Volleyball-Oberligisten TG Nürtingen spielt und auch Zuspieler ist in der Nationalmannschaft der Sitzvolleyballer. Doch wie passt das zusammen?

Die Geschichte dahinter passiert am 8. Juni 1993. Vogel war damals 21 Jahre alt, vor ihm lag eine Zukunft als hoffnungsvolles Volleyballtalent.

Die Kugel bleibt in Vogels Wirbelsäule stecken

Er wollte Sport studieren, hatte noch zwei Wochen als Zivildienstleistender in der psychiatrischen Abteilung des Kreiskrankenhauses in Nürtingen vor sich, als die Tat eines verzweifelten Ehemanns sein Leben veränderte. Vogel kümmert sich gerade um dessen Frau, als der Mann eine Waffe zieht und schießt. Der junge Mann ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Kugel bleibt in der Wirbelsäule stecken. Er überlebt den Anschlag, weil er sofort operiert werden kann. Die Diagnose lautet inkomplette Querschnittslähmung. Das untere rechte Bein fühlt sich taub an, die Fußheber funktionieren nicht mehr, die Nerven sind geschädigt.

Der junge Mann dachte er sei ganz allein auf dem Mond gelandet, und das einzige Raumschiff in Richtung blauen Planeten hat ohne ihn abgehoben. Doch er hat den Weg zurückgefunden auf die Erde. Statt Sport studierte er Geographie und Englisch, ist heute Lehrer am Georgii-Gymnasium in Esslingen und wohnt in Leinfelden.

Hassgefühle kommen keine hoch

Körperlich erholt er sich erstaunlich schnell und überrascht auch seine Physiotherapeuten. Er profitiert von einer guten Koordination und einer guten Körperspannung. Die Muskeln an seinem rechten Unterschenkel aber entwickeln sich nicht mehr, er zieht das Bein nach. Hassgefühle kommen dennoch nicht auf, wenn er an den inzwischen verstorbenen Täter denkt. „Das hätte mich nicht weiter gebracht“, sagt Vogel. Seine Kollegen in Nürtingen beobachtet er zunächst nur beim Volleyballtraining, doch dann fasst er sich während einer Spielpause ein Herz, pritscht von der Bank aus ein paar Bälle und hechtet hinterher, als die Kugel verspringt. „Da dachte ich, jetzt fängt alles wieder von vorne an“, sagt Vogel.

Doch alles war gut. Martin Vogel war zurück in der Welt zwischen Aufschlag, Pritschen und Baggern „Der Volleyball hat mir sehr viel Halt gegeben, war Leidenschaft und Therapie zugleich“, sagt der 43-Jährige. Im Sommer 2005 entdeckt Olaf Hänsel, Spieler der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft der Behinderten, Vogel auf einem Turnier. Mit seinem atrophierten Bein wird er Nationalspieler bei den Standvolleyballern und 2006 mit der Mannschaft Vizeweltmeister. Dann der Frust – Standvolleyball wird aus dem paralympischen Programm genommen. Der Traum von einer Medaille scheint vorbei.

Vogel ist ein Spätberufener dieser Sportart

Nachdem die Nationalmannschaft der Sitzvolleyballer 2012 bei den Paralympics in London Bronze gewonnen hatte, wurde Martin Vogel von Bundestrainer Rudi Sonnenbichler angesprochen. Und jetzt ist er ein Spätberufener dieser Sportart. Das Feld ist mit fünf mal sechs Meter kleiner, das Netz hängt mit 1,15 Metern niedriger als beim Volleyball und auch einige Regeln sind anders, so darf der Aufschlag gleich geblockt werden. Die schwierigste Aufgabe für Vogel ist, dass der Rumpf zum Zeitpunkt der Ballberührung immer Bodenkontakt haben muss. Natürlich hatte er spieltechnische und taktische Vorteile. „Aber am Anfang tat mir schon der Hintern weh, aber irgendwann hat man raus, wie man sitzen muss“, sagt Martin Vogel.

2016 soll für ihn ein besonderes Jahr werden. Mit Platz zwei bei der Europameisterschaft hinter dem derzeit übermächtigen Team aus Bosnien-Herzegowina sicherte sich die deutsche Mannschaft das Ticket für die Paralympics in Rio de Janeiro. Die Vorbereitung beginnt mit einem Trainingslager im Januar in Hoffenheim, im Juli sind dann Turniere mit Testspielen in Brasilien und im Iran geplant.

Martin Vogel will seinen Platz im Kader behalten und aufs Treppchen. Parallel dazu treibt ihn noch der große Wunsch an, dass auch Stand-Beach-Volleyball im Jahr 2020 paralympisch wird. Dann wäre er 48 Jahre alt. Wenn man seine Biografie verfolgt, kann man sich aber gut vorstellen – der Mann schafft das.

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