In der leeren Stadtbahn fühlen sich die Fahrgäste wohl. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein bekannter Anblick: Man steigt in die Stadtbahn und die Fahrgäste sitzen möglichst weit auseinander. Das Motto: bloß keinen Körperkontakt. Aber warum ist das so? Sind wir asozial? Wir haben nachgefragt.

Stuttgart - Zugegeben, es passiert sehr selten, aber es passiert: Man sitzt in der leeren Stadtbahn, jemand steigt zu und setzt sich auf den Nachbarplatz. Warum? – fragt man sich in Anbetracht der leeren Bahn. Und da wären wir: beim typischen Verhalten der Stuttgarter Stadtbahnfahrgäste.

Das Ganze läuft in etwa so: Ist die Stadtbahn leer, suchen wir uns einen freien Vierersitz. Ist keiner mehr frei, geben wir uns auch mit einem freien Zweiersitz zufrieden. Sitze in Fahrtrichtung werden natürlich bevorzugt. Und: Sitzt das Gegenüber am Fenster, setzen wir uns an den Gang, sitzt es am Gang, setzen wir uns ans Fenster. Beinfreiheit ist schließlich wichtig, jeder Körperkontakt – und sei es nur mit den Füßen – überflüssig.

Typisch schwäbisch?

Erst wenn die Bahn voll wird, geben wir unsere Prinzipien auf. Wir rutschen durch oder setzen uns neben andere Fahrgäste. Aber warum verhält sich der Großteil der Stadtbahnfahrer eigentlich so? Ist das normal oder sind wir womöglich asozial? Wir haben nachgefragt.

Laut Marcel Hunecke, Professor für Umweltpsychologie an der Fachhochschule Dortmund, ist dieses Verhalten absolut normal. „Wir haben einen personalen Raum um uns, den wir gerne kontrollieren wollen“, erklärt er. In der Umweltpsychologie sei dieses Verhalten mit dem Konzept der Privatheit oder auch Territorialität erklärbar. Typisch schwäbisch oder typisch deutsch ist das Verhalten nicht. In allen Kulturen könne nachgewiesen werden, dass es diesen personalen Raum gibt. „Wie groß dieser ist, variiert zwischen Kulturen, aber es gibt in überall“, so Hunecke.

„Einige können das besser abhaben, andere weniger“

Klassischerweise reicht eine Handbreite Abstand aus, um den persönlichen Wohlfühlraum nicht zu verletzen. Das Problem: In Bussen und Bahnen kann es schon mal enger werden. Das heißt: „Wenn jemand neben mir sitzt oder wenn ich im Gedränge stehe, dann ist das eigentlich schon eine unangenehme Situation“, sagt der Experte. Von Asozialität könne da keineswegs die Rede sein.

Wie die Fahrgäste mit solchen Situationen umgehen, ist von Person zu Person verschieden: „Einige können das besser abhaben, andere weniger.“ Und trotzdem: Jeder wolle regulieren – oder zumindest die Chance haben – wer in den privaten Raum eindringt. Die logische Konsequenz im öffentlichen Personenverkehr ist die beschriebene: Die Fahrgäste nutzen den freien Raum und setzen sich möglichst weit auseinander.

Die konkrete Situation ist entscheidend

Thomas Heidenreich, Professor für klinische Psychologie an der Hochschule Esslingen, sieht das auch so. Untersuchungen würden zeigen, dass sich Menschen über verschiedene Kulturen hinweg unwohl fühlen, wenn Fremde in den persönlichen Nahraum eindringen. Da könne es schon mal vorkommen, dass Fahrgäste mit Jacke und Tasche auf dem Nachbarsitz territoriale Grenzen stecken und diese nur mürrisch aufgeben. Auch aus eigener Erfahrung weiß Heidenreich: Stuttgart nimmt hier keineswegs eine Sonderrolle ein.

Wie sich eine Person in der Stadtbahn verhält, hängt laut Heidenreich auch von der konkreten Situation und Motivation ab. Pendler wollen in der Regel für sich sein, Musik hören, arbeiten, lesen. Lust auf Kommunikation und Austausch haben sie nicht. Anders ist es dagegen bei Faschingsfans und Partygängern: Bei ihnen sei es wahrscheinlicher, dass sie offensiv den Kontakt zu anderen Fahrgästen suchen.

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