Eine anspruchsvolle Aufgabe: Alle Schüler mitnehmen Foto: dpa

Nicht nur an den Gymnasien und Realschulen müssen viele Schüler die Klasse wiederholen – auch die beruflichen Schulen klagen über mehr Sitzenbleiber. Sie fordern zusätzliche Lehrer.

Stuttgart - Seit Jahrzehnten machen viele Hauptschüler an der zweijährigen Berufsfachschule die mittlere Reife – im vergangenen Jahr absolvierten rund 10 650 junge Männer und Frauen erfolgreich die Schule. Der Berufsschullehrerverband sieht dieses Modell nun in Gefahr. Auch an den Berufsfachschulen blieben immer mehr Schüler sitzen, erklärte der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands (BLV), Herbert Huber, in Stuttgart. Grund dafür sei die Abschaffung der Notenhürde durch Grün-Rot.

Bis 2011 brauchten Hauptschüler einen Notendurchschnitt von 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch, um die zweijährige Berufsfachschule oder auch die zehnte Klasse der Werkrealschule besuchen zu können. Grün-Rot kippte diese Hürden.

Wie viele Schüler an den beruflichen Schulen die Klasse wiederholen müssen, wird nicht erfasst. Mancherorts schieden 30 bis 50 Prozent der Berufsfachschüler vorzeitig aus, schätzt Huber. Aber auch von den übrigen schafften nicht alle die Versetzung. Viele leistungsschwächere Schüler meldeten sich jetzt statt im Berufseinstiegsjahr in der zweijährigen Berufsfachschule an – „mit dem unrealistischen Ziel, die Fachschulreife abzulegen“. Damit habe die Landesre­gierung „das gut austarierte Unterstützungssystem an beruflichen Schulen für leistungsschwächere Jugendliche – zum Beispiel das Berufseinstiegsjahr – nachhaltig geschwächt“. Nötig seien bessere Rahmenbedingungen wie kleinere Klassen, flächendeckende Schulsozialarbeit, individuelle Förderung und einschlägige Lehrerfort­bildung.

Nach einer Erhebung des Kultusministeriums ist der Anteil der Schüler, die das Probehalbjahr an der zweijährigen Berufsfachschule nicht bestanden haben, 2013 von neun auf 17 Prozent gestiegen. Allerdings eröffne der Wegfall der Notenhürde auch vielen Schülern neue Chancen, sagte eine Sprecherin. „60 Prozent sind auf einem guten Weg zu dem von ihnen gesetzten Ziel.“ Ein Teil der Schüler steige auch aus, um ­direkt eine Ausbildung zu beginnen. Vonseiten der Agenturen für Arbeit gebe es ­landesweite Vermittlungsaktivitäten an ­öffentlichen beruflichen Schulen, um die Schüler über freie Ausbildungsplätze und Perspektiven einer dualen Berufs­­aus­bildung zu informieren.

An den Werkrealschulen hat sich durch den Wegfall der Notenhürde die Zahl der Abgänger mit mittlerer Reife deutlich erhöht. 2012 machten dort 6781 Schüler die mittlere Reife, 2013 waren es 12 136. Dort brauchen sie nach dem Hauptschulabschluss ein Jahr, an den Berufsfachschulen zwei Jahre bis zum mittleren Abschluss.

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