Man muss nicht alles selber haben, leihen geht auch. Foto: Lichtgut/Verena Ecker/Lichtgut/Verena Ecker

Leihen ist das neue Besitzen. Doch die „Sharing Economy“ geht an die Grundfeste der Identität. Damit mehr Leute umsatteln, bedarf es neuer Antworten auf die Frage: Was macht einen Menschen aus?

Diese Text beginnt mit einem Geständnis. Ich habe mindestens zwei Paar Socken im Schrank, die mir nicht gehören. Ein Paar dicke Wollsocken, genau das Richtige für verregnete Tage, gehört meinem ehemaligen Mitbewohner Paul. Er weiß, dass ich die Socken entwendet habe. Sein Stillschweigen interpretiere ich als Zustimmung, dass ich sie behalten darf. Der Besitzer des anderen Paars ist mir unbekannt. Vermutlich einer meiner aktuellen Mitbewohner. Oder meine Freundin Lisa. Die Socken sind blau mit rosa Streifen und passen perfekt. Lisa, sag Bescheid, wenn du sie zurückhaben willst.

 

Ich lebe mit einigen Leuten in einem WG-Haus. Es gibt hier einige Gegenstände, die ich regelmäßig nutze und von denen ich keine Ahnung habe, wem sie gehören – zum Beispiel die praktische Alukanne, aus der ich morgens in der U-Bahn meinen Kaffee schlürfe. Oder die Hängematte im Garten, in der ich im Sommer gerne döse.

Meins, deins oder unser?

An diesen entspannten Umgang mit Besitz musste ich mich erst gewöhnen. Vor ein paar Monaten kam ich erschöpft von einer Reise nach Hause. Mein Lieblingshandtuch war verschwunden. Bissige Nachricht im WG-Chat: „Leute, das nervt, wer hat mein Handtuch geklaut?“ Antwort: „Guck mal in dem Bad im zweiten Stock. Da gibt’s ein Regal mit 30 Handtüchern. Such dir eins aus. Kann sein, dass auch deines aus Versehen dort gelandet ist.“ Subtext: Chill mal. Warum sollte jeder am Konzept „seines“ Handtuchs festhalten, wenn wir doch ein wahres Paradies der Handtuchvielfalt haben können, indem wir zusammenlegen und die Grenzen des persönlichen Besitzes überwinden?

Auch außerhalb des Hauses gibt es immer weniger Notwendigkeit, Dinge zu besitzen. Wenn ich ein Auto brauche, gehe ich aus der Türe einmal über den Friedhof. Auf der anderen Seite steht ein Smart des Carsharing-Diensts Share Now. An Silvester wollte ich Raclette machen. Auf der Webseite Nebenan.de wurde ich fündig. Ein paar Straßen weiter wohnt eine Frau, die offenbar mehrere Raclette-Geräte besitzt und diese regelmäßig verleiht. Beim Stuttgarter Verein Teilbar könnte ich noch viel mehr Dinge ausleihen: Fahrradtaschen, Solardusche, Zelt, Mini-Doughnut-Maker, Getreidemühle, Biertischgarnitur, Heckenschere, Stichsäge mit Führungsplatte und zur Belohnung nach dem langen Heimwerkertag einen Flaschenkühler („für den Garten oder unterwegs“), mein persönlicher Lieblingsgegenstand im Sortiment.

Die Leute von Teilbar e.V. schreiben auf ihrer Webseite: „Gesellschaftlich versuchen wir, ein neues Verhältnis zu uns und den Dingen aufzubauen.“ Das ist der springende Punkt. Wer vom Besitzen zum Leihen kommen will – oder, wie Erich Fromm vor knapp 50 Jahren philosophierte, vom Haben zum Sein – braucht Ideen zur Frage: Was macht einen Menschen eigentlich aus? Sein Besitz, lautet immer noch die Standardantwort.

Das muss gar nicht so offensichtlich sein. Zum Beispiel freue ich mich, wenn mir jemand ein Kompliment zu einer neuen Bluse oder zu meinem Schmuck macht. Da geht es nicht mal um offensiv zur Schau getragene Statussymbole. Dennoch frage ich mich: Was ist das Kompliment noch wert, wenn die Bluse nur geliehen ist, die Ohrringe in Wirklichkeit meiner Schwester gehören? Schaffe ich es dann trotzdem, mich über das Kompliment zu freuen? Bezieht es sich dann überhaupt noch auf mich?

Bitte bessere Komplimente

Viele Menschen definieren sich über ihre Autos, Intellektuelle über ihre Literatursammlung. Wie bringt man die zum Carsharing? Wie wäre ihnen zu vermitteln: Du brauchst die Bücherwand oder den Porsche nicht für dein Ego, wir wissen auch so, dass du schlau und cool und männlich bist, geh mal lieber in die Bibliothek?

Etwa ein Drittel des CO2-Ausstoßes pro Kopf in Deutschland wird laut Bundesumweltministerium durch „sonstigen Konsum“ verursacht. Darunter fällt alles, was sich nicht den Bereichen Wohnen, Strom, Mobilität, Ernährung oder öffentliche Infrastruktur zuordnen lässt. Eine neue Alukaffeekanne zum Beispiel wäre „sonstiger Konsum“. Brauche ich zum Glück nicht, ist ja schon da. Vielleicht frage ich bald mal meine Mitbewohnerin, was sie so für Blusen hat und ob ich eine ausleihen darf. Nur für die Sache mit den Komplimenten brauche ich dann noch eine Lösung. Ich bitte deshalb in Zukunft lieber um nette Worte zu meinem Charakter als zu meinen Kleidungsstücken.