Autorin Elke Martin Foto: Eva Herschmann

Zum 70. Jahrestag der Deportation von 234 Sinti berichtet Autorin Elke Martin über die Familie Reinhardt.

Stuttgart-Feuerbach - Sieben nicht verlegte Stolpersteine sind das Einzige, was die Autorin Elke Martin braucht, um die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer auf das Schicksal einer Familie zu lenken. Es sind die sieben Steine, die an die Sinti-Familie Reinhardt aus Feuerbach erinnern sollen. Sie wurden auf Wunsch der Nachkommen nicht verlegt, da sie nicht wollten, dass Passanten auf sie treten.

 

Obwohl aus der Verlegung nichts wurde, erfüllen die Steine einen guten Zweck. Elke Martin nimmt sie mit zu Schulklassen, Ausstellungen oder Vorträgen und stößt mit ihnen auf großes Interesse. „Die Menschen verstehen die Situation besser, wenn sie etwas vor Augen haben“, berichtet die Heimatforscherin.

„Es muss Menschen geben, die sich für so etwas einsetzen“

Elke Martin beschäftigt sich seit 2005 mit dem Schicksal der Sinti und Roma in Stuttgart zur Zeit des NS-Regimes. „Es haben sich schlimme Geschichten direkt vor unserer Tür ereignet, und wir sollten uns an sie erinnern“, sagt die Autorin. Aus diesem Grund hält sie immer wieder Vorträge zum Thema. Besonders wichtig ist ihr dabei der 15. März 1943. An diesem Tag wurden 234 Sinti aus ganz Württemberg vom Stuttgarter Nordbahnhof aus in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. In diesem Zusammenhang wurde Elke Martin auch auf Familie Reinhardt aufmerksam. „Die Geschichte dieser Menschen ist geprägt von Diskriminierung, Ausgrenzung und Tod. Leider typisch für Sinti dieser Zeit“, sagt Martin.

Sie berichtet von Karl und Adelgunde Reinhardt und ihren acht Kindern. Schon vor ihrer Deportation wurde ihnen das Leben in Stuttgart schwer gemacht. Sie hatten mit willkürlichen Strafen ebenso zu kämpfen wie mit der Überwachung durch Wohlfahrts- und Jugendamt oder Kriminalpolizei. Franz, einer der Söhne, suchte mitsamt Frau und Kindern schließlich Zuflucht in Feuerbach. Dort teilten sie sich zu siebt ein kleines Zimmer an der Stuttgarter Straße 114. Aber sicher waren sie auch hier nicht. Am 15. März 1943 wurde die ganze Familie nach Auschwitz deportiert. „Im Dezember 1943 waren alle bis auf einen Sohn von Franz an Hunger, Durst und Erschöpfung gestorben“, weiß die Forscherin.

Damit dieses traurige Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat sich Elke Martin für den Erhalt des Familiengrabes am Heslacher Friedhof eingesetzt. Nach ihren Angaben ist es das einzige Sinti-Grab in Stuttgart, das für immer bestehen bleiben wird. „Es muss Menschen geben, die sich für so etwas einsetzen“, findet Martin. „Wir müssen uns an Minderheiten erinnern, und es ist schön, wenn die Stolpersteine dabei helfen.“ Aus diesem Grund möchte sie auch weiterhin für die Aufarbeitung der Geschichte kämpfen. Aktuell bietet sie deshalb Führungen durch die Ausstellung „Typisch ,Zigeuner‘? – Mythos und Wirklichkeit“ an, die noch bis Freitag, 15. März, im Rathaus in Stuttgart besucht werden kann.