Der Bau neuer Windkraftanlagen ist ins Stocken geraten. Sie werden aber nach Ansicht von Experten dringend gebraucht, um die Emissionen weiter zu verringern. Foto: imago//Stefan Schurr

Deutschland hat seinen CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr stärker gesenkt als erwartet – vor allem, weil immer mehr Ökostrom produziert wird. Der Verkehr bleibt dagegen das Sorgenkind des Klimapolitik.

Stuttgart - Für die deutsche Klimapolitik gab es zuletzt ziemlich schlechte Kritiken. Selbst das nachgebesserte Klimapaket der Bundesregierung geht Umweltexperten nicht weit genug. Doch laut einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende steht Deutschland beim Klimaschutz gar nicht so schlecht da. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

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Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie?

Nach den Erhebungen der Agora-Experten waren die deutschen Treibhausgasemissionen 2019 rund 35 Prozent niedriger als im Referenzjahr 1990. Damit rücke das Ziel der Bundesregierung, den Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen im laufenden Jahr um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken, „in greifbare Nähe“, heißt es in der Studie. Umweltexperten hielten es bis zuletzt kaum für denkbar, dass diese Ziel noch erreicht werden könnte. Insgesamt lagen die CO2-Emissionen 2019 um gut 50 Millionen Tonnen unter dem Wert des Jahres 2018.

Warum sind im vergangenen Jahr die Emissionen so stark zurückgegangen?

Der Agora-Studie zufolge ist der überraschend starke Rückgang des CO2-Ausstoßes fast ausschließlich auf den Bereich der Stromerzeugung zurückzuführen. So wurden 2019 rund 42,6 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs mit Srom aus Wind-, Solar- und Wasserkraft sowie aus Biomasse gedeckt – mehr als je zuvor. Gleichzeitig ging der Anteil der klimaschädlichen Stromgewinnung aus Steinkohle um 30 und aus Braunkohle um 22 Prozent zurück. Hier wirkte sich der gestiegene Preis für CO2-Emissionszertifikate aus, der die Stromproduktion aus Kohle unattraktiver macht. Zugleich wurden gut zehn Prozent mehr Strom aus Erdgas erzeugt, bei dessen Verbrennung weniger CO2 entsteht als bei Kohle. Ferner ging der Stromverbrauch wegen der etwas schwächeren Konjunktur zurück.

Beim Strom war die Entwicklung positiv. Wie sieht es in anderen Sektoren aus?

Der deutlichen Emissionsminderung durch die Energiewende stehen steigende Emissionen in anderen Bereichen gegenüber – insbesondere im Verkehrssektor. Hier rächt sich, dass die deutsche Energiewende bislang vor allem eine Stromwende war. Betrachtet man den gesamten Energieverbrauch, schrumpft der Anteil klimafreundlicher Erneuerbarer Energien auf überschaubare 14,7 Prozent. Zum Vergleich: mehr als 35 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs entfallen auf Erdöl, das etwa im Verkehrssektor nach wie vor die zentrale Rolle spielt. Im vergangenen Jahr nahm der Verbrauch von Diesel- und Benzin sogar noch zu – und damit der CO2-Ausstoß des Straßenverkehrs. Die Agora-Experten verweisen in diesem Zusammenhang auf die ungebrochene Nachfrage nach schweren und stark motorisierten Autos, insbesondere SUVs. Hinzu kommt ein höheres Verkehrsaufkommen.

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Wird die Entwicklung der Emissionen insgesamt so weitergehen?

Der Direktor von Agora Energiewende, Patrick Graichen, bezweifelt das. Zum einen tut sich im Verkehrs- und Gebäudesektor nach wie vor zu wenig. Zum anderen ist der Ökostrom-Ausbau ins Stocken geraten. So werden kaum neue Windkraftanlagen gebaut – nicht zuletzt wegen der geringen Akzeptanz in der Bevölkerung. Bundesumweltministerin Svenja Schulze begrüßte den Rückgang der CO2-Emissionen im Jahr 2019. Gleichzeitig mahnt die SPD-Politikerin Fortschritte beim Ausbau von Wind- und Solarstrom an. Gehe es beim Windkraftausbau nicht voran, werde dies „Chancen im Klimaschutz, aber auch Arbeitsplätze in der Windbranche gefährden“, so die Ministerin. Über die Mindestabstandsregeln für Windräder wird seit Monaten in der Bundesregierung gestritten. „Ohne Windkraft werden wir weder den Kohleausstieg noch die Klimaschutzziele erreichen“, sagt auch Agora-Experten Graichen. Auch der Ausbau der Elektromobilität erfordert einen schnellen Ausbau der Ökostromerzeugung.

Sind mit den 2019 erzielten Fortschritten die Strafzahlungen an die EU wegen zu hoher CO2-Emissionen vom Tisch?

Nein, denn bei diesen Strafzahlungen geht es nicht um die Emissionen im Energiesektor, sondern in erster Linie um den CO2-Ausstoß der Bereiche Verkehr, Gebäudeheizung und Landwirtschaft. Für sie gibt es zusammen ein Jahresbudget in der EU, das Deutschland überschreitet. Daran hat sich 2019 wohl nichts geändert.

Der Verkehrssektor bleibt ein Sorgenkind. Wie will die Politik gegensteuern?

Im Klimapaket setzt die Bundesregierung auf die Förderung von Elektroautos und Ladepunkten. Geplant ist außerdem, die Kfz-Steuer stärker am CO2-Ausstoß auszurichten, aber ein Entwurf von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) lässt auf sich warten. Außerdem soll ein CO2-Preis ab 2021 Sprit und auch Heizöl nach und nach teurer machen. Im Gegenzug steigt aber die Pendlerpauschale, wodurch Autofahren kaum weniger attraktiv wird.

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