Ohne Musik ist Weihnachten nur halb so schön. Es sind die Lieder, die dem Fest besinnliche Stimmung verleihen. Gemeinsames Singen und Musizieren schaffen Zusammenhalt. Wie ist es in deutschen Wohnzimmern darum bestellt?
Stuttgart - „Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken, / Schneeflöckchen leis herniedersinken.“ Wie der Beginn von Loriots Adventsgedicht soll die deutsche Weihnacht sein: besinnlich. Gibt es das Wetter auch seit vielen Jahren in unseren Gemarkungen nicht her, solch winterliche Kulisse zu bieten: wenigstens soll die akustische Tapete stimmungsvoll sein. Wenn die Familie sich zu Hause um den Tannenbaum versammelt – so dieses christliche Symbol noch im Kurs steht – geht es meist nicht ohne Musik.
Ein Heiligabend ohne Lieder und Gesang? Für Moslems, Juden, Atheisten und andere Weihnachtsverächter kein Problem – für fröhliche Feiernde in Deutschland gehören Nadelduft, Kerzenlicht und „O du Fröhliche“ zusammen wie die Worte Haus und Lebkuchen. Fragt sich allein, in welcher Form die erhebenden Weisen erklingen. An Abspielgeräten herrscht hierzulande kein Mangel. Und kaum eine Sängerin, kaum ein Sänger mit Starappeal hat auf die Aufnahme einschlägiger Advents- und Weihnachtskompositionen verzichtet.
Die deutsche Altistin Ernestine Schumann-Heink, die erste Klytämnestra in Richard Strauss’ Oper „Elektra“ und bald darauf ein Star an der New Yorker Metropolitan Opera, nahm am 28. September 1908 „Stille Nacht“ auf. Die Schellackscheibe verkaufte sich blendend. 18 Jahre später sang Schumann-Heink das Weihnachtslied der Weihnachtslieder gleich ein weiteres Mal ein, diesmal im elektrischen Aufnahmeverfahren.
Die Sehnsucht zu singen ist groß
Und wie steht es so um das weihnachtliche Selbersingen in deutschen Heimen? Genaues weiß man nicht. Nach einer vor einem Jahr durchgeführten Online-Umfrage stehen Musizieren und gemeinsames Singen an elfter Stelle der Aktivitäten an Heiligabend; Tendenz abnehmend, wie ein Vergleich mit 2018 zeigt. Selbst Gesellschaftsspiele finden mit 22 Prozent mehr Zuspruch, nämlich genau doppelt so viel wie das Singen.
Catrin Meyer-Janson, Leiterin mehrerer Kirchen- und Laienchöre in Pinneberg bei Hamburg, sieht in dem Versiegen dieser Praxis eher ein Nachlassen von Routine als Bedürfnislosigkeit. „Die Sehnsucht, beim Singen von Weihnachtsliedern ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben, ist groß“, stellt sie fest. Meyer-Janson hat zu Weihnachten 2019 ein Mitsingen veranstaltet, dass allen enormen Spaß gemacht habe. Der Chor stellt „einen geschützten Raum dar, in dem der Einzelne seine Stimme nicht immer hören kann“. Deswegen könne dann jeder einfach drauflosschmettern, auch wenn mal ein Ton daneben geht – da ist die Kirchenmusikerin großzügig.
Nach Lage der Dinge wird Meyer-Janson dieses Jahr wegen Corona darauf verzichten müssen, es sei denn, man versammelt sich im Freien um eine Feuerschale. Bei den Gottesdiensten in St. Johannes in Appen am Heiligabend, bei denen sie musiziert, dürfen die Kirchgänger, die nur mit Platzkarten Einlass ins Gotteshaus finden, gar nicht singen.
Das Weihnachtssingen des 1. FC Union ist ein Hit
Auch das seit 2003 alljährliche Weihnachtssingen des 1. FC Union am Tag vor Heiligabend im Stadion An der Alten Försterei in Berlin fällt dieses Jahr aus. Die Veranstaltung mit zuletzt rund 28 000 Besuchern hat sich vom Geheimtipp zur Massenveranstaltung entwickelt. Ein Schulchor auf dem Rasen legt vor, von „O Tannenbaum!“ bis zu „Ihr Kinderlein kommet“ – und alle, alle stimmen im Fußballstadion ein. Ob freudig oder falsch intoniert, Hauptsache froh.
Der Oldenburger Musikwissenschaftler Gunter Kreutz, der erforscht, wie sich das Musizieren, Singen und Tanzen unter Laien auf körperliche und soziale Faktoren auswirkt, dämpft die Erwartungen an länger währende Effekte: „Wir können nicht erwarten, dass wir einmal zu Weihnachten singen und dann für den Rest des Jahres glücklich und entspannt sind. Singen ist eine kulturelle Technik, die gepflegt werden will.“
Die Christgeburt im Mittelpunkt
In einer Glosse beantwortete die Journalistin Eleonore Büning 2016 die Frage „Warum fangen zu Weihnachten alle plötzlich mit dem Singen an?“ etwas flapsig: „Weil es dunkel draußen ist. Aus pragmatischen Gründen. Bekanntlich fürchtet sich das Kind allein im schwarzen Wald weniger, wenn es laut singt.“ Die Deutung unterschlägt, worum es geht, die Christgeburt.
Auch wenn sie als Hauptmotiv bürgerlicher Feiern heute unbestreitbar eine abnehmende Rolle spielt – schon 1976 stellte der Volksliedforscher Ernst Klusen im Nachwort zu einer Weihnachtslieder-Sammlung fest: „So hat die Christgeburt die Menschen seit jeher herausgefordert, und sie haben reagiert, wie Menschen ihrer Natur nach reagieren: hinnehmend und abweisend, gläubig und skeptisch, demütig und hochfahrend . . .“
Immerhin, Hoffnung besteht: Bei einer Umfrage 2010 zum Bekanntheitsgrad von Weihnachtsliedern in Deutschland vermochten 90 Prozent der Befragten die erste Strophe von „O Tannenbaum“ zu singen.