Bild aus früheren Zeiten: Singende Massen bestimmten das Deutsche Chorfest 2016 in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wie hoch ist das Infektionsrisiko beim gemeinsamen Singen? Bei der Untersuchung von Atemluft und Speicheltröpfchen kommen Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Stuttgart - Singen macht glücklich. Endorphine, die so genannten Glückshormone, werden bei der körperlichsten aller Musizierarten in besonders hohem Maße freigesetzt. Das Musizieren mit der eigenen Stimme hebt die Stimmung, baut Stress ab, verringert das Burn-Out-Risiko, vermittelt den Sängern einen Bezug zum eigenen Körper, und wer in Gemeinschaft singt, ist umgeben von Wohllaut. Studien der Universitäten Hamburg, Frankfurt/Main und Oxford haben 2013 und 2015 in Speichelproben von Chorsängern nach der Probe erhöhte Werte des auch als Kuschelhormon bekannten Botenstoffs Oxytocin festgestellt, der das Sozialverhalten positiv beeinflusst. Außerdem war die Menge des Immunglobulins A im Speichel erhöht, das die oberen Atemwege vor Infektionen schützt.

 

2018 meldeten die weltlichen und geistlichen Chorverbände in Deutschland mehr als zwei Millionen Mitglieder. Zurzeit sind wegen des Corona-Virus jedoch gemeinsames Singen mit anderen und Gesangsunterricht untersagt: Über den Ausstoß von feuchter Luft bei der Tonproduktion erhöhe sich, so die Begründung, die Infektionsgefahr. Außerdem verbreite sich das Virus nicht nur direkt über große infektiöse Tröpfchen, sondern auch über die feineren Aerosole – das sind weniger als fünf Mikrometer kleine Speicheltröpfchen, die beim Ausatmen in die Luft gelangen und dort eine Zeit lang schwebend verweilen. Während der Weg einer Tröpfcheninfektion als gesichert gilt, ist nach der aktuellen Einschätzung des Robert-Koch-Instituts eine abschließende Bewertung einer Übertragung von Sars-CoV-2-Viren über Aerosole aufgrund der geringen Datenbasis zwar noch nicht möglich, aber als wahrscheinlich einzustufen.

Zwei prominente Fälle scheinen die Ansteckungsgefahr beim gemeinsamen Singen zu bestätigen: Bei der Berliner Domkantorei sind nach einer Chorprobe im März etwa sechzig der achtzig Sänger an Covid-19 erkrankt; bei einer Aufführung von Bachs Johannespassion infizierten sich im selben Monat 102 von 130 Sängern. „Tröpfchen fliegen beim Singen besonders weit“, betonte der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, bei einer Pressekonferenz Ende April.

Haben sich die Sänger beim Singen infiziert oder danach?

Hoffnung weckte Anfang Mai eine Studie der Münchner Bundeswehr-Universität: Forscher maßen mithilfe modernster Lasertechnik die Distanzen aus, die Speicheltröpfchen und Aerosole beim Singen wie auch beim ebenfalls als heikel beurteilten Spiel von Blasinstrumenten zurücklegen. Ihr Fazit: Nach etwa einem halben Meter sei nichts mehr messbar, unabhängig von Lautstärke und Tonhöhe. Die Infektionsfälle bei Chören müssten folglich jenseits des Singens entstanden sein, also etwa bei der anfänglichen Begrüßung oder beim anschließenden geselligen Beisammensein. Dennoch empfehlen die Leiter der Studie den Sängern einen Sicherheitsabstand von anderthalb Metern.

Widerspruch kommt vom Institut für Musikermedizin an der Freiburger Musikhochschule. Dessen Leiter Bernhard Richter betont vor allem die Gefahr des intensivem Ein- und Ausatmens in geschlossenen Räumen. Im Labor, hatte eine Studie Mitte März im „New England Journal of Medicine“ nachgewiesen, bleiben Sars-CoV-2-belastete Aerosole bis zu drei Stunden infektiös; sie würden, so Richter, aber immerhin „beim Singen in der Raumluft nicht stärker verwirbelt als bei der Ruheatmung“. Richter fordert deshalb „Abstände von mindestens zwei Metern“ zwischen Chorsängern, denn: „Bei zwei Metern konnten wir in keiner Messung beim Singen oder Blasen Luftbewegungen sehen.“

In Baden-Württemberg sind Chorproben derzeit noch untersagt

Noch untersagt die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg größere Treffen im öffentlichen und privaten Raum, also auch Chorproben, zunächst bis zum 5. Juni. Sollte gemeinsames Singen anschließend wieder stattfinden können, wird es anders ablaufen als gewohnt. Masken beim Singen sind wegen der Intensität des Atemvorgangs und wegen der raschen Durchfeuchtung des Textils nicht vorstellbar, Abstände schon. Ob Laienchöre, in denen sich oft mehrere unsichere dicht um die sicheren Sänger scharen, um sich an ihnen zu orientieren, mit den Distanzen klarkommen, ist allerdings anzuzweifeln.

Mendelssohns „Lieder, im Freien zu singen“ weisen einen Weg, der zwischenzeitlich und im Sommer taugen mag. Ansonsten gilt: abwarten. Corona-Gefahr und Chorsingen zusammenzubringen, wird auf absehbare Zeit wohl nur kleinen Profi-Ensembles gelingen, die in großen Räumen proben können. Nicht nur Gotthilf Fischer dürfte das ein bisschen von seinem bekannten Frohmut nehmen.