Für die Sinfonietta ist ihm nichts zu viel. Foto: Sachsenmaier

Karl Jenne wird im November 90, seit seinem elften Lebensjahr spielt er Geige und Bratsche und seit 1969 ununterbrochen in der Sinfonietta Waiblingen. Am Sonntag ist er beim Sommerkonzert im Bürgerzentrum dabei.

Karl Jenne ist Jahrgang 1934. Um ihm das zu glauben, würde man am liebsten in seinen Personalausweis schauen. Er ist keiner, der die Hände in den Schoß legt oder Dinge dem Zufall überlässt. Auch nicht mit nahezu 90 Jahren, im November hat er Geburtstag. Unermüdlich hat er in den vergangenen Wochen wieder bei Freunden und Bekannten die Werbetrommel fürs Sommerkonzert der Sinfonietta gerührt und etliche Tickets verkauft.

 

Für die Sinfonietta ist ihm nix zu viel. Seit exakt 55 Jahren spielt Karl Jenne in dem ambitionierten Waiblinger Orchester. Die Sinfonietta ist ein Laienorchester und gehört mit ihren mehr als 60 Musikern als finanziell eigenständige Abteilung zum Städtischen Orchester Waiblingen. Seit 1969 ist Karl Jenne dabei, zuerst mit der Geige, seit 1974 spielt er Viola – sie wird auch Bratsche genannt, ist etwas größer als die Geige und tiefer gestimmt. „Damals hat es an Bratschen, gefehlt.“ Er erinnert sich, dass ihn der damalige Dirigent Philipp Sonntag angesprochen hatte, und er dann „umgelernt“ habe.

Der älteste Mitspieler im Orchester

Die Sinfonietta ist ein Laienorchester. Foto: privat

Heute ist er nicht nur der älteste Mitspieler im Orchester, sondern auch der einzige Mann neben sechs weiteren Bratsche-Spielerinnen. Das Musizieren halte ihn jung. Wenn er das sagt, funkeln seine wachen, aufmerksamen Augen. Auch nach stundenlangen Proben und mehrstündigen Konzerten „tut mir das Kreuz nicht weh und auch nicht der Arm“. Bei jüngeren Kollegen sei das anders. „Ich bin wohl der älteste Bratschenspieler in einem Orchester zwischen Waiblingen und Schwäbisch Gmünd – und wahrscheinlich noch darüber hinaus“, vermutet er nicht ohne Stolz.

Mit elf Jahren hat der gebürtige Waiblinger begonnen, Geige zu lernen. „Ich wollte das.“ Er war das fünfte von sechs Geschwistern, „ein Mädchen und fünf Buben.“ Seine älteren Geschwister waren im Krieg – und kamen nicht alle zurück. Das Geigenspiel habe er bei Frau Zimmerer begonnen – „eine tolle Lehrerin“ – und zwei Jahre im Orchester der evangelischen Kirche gespielt. Jeden Tag hat Karl eine halbe Stunde geübt.

Aber als er seine Frau Ingrid kennengelernt hat und sie als junges Paar 1959 im elterlichen Haus am Marktplatz in Waiblingen ein Zimmer zum Wohnen bekommen haben, war es mit dem Proben erst mal vorbei. „Ich konnte das Gefiedel nicht ertragen“, sagt Ingrid Jenne und bekennt, dass sie klassische Musik eigentlich über alles liebe. Erst als sie neun Jahre später, 1968, in Bittenfeld gebaut und Karl Jenne dann „unterm Dach ein eigenes Zimmer zum Üben hatte“, holte er die Geige wieder hervor und trat ein Jahr später in die Sinfonietta ein. Damals seien es noch zwölf Bläser und zwölf Streicher gewesen, heute sind es über 60 Musiker. 1993 hat Margret Ubrig die musikalische Leitung übernommen, „sie hat uns in über 30 Jahren auf ein tolles Niveau gebracht“, schwärmt Karl Jenne und freut sich, dass sie immer „ganz besondere Stücke“ aussuche.

Aus jüngster Vergangenheit zählt er das Sommerkonzert vor zwei Jahren auf, bei dem ausschließlich Filmmusik auf dem Programm stand, und das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms. Vier Tage lang war die Sinfonietta im vergangenen November in Hamburg und hat das anspruchsvolle Werk zusammen mit der Kantorei der dortigen evangelischen Marktkirche aufgeführt. Ein einmaliges Erlebnis.

Musik ist für ihn Lebenselixier

Wenn man Karl Jenne zuhört, versteht man, dass die Musik für ihn Lebenselixier ist. Das war für den zweifachen Vater auch im Berufsleben so. Karl Jenne hat den Meister im Druckerhandwerk und sich später nach Jahren im Angestelltenverhältnis selbstständig gemacht. Die Bratsche war in all der Zeit immer Ausgleich für ihn, während der 30 Jahre als CDU-Stadtrat in Waiblingen, den Jahrzehnten im Ortschaftsrat oder seinem Engagement in der Partnerschaftsgesellschaft. Bis vor zwei Jahren hat sich der fünffache Opa und vierfache Uropa bei der Gestaltung des städtischen Kulturangebots in Waiblingen eingebracht, vor zwei Jahren ist er aus diesem Gremium auf eigenen Wunsch ausgestiegen. Fast scheint es, als ob die Bratsche ein Pol der Ruhe für ihn darstellt. Auf jeden Fall halte sie in körperlich und geistig fit, sagt er. „Da muss man denken“, sagt er. „Man ist mit jungen, ganz unterschiedlichen Leuten zusammen.“ Eine Mitspielerin komme aus Freudenstadt, „jeden Montag zur Probe“. Warum? Sie habe sich viele Orchester im Land angeschaut, „aber ihr seid das Beste“, hat sie auf Karl Jennes Frage geantwortet. Er sieht es auch so.

In den vergangenen Wochen wurde häufiger geprobt. Das Programm fürs diesjährige Sommerkonzert ist wieder anspruchsvoll. Begonnen wird mit einem Stück von Felix Mendelssohn, es folgen das Tripelkonzert in C-Dur op. 56 und die „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven. Drei Aufführungen gibt es, die erste war bereits vergangenen Sonntag in Plüderhausen.

Konzerte Am Samstag, 13. Juli, spielt die Sinfonietta im Nikolaus-Cusanus-Haus in Stuttgart und am Sonntag, 14. Juli, im Ghibellinensaal des Bürgerzentrums in Waiblingen. Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Es gibt noch Karten.