Herrin der (seltenen) Ringe: In Chiara Buschmanns Unternehmen in Sindelfingen werden Holzringe hergestellt. Foto: Stefanie Schlecht

Chiara Buschmann hat im SWR Nachtcafé über ihre Lese- und Rechtschreibstörung gesprochen. Während der Schulzeit musste sie mit vielen Vorurteilen kämpfen. Heute sitzt sie im Chefsessel.

Am Freitag, den 10. April, war die Sindelfinger Unternehmerin Chiara Buschmann im SWR Nachtcafé zu Gast - zum Thema "Chaos im Kopf - wenn das Gehirn aus der Reihe tanzt". Mit uns hat sie vor einem Jahr schon zu ihrer Diagnose Legasthenie gesprochen - was das für sie in ihrer Schulzeit bedeutet hat und wie sie heute damit umgeht. Dieser Text erschien das erste Mal am 16.05.2025.

 

Im Supermarkt sucht Chiara Buschmann die Lebensmittel auf ihrem Einkaufszettel meist nach Farben aus. „Man weiß nie ganz genau, was ich mitbringen werde“, sagt die 32-Jährige. Denn Einkaufszettel sind für sie nichtssagende Wortsalate: Sie hat Legasthenie, eine Lese- und Rechtschreibstörung. Das bremst die junge Sindelfingerin nicht – nicht mehr, muss man wohl sagen.

Auf ihrem Weg durch das deutsche Bildungssystem hatte es Chiara Buschmann nicht leicht – und trotzdem hat sie es geschafft: Sie hat ihr Abitur gemacht, eine Ausbildung absolviert, studiert und ist nun selbstständige Unternehmerin. Im vergangenen Jahr hat sie den Wirtschaftspreis Sindolf in der Kategorie „Unternehmerin des Jahres“ gewonnen. In ihrer Firma werden Holzringe hergestellt: Rahmen für Trommeln, Holzringe für Messestände oder Möbel. Das Unternehmen ist Spezialist auf diesem Gebiet. Chiara Buschmann führt das Familienunternehmen.

Chiara Buschmann an einer ihrer Maschinen Foto: sts

Bereits in der Grundschule wurde Legasthenie bei Chiara Buschmann diagnostiziert

Obwohl die Diagnose Legasthenie bei ihr im Grundschulalter gestellt wurde – sie hat sowohl eine Rechtschreib- als auch eine Lesestörung – hatte sie mit vielen Vorurteilen zu kämpfen: „Setz dich hin und lerne!“, bekam sie während ihrer Schulzeit oft zu hören. „Ich hatte auch immer das Gefühl, dass auf mich herabgeschaut wurde, sobald ich gesagt habe, dass ich Legasthenie habe“, erzählt sie. Die Störung ist bei ihr so ausgeprägt: Wenn Chiara Buschmann lesen oder schreiben soll, lässt sie teilweise Wörter weg, erfindet neue Wortkreationen oder hat Probleme, die Buchstaben „b“ und „p“ oder „e“ und „i“ zu unterscheiden. Manchmal liest sie auch Dinge, die tatsächlich gar nicht auf dem Blatt Papier stehen, ohne, dass es ihr selbst auffällt. Wie schwierig das für ein Kind sein muss, kann man sich vorstellen.

Chiara bemerkt, dass man ihr nichts mehr zugetraut. Bis zur siebten Klasse erhielt sie zwar einen sogenannten Notenschutz – die Rechtschreibung zählte bei ihr bis dahin nicht in die Note. Doch der Rest ihrer Schullaufbahn war vor allem von Willkür geprägt: „Es kam immer auf mein Gegenüber an, ob Rücksicht genommen wurde oder nicht“, erzählt sie. Eine schwierige Situation: Nicht alle Lehrkräfte zeigten Verständnis für eine Störung, die sie der jungen Frau nicht ansahen. Erst im Studium hätten Dozenten mehr Verständnis gezeigt.

Es gibt große Unterschiede im Umgang mit Legasthenie

Bei dem Umgang mit Legasthenie gebe es durch alle Bundesländer hinweg massive Probleme, erklärt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Die Regelungen seien überall unterschiedlich, viele Lehrkräfte wüssten nicht, wie sie mit Legasthenikern umgehen sollten, weil es eben auch nicht Teil ihrer Ausbildung sei. Zu wenig gelernt oder nicht intelligent genug – das seien die stereotypen Vorurteile. „Es handelt sich dabei aber um eine neurobiologische Störung“, erklärt Höinghaus. Es gebe zwar Hilfsmittel, aber ganz verschwinde die Störung nie.

Das habe oft schlimme Konsequenzen für Betroffene: Ständige Niederlagen in der Schule seien demotivierend. „Viele Schüler geben innerlich auf oder entwickeln sogar psychosomatische Symptome, weil sie Angst vor der Schule haben“, sagt Höinghaus. Darüber hinaus würden Krankenkassen zwar für die medizinische Diagnose aufkommen, doch Maßnahmen zur Förderung seien dann privat zu zahlen. Kinder, deren Eltern sich dies nicht leisten könnten, seien so ein Leben lang benachteiligt, erklärt Höinghaus.

Chiara Buschmann: Legasthenie stellt sie vor tägliche Herausforderungen

Doch nicht nur im Schulsystem sind Legastheniker vor Herausforderungen gestellt. Auch im Alltag gibt es Hürden: Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für Chiara Buschmann schwierig. Digitale Anzeigen zu lesen, ist für sie beinahe unmöglich – die laufende Schrift auf den Bildschirmen kann sie kaum lesen.

Chiara Buschmann hatte lange Zeit Probleme, zuzugeben, dass sie Legasthenie hat. „Ich habe versucht, das während meiner Jugend aus Eigenschutz zu verschweigen“, erzählt sie. Doch mittlerweile macht sie das nicht mehr. Im Gegenteil: Sie will anderen Menschen Mut machen. „Auch wenn man in der Schule keine Unterstützung bekommt, kann man trotzdem etwas aus sich machen“, sagt sie. Das betont auch Annette Höinghaus vom Bundesverband: „Jeder Mensch mit Legasthenie ist in der Lage das normale Schulsystem zu durchlaufen.“ Denn in ihrer fachlichen Kompetenz seien Legastheniker nicht eingeschränkt. Auch sei es im Berufsleben einfacher, vor allem mit digitalen Hilfsmitteln wie künstlicher Intelligenz und Diktiersoftware, erklärt Höinghaus.

Mehr Verständnis würde schon vielen Legasthenie-Betroffenen helfen

„Es würde schon viel helfen, den Menschen einfach mehr Verständnis entgegenzubringen“, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband. Denn auch beim Bildungsministerium stoßen ihre Forderungen auf taube Ohren: Die Schulen seien gut aufgestellt und die Betroffenen würden ausreichend gefördert, bekommt sie da zu hören. Betroffene zeichnen ein anderes Bild. Wichtig sei laut Höinghaus eine frühzeitige Diagnostik. „Je früher wir Schüler dort abholen, wo sie stehen, desto besser laufen sie durch das Schulsystem“, sagt Höinghaus.

„Man darf sich nicht unterkriegen lassen“, sagt Chiara Buschmann. Auch sie musste über die Jahre lernen, auf ihre eigenen Stärken zu setzen. „Man darf sich selbst nicht auf seine Schwächen reduzieren, auch wenn das andere tun“, sagt sie mit Nachdruck. Im Arbeitsleben setzt sie auf ihre Kreativität, auf ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Verlässlichkeit – dazu braucht es keinen einzigen Buchstaben.

Lese- und Rechtschreibstörung

Wie kann man Legasthenie erkennen?
Anzeichen von Legasthenie können sein, wenn Betroffene beim Lesen Buchstaben als Einzellaute sprechen, langsam und stockend lesen oder Worte auslassen, hinzufügen oder Buchstaben auslassen. Beim Schreiben können sie formähnliche oder klangähnliche Buchstaben verwechseln und haben bei Diktaten oder beim Abschreiben von Texten eine hohe Fehlerzahl.

Diagnose
Die medizinische Diagnose einer Lese- und Rechtschreibstörung wird bei Kindern und Jugendlichen durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten gestellt.