Faszinierende Raritäten, leidenschaftliche Briefe, bewegende Klavierstücke: Der zweite Abend der Sindelfinger Sommerserenaden war eine Klasse für sich.
In dem Wort Serenade steckt eigentlich die Bezeichnung Sereno, gleichbedeutend mit heiter. Die jüngste Sommerserenade im gut besuchten Odeon der Musikschule hatte sich zwar nicht der Serenität (Heiterkeit) verschrieben, sorgte aber durch Quer-Beziehungen und Kontraste zwischen Lyrik und Musik für spannende Erkenntnisse.
Das Publikum folgte konzentriert und belohnte die Veranstaltung mit begeistertem Beifall. Kommentar einer Besucherin: „Tolles Programm“.
Erfreuliche Begegnung mit weniger Bekanntem
Die Klaviermusik wurde zwei- und vierhändig dargeboten. Poorva und Harani Ramakrishnan begeisterten mit Ausstrahlung als bestens eingespieltes Klavierduo. Erfreulich war die Begegnung mit sonst weniger bekannten Werken, etwa Mozarts Andante mit fünf Variationen zu vier Händen, Beethovens heiteres Rondo und Schuberts Moments musicaux.
Als faszinierende Rarität interpretierten die Schwestern den schauerlich-schönen Danse macabre von Camille Saint-Saens. Schuberts Stücke wurden mit sprechender Artikulation anschaulich realisiert und der Totentanz des französischen Komponisten bewies in der Interpretation, wie stark Assoziationen durch Klänge erzeugt werden können. Passend zur Komposition von Saint-Saens zitierte Baruzzi Goethes Ballade Totentanz: „Da regt sich ein Grab und ein anderes dann“.
Anna Baruzzi präsentierte zudem Sätze aus Briefen, die Wolfgang Amadeus Mozart an seine spätere Ehefrau Constanze geschrieben hat. Ebenso einen Brief an den Vater, in dem er leidenschaftlich dafür warb diese Constanze zu heiraten, was er auch machte – wenn er auch später nicht immer ein treuer Ehemann gewesen ist. Bereichert wurden diese leidenschaftlichen Briefzitate durch biografische Daten. Besonders spannend war hier die Schilderung von Constanzes späterem Leben nach dem Tod von Wolfgang Amadeus, in dem sie als unternehmerisch geschäftstüchtige Witwe das Werk ihres Mannes verkaufte.
Unsterblich durch „Die Winterreise“
In der zweiten Hälfte interpretierte Christoph Ewers stimmungsvoll letzte Klavierstücke von Franz Schubert und Johannes Brahms. Sabine Duffner brachte den Zuhörern den eigentlich unbekannten Dichter Wilhelm Mueller näher, der die Befreiungskriege als Soldat miterlebte und mit dem Gedichtzyklus „Die Winterreise“ unsterblich wurde. Endzeitstimmung und Hoffnungslosigkeit wurden selten anteilnehmender gefasst.
Beide Komponisten erlebten in ihrem Alter eine unfreundliche Einsamkeit, die sie eindrucksvoll in Musik umsetzten. Die Klavierstücke von Schubert (D 946) blieben lange unbekannt, erst Johannes Brahms veröffentlichte sie 40 Jahre nach ihrem Entstehen. Ewers gelang es vorzüglich, das Suchende und Unvollkommene heraus zu kristallisieren. Es bleibt unvorstellbar, dass Schubert mit 31 Jahren die Welt verließ und rund 1000 Kompositionen hinterließ.
Ein brummiger und abweisender Brahms
Sabine Duffner schilderte anschaulich letzte Stationen aus Brahms Leben, der im Sommer stets in Bad Ischl weilte und als brummiger Alter meistens abweisend blieb. Die späten Fantasien Opus 116 verkörpern als Monologe die Einsamkeit, ebenso das Aufbegehren gegen diese Endzeitphase. Duffners Rezitation und Ewers Brahms-Interpretation verschmolzen zu einer ästhetischen Einheit.
Weitere Serenaden gibt es am 7. September. Albertina Eunju Song spielt Werke von Frédéric Chopin, die Texte spricht Kirra Jade Tiefenbrunner. Mit der Klaviernacht am 14. September endet die erfolgreiche Reihe. Es spielen Yeult Jost, Domingos Costa, Christoph Ewers und Michael Kuhn. Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 18 Uhr.