Sie alle wollen künftig im Rathaus mitreden (von links, stehend ): Sanja Jäger (Grüne), Wahab Moradi und Tobias Ehret (CDU), Samet Mutlu (SPD), sitzend: Pierre Trümper (CDU), Theresa Zöller (Grüne), Martin Wenger (SPD), rechts stehend: Max Reinhardt (FDP). Foto: factum/Weise

Fast alle Parteien haben bewusst unter 30-Jährige auf vordere Plätze der Wahllisten gesetzt. Sie hoffen, damit auch junge Wähler an die Urnen zu locken. Die Nachwuchspolitiker wollen bei den Themen der Zukunft mitbestimmen.

Sindelfingen - Eigentlich sollen Parlamente gleich welcher Art, ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene, einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Alle Gruppen sollen angemessen vertreten sein. Doch davon sind die meisten Gremien weit entfernt. Auch im Sindelfinger Gemeinderat dominieren Männer. Nur ein Mitglied – der Linke Richard Pitterle – hat einen Migrationshintergrund. Und der Altersdurchschnitt liegt bei weit über 50 Jahren. Aktuell gibt es gerade einmal zwei Räte, die jünger als 30 Jahre sind. Doch das soll nun anders werden.

Für die Kommunalwahlen in zwei Wochen haben die Parteien aufgerüstet. Außer den Freien Wählern haben alle Parteien mindestens einen Kandidaten unter 30 Jahren unter den ersten zehn auf ihren Wahllisten platziert. So hofft man, auch junge Wähler zu erreichen. Die CDU setzt gleich auf zwei junge Leute unter den Top Ten. „Das hat bei uns Tradition“, betont der Fraktionschef Walter Arnold und verweist unter anderem auf den Oberbürgermeister Bernd Vöhringer, der einst als Unter-30-Rat im Sindelfinger Gremium begonnen hatte. Dieses Jahr hat die Partei als Spitzenkandidat der Jungen den 23 Jahre alten Wahab Moradi für Platz vier nominiert. Der Masterstudent und Start-up-Gründer sieht sich als Vertreter gleich zweier gesellschaftlicher Gruppierungen: „Ich bin jung und habe Migrationshintergrund wie die Hälfte der Sindelfinger.“

Erfahrungen in der Jungen Union gesammelt

Als Vierjähriger war Moradi mit seinen Eltern aus dem Iran eingewandert. Erste politische Erfahrungen hat er in den vergangenen Jahren gesammelt: als Vorsitzender der Jungen Union Sindelfingen sowie als Mitglied im Kreisvorstand der Jugendorganisation. Er gilt als politisches Nachwuchstalent mit rhetorischem Geschick. Den Wahlkampf nimmt er sehr ernst: „Ich bin unterwegs und rede mit den Menschen, an Infoständen und bei Hausbesuchen.“ Mit dem 20 Jahre alten Lehramtsstudenten Tobias Ehret auf Platz neun schickt die Junge Union einen zweiten jungen Kandidaten unter die Top Ten. Für den Kreistag wiederum kandidiert der 22 Jahre alte Pierre Trümper für die CDU auf Platz sechs.

Bei den Grünen hofft der 18 Jahre junge Max Pfeffer, seine Mutter Maria Pfeffer beerben zu können, die nach fünf Jahren aus dem Gremium ausscheidet. Er hat den aussichtsreichen Platz vier auf der Wahlliste bekommen.

Etliche Jugendgemeinderäte sind am Start

Auf weibliche Power setzt die SPD mit der 19 Jahre alten Alina Kroschwald (Platz vier). Sie ist ein bekanntes Gesicht in Sindelfingen. Drei Jahre lang war sie Mitglied des Jugendgemeinderats, zuletzt als Vorsitzende. Dies verbindet sie mit den beiden anderen SPD-Kandidaten: dem erst 18 Jahre alten Martin Wenger und Samet Mulu, 21 Jahre jung. Beide haben erste politische Erfahrungen im Jugendgremium gesammelt. Alle drei haben in ihrer Funktion als Jugendvertreter auch öfters Sitzungen des Gemeinderats besucht. Sie wissen genau, was dort auf sie zukommt: stundenlange Sitzungen mit langen Diskussionen. Doch das schreckt sie nicht. Im Gegenteil: „Ich finde Gefallen daran, die Gemeinderatsvorlagen durchzuarbeiten. Viele Themen betreffen ja auch uns Jugendliche“, sagt Martin Wenger. „Es ist wichtig, dass wir bei allen Themen die Interessen der jungen Leute einbringen“, sagt Mutlu.

Dies verbindet die jungen Kandidaten über alle Parteigrenzen hinweg. Viele von ihnen sind ohnehin privat befreundet. Samet Mutlu und der FDP-Kandidat Max Reinhardt haben schon so manche politische Initiative auf den Weg gebracht und arbeiten im Kreisverband Junge Europäer eng zu­sammen. Max Pfeffer kennt die SPD-Kandidaten als Kollegen des Jugendgemeinderats. Theresa Zöller, die für die Grünen antritt, sagt: „Es ist eher Zufall, dass ich hier gelandet bin.“ Ihr Bruder Yannik kandidiert bei der FDP. Auch das wäre eine Option für sie gewesen. Andere betonen ihr parteipolitisches Profil. „Ich bin ein überzeugter Liberaler“, sagt Max Reinhardt. „Ich finde bei der CDU alle Themen, die mich interessieren“, sagt Pierre Trümper. Bei den konkreten Zielen für Sindelfingen gibt es bei den Kandidaten aber wenig Unterschiede.

Junge Liste bei der nächsten Wahl?

Einige haben besondere Themen: Der CDU-Kandidat Tobias Ehret, aktiv als Schwimmer beim VfL Sindelfingen, will sich vor allem für die Belange der Sportler einsetzen. Sanja Jäger von den Grünen engagiert sich bei der Bewegung Seebrücke und möchte Sindelfingen zum sicheren Hafen für Flüchtlinge machen: zu einer Stadt, die aus dem Mittelmeer Gerettete aufnimmt. Sonst aber ähneln sich die Interessen: der öffentliche Nahverkehr soll ausgebaut und billiger werden, die Digitalisierung muss vorangetrieben, die Innenstadt attraktiver für junge Leute werden, am besten zum Hochschulstandort.

Am wichtigsten aber ist allen, die Sicht junger Leute ins Gremium einzubringen. „Der Gemeinderat trifft in den kommenden fünf Jahren Entscheidungen, die die nächsten 30 Jahre prägen. Uns als Junge betrifft das am meisten“, betont Martin Wenger. Und so hoffen alle Kandidaten, dass viele von ihnen ins Gremium einziehen. Die Chancen sind gut. Etliche altgediente Platzhirsche treten nicht mehr an. „Vielleicht schaffen wir es für die nächste Wahl sogar, eine überparteiliche Junge Liste aufzustellen“, sagt Pierre Trümper.

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