Chorleiter Markus Nau verbeugt sich vor dem Publikum in der Martinskirche. Foto: Stefanie Schlecht

Dirigent Markus Nau verabschiedete sich vom Sindelfinger Kammerchor mit dem „Konzert zum Ende der Zeit“ in der Martinskirche.

„Dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich zu sein“ – so heißt es im Programmheft des Sindelfinger Kammerchors. Es handelt sich um ein Bibelzitat aus Prediger 1, 1-13. Das ist passend, denn der Sindelfinger Kulturamtsleiter Markus Nau hat sich jetzt als Dirigent des Sindelfinger Kammerchors mit einem denkwürdigen Konzert in der voll besetzten Martinskirche verabschiedet. Und es war ein fröhlicher Abschied. Als das Konzert nach rund 90 Minuten vorbei war, wollten viele Zuhörer die Martinskirche noch gar nicht verlassen und fanden sich zum Gespräch zusammen. Das Motto des Abends hieß zwar „Konzert zum Ende der Zeit“, doch hier wollte das Ende so schnell nicht eintreten.

 

Eingerahmt wurde Mozarts unvergleichliches Requiem durch Bachs Kantate „Wachet auf ruft uns die Stimme“ und sein „Dona nobis pacem“ aus der Messe in h-Moll. Wie stark der Sindelfinger Kammerchor in der Region verwachsen ist, war allein schon daran zu sehen, dass er jeweils mit anerkennendem Beifall begrüßt wurde, als er am Samstag und Sonntag den Altarraum betrat. Selbst die Glocken läuteten Beifall.

Bach-Kantate stand 1987 schon auf dem ersten Programm des Kammerchores

Bachs Jubelkantate ist trotz ihrer Popularität anspruchsvoll zu realisieren. Allein schon die polyphonen Verschränkungen von Chor und Orchester im Eingangschor erhielten musikantisches Profil: Präzision und schwungvolles Musizieren verhalfen dem Stück zu großartiger Wirkung. Typisch für Bach waren auch der Einsatz einer konzertierenden Solovioline (Irina Hornung) und der Solo-Oboe (Irene Göser). Diese Kantate stand 1987 bereits auf dem ersten Programm des Kammerchores.

Sowohl in Bachs Kantate als auch in Mozarts Requiem singen die Solisten gelegentlich im Vordergrund, die erste Rolle steht aber dem Chor zu. Dennoch: Nau hatte eine gute Qualität ausgewählt. Christine Euchenhofer, Sopran, Aline Quentin, Alt, Dustin Drosdziok, Tenor, und Burkhard Seizer, Bariton, verkörperten ein gut aufeinander eingespieltes Quartett. Sie verfügen über Stimmen mit etwa gleichem Volumen, aber ebenso unterschiedlichen Klangfarben, sodass ihre jeweiligen musikalischen Ausdruckslinien klangvoll zur Geltung kamen. Sie bildeten so zum Sindelfinger Kammerchor einen solistischen Kontrachor, dessen musikalische Substanz immer wieder für vokal leuchtende Klangeffekte sorgte.

Die tollsten Mythen und Gerüchte

Markus Nau war das Kunststück gelungen, die ohne Unterlass jubelnde Kantate von Bach doch mit feiner Binnendifferenzierung zu gestalten. Die kompakte, dennoch transparente Akustik der Martinskirche erlaubte es zudem, dass man die Elemente der manchmal vertrackten Polyphonie gut heraushören konnte. Der Chor überzeugte vor allem durch seine Ausgewogenheit zwischen den einzelnen Stimmgruppen und ein insgesamt homogenes Timbre: Bach at its best.

Um Mozarts Requiem halten sich die tollsten Mythen und Gerüchte. Fakt ist: etwa zwei Drittel stammen von ihm, die restlichen Takte von seinen Schülern Eybler und Süßmayr. Letzterer soll nicht nur die wesentlichen Teile des Requiems vervollständigt haben, sondern auf einer späteren Abschrift Mozarts Unterschrift gefälscht haben. Außerdem soll Franz Xaver Süßmayr auch der Vater von Mozarts Sohn Franz Xaver sein. Aber das liegt alles so herrlich im Dunkel der Geschichte. Als Vorbild mag Mozart das Requiem c-Moll von Michael Haydn gedient haben, an dessen Uraufführung er als Fünfzehnjähriger im Orchester mitgewirkt hatte, denn es gibt auffällige stilistische Parallelen.

Markus Nau: „Wir haben insgesamt neun Proben durchgeführt, um dieses gewünschte Niveau zu erreichen.“ Mozarts Schreibweise schmeichelt allen Stimmen, dennoch sind seine Anforderungen mindestens von gleicher Kategorie wie die von Johann Sebastian Bach. Das knapp einstündige Requiem erreichte durch die musikalische Dramaturgie der Ausführenden eine großartige Spannung von der ersten bis zur letzten Note. Beispielhaft war der rhythmische Drive im mehrstimmig-komplexen Kyrie. Ebenso das dynamisch-expressive Auf- und Abschwellen im Dies irae. Besondere Höhepunkte waren immer wieder die Ensembles der vier Solisten, wie zum Beispiel im „Tuba mirum“, in der vokale Virtuosität und musikalische Aufrichtigkeit überzeugten. Seine emotionale Wirkung verfehlte auch das „Lacrimosa“ nicht, das wohl zu den bewegendsten Kompositionen von Mozart zählt; nicht umsonst gibt es davon mehrere Klavier-Solo-Bearbeitungen, unter anderem von Franz Liszt. Klangvolle Stütze war zudem eine bewährte Gruppe von Instrumentalisten, die sich mit Engagement in das gestalterische Konzept mit einbrachten. Substanzielle Akzente setzte auch die Pauke.

Respektvolle Stille und enthusiastischer Beifall

Übergangslos musizierten die Klangkörper dann Johann Sebastian Bachs „Dona nobis pacem“ aus der h-Moll-Messe. Klanglich mit einem auffälligen Trompetenglanz, was dem gelernten Trompeter Markus Nau sicher besonders gefallen haben dürfte. Gib uns Frieden, welche Worte in dieser Zeit. Die mitreißende Qualität des Musizierens wurde mit enthusiastischem Beifall gefeiert, aber erst, nachdem zunächst respektvolle Stille im Raum geherrscht hatte. Markus Nau: „Schön, dass Sie dabei waren.“ Er sprach sicherlich allen aus der Seele.