Nach über drei Jahrzehnten im Stadtbild verabschiedet sich ein bekanntes Sindelfinger Gästehaus: Christian Hempel schließt sein Akzent Hotel Torgauer Hof. Die Gründe.
Noch sind die letzten Gäste im Akzent Hotel Torgauer Hof in Sindelfingen nicht abgereist. Dennoch liegt bereits eine gewisse Ruhe über dem Gebäude. Christian Hempel aber bleibt in seiner Rolle als Hoteldirektor. Vom maßgeschneiderten Anzug bis zu seinem freundlichen Lächeln sitzt alles. Sobald die Türklingel ertönt, eilt er aus seinem Büro hinter der Rezeption zur Theke. „Hallo, hallo, immer hereinspaziert“, sagt er. Die vorbereiteten Gastgeschenke liegen – selbstverständlich – schon bereit.
„Das gehört sich einfach“, findet Hempel. „Genau wie es sich gehört, dem Gast Hilfe mit dem Gepäck anzubieten.“ Wichtig sei dem 64-Jährigen auch immer gewesen, jeden Menschen, der hereinkommt, mit Namen ansprechen zu können. „Das hat man bei großen Hotelketten nicht. Da tippt jemand auf seiner Computertastatur herum, vermeidet Blickkontakt und fertigt einen in wenigen Minuten mit dem Zimmerschlüssel ab“, sagt er.
Hempel: der ‚Allrounder’ des Hotels
Dass Gäste sein Hotel als „familiär“ empfanden, war für ihn rückblickend stets das größte Kompliment. „Ich bin und war schließlich mit keinem meiner Mitarbeiter verwandt und es ist ja nicht so, als wäre das Hotel von einer Generation zur nächsten weitergereicht worden.“ Das bedeute jedoch nicht, dass zwischen ihm und seinem Team keine Wärme geherrscht hätte. „So groß ist das Hotel nicht, dass wir uns da aus dem Weg gehen konnten. Also war es mir wichtig, dass wir immer gut miteinander auskommen.“
Hempel erzählt mit bescheidenem Unterton, dass er seit der Eröffnung des Drei-Sterne-Hotels 1995 im Grunde das gewesen sei, was man „heutzutage einen ‚Allrounder‘ nennt“. Er war derjenige, den Gäste riefen, wenn die Heizung nicht funktionierte oder Handtücher fehlten. Er schlichtete Streitigkeiten unter Mitarbeitern, half bei der Frühstücksausgabe, hielt die Stellung an der Rezeption und erledigte gleichzeitig alles, was in der Leitung eines Hotels anfällt: Buchhaltung, Steuern, Mitarbeiterführung. „Und wenn ein Gast sich auf dem Zimmer Champagner gewünscht hat, dann habe ich halt eine Flasche gekauft.“
„War alles andere als eine leichte Entscheidung“
Mehr als dreißig Jahre nach der Eröffnung das Hotel aufzugeben, „war alles andere als eine leichte Entscheidung“, sagt er. Doch die jüngsten Entwicklungen bei Daimler wirkten sich auch auf Hempel aus. Vor gut eineinhalb Jahren musste er sich eingestehen, dass sich der Betrieb nicht mehr rechnet. „Meine Zielgruppe waren nun mal Daimler-Mitarbeiter oder Zulieferer“, sagt er. Mussten sie ein Projekt im Sindelfinger Werk betreuen, übernachteten sie oft für drei bis vier Wochen in einem seiner Apartments. „An dem Spruch ‚Wenn Daimler hustet, hat die ganze Region Grippe’ ist halt schon was dran“, sagt Hempel.
Der erste Einbruch sei während der Corona-Zeit spürbar gewesen, als Geschäftsreisen ausfielen und viele Projekte digital abgewickelt wurden. Irgendwann konnte er seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen und musste sie entlassen. Zuletzt gehörten dem Hotel noch 19 Apartments – jeweils ein Zimmer mit Bad und kleiner Küchenzeile. „Die restlichen 20 Apartments gehören den Alteigentümern des Gebäudes.“ Diese würden über Plattformen wie Airbnb oder Booking.com vermietet.
Manche Gäste wurden über die Jahre zu Freunden
Die Apartments, die noch in Besitz von Hempels Firma sind, sollen nun von der Bank verkauft werden; anschließend soll daraus ein Wohnhaus mit Apartments entstehen. Ein wenig Zeit bleibt ihm jedoch noch, um sich von seinem Hotel zu verabschieden. „Am 18. Dezember gehen die letzten Gäste“, sagt er. Obwohl er überwiegend Geschäftsreisende beherbergte, übernachteten immer wieder auch Familienangehörige von Menschen aus Sindelfingen im Torgauer Hof. „Da habe ich schon einige Freundschaften geschlossen. Gäste haben zu Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen bei mir geschlafen. Manche waren richtige Stammgäste“, sagt Hempel. Diese werde er in besonderer Erinnerung behalten.
Und auch mit vielen seiner Geschäftskunden habe sich nach und nach ein fast schon freundschaftliches Verhältnis entwickelt. „Die haben meist von Montag bis Freitag hier übernachtet, um dann über das Wochenende zu ihren Familien zu fahren. Wenn sie dann am Sonntagabend zurückgekommen sind, hat man schon mal gefragt: ‚Und was macht die Tochter? Wie lief die Einschulung?’“
„Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weiter geht“
Während er erzählt, durchqueren zwei Gäste den Eingangsbereich. Hempel begrüßt sie – natürlich mit Namen – und wechselt ganz automatisch ins Englische. Bei ihm haben stets Menschen aus vielen Ländern übernachtet; die aktuellen Gäste sind aus Spanien. „Ich spreche viele Sprachen. Wenn ich einen Gast in seiner Sprache begrüßt habe, hat das meist sofort das Eis gebrochen“, erzählt Hempel, sobald die beiden über die Treppe in den ersten Stock verschwunden sind.
Für einen Moment schaut der Hoteldirektor den beiden Gästen hinterher, ehe er wieder zurück an die Rezeption tritt – dorthin, wo er drei Jahrzehnte lang fast täglich stand. Er streicht seinen Anzug glatt, rückt einige Unterlagen gerade und blickt dann kurz in die Ferne. „Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weiter geht“, sagt er. „Es wird wohl nicht leicht für mich werden auf dem aktuellen Arbeitsmarkt.“ Er kann wohl nur hoffen, dass man irgendwo einen Allrounder wie ihn gebrauchen kann.