Martin Horn pendelt regelmäßig zwischen Sindelfingen und Straßburg. Dort tagt der Kongress der Gemeinden und Regionen mit Mitgliedern aus 47 Staaten. Foto: privat

Martin Horn koordiniert die Internationalen Angelegenheiten der Stadt. Was viele Bürger nicht wissen: Sindelfingen spielt mit auf europäischem Parkett. Der Oberbürgermeister Bernd Vöhringer ist der Chef der deutschen Delegation im Kongress der Gemeinden und Regionen im Europarat.

Sindelfingen - Trotz offener Grenzen und Eurokrise ist europäische Politik für die meisten deutschen Bürger ein eher abstrakter Begriff, der augenscheinlich wenig mit dem konkreten Alltag zu tun hat. Dabei sind besonders die Sindelfinger ganz nah dran an Europa. Deutlich wurde das, als sich Anfang Dezember Martin Horn vom Internationalen Büro der Stadt mit einem Transporter voll mit Hilfsgütern aufmachte zur griechischen Insel Samos, wo täglich Hunderte oder gar Tausende Flüchtlinge stranden (wir berichteten).

Zustande gekommen war diese spontane Hilfsaktion, die Horn innerhalb weniger Wochen auf die Beine stellte, nach dem Aufschrei des Bürgermeisters von Samos, Michalis Angelopoulos. Dieser hatte in einer Sitzung des Kongresses der Gemeinden und Regionen des Europarats eindringlich um Hilfe gebeten. Der Hilferuf landete beim Sindelfinger Oberbürgermeister Bernd Vöhringer, der Mitglied in diesem Kongress ist. So hat er direkten Kontakt zu Kollegen aus ganz Europa.

Parlament mit Mitgliedern aus 47 Staaten

Zweimal im Jahr treffen sich in Straßburg die 636 Mitglieder, die aus allen 47 europäischen Staaten kommen – neben den EU-Ländern sind dies zum Beispiel auch Vertreter aus Russland, der Türkei oder Aserbaidschan. „Jede Versammlung steht unter einem bestimmten Thema“, sagt Horn. „Beim letzten Treffen ging es um die Flüchtlingsfrage.“ Dabei seien die Treffen alles andere als theoretische Veranstaltungen. „Ganz konkret geht es um die Probleme und Herausforderungen in den Städten und Gemeinden und wie die Mitgliedstaaten damit umgehen“, betont Horn.

18 Mitglieder hat die deutsche Delegation – (Ober-)Bürgermeister, Landräte und Landtagsabgeordnete etwa aus München, Berlin und Hamburg –, und Bernd Vöhringer, der OB einer 60 000-Einwohner-Stadt, ist der Leiter der Deutschen. „Eine tolle Aufgabe“, findet Martin Horn. Er ist die rechte Hand Vöhringers im Kongress, bereitet die Sitzungen vor und nach, koordiniert die Themen und Termine. Der 31-Jährige mit einem Bachelor in Internationaler Sozialer Arbeit und einem Master in European and World Politics ist seit einem Jahr im Sindelfinger Rathaus beschäftigt und für diese Aufgabe bestens geeignet.

Mit 16 Jahren schrieb Martin Horn sich eine „To-do-Liste“ mit wichtigen Zielen für sein Leben. Eines davon: „Ich möchte 100 Länder bereisen.“ 72 habe er schon geschafft, sagt Horn. Als Student war er zum Beispiel in Botswana, hat Forschungsstudien in Israel und Jordanien betrieben und Hilfsprojekte in Albanien geleitet. Dass er die Stelle in Sindelfingen bekam, dafür dürfte vor allem sein europapolitisches Engagement den Ausschlag gegeben haben. Ein Praxissemester absolvierte er beim Europarat in Straßburg, ein fünfmonatiges Praktikum bei einem Abgeordneten des Europäischen Parlaments in Brüssel.

Auch die Deutschen können noch lernen

Was bringt der Stadt die Teilnahme an den Sitzungen in Straßburg? „Rechtlich bindend sind die Beschlüsse des Gremiums nicht“, sagt Horn. „Aber der moralische Druck, den wir ausüben, kann einiges bewirken.“ Das gelte zum Beispiel bei Menschenrechtsverletzungen, die angeprangert würden. So werde jedes Land in gewissen Abständen von einer Delegation besucht, die prüfe, ob europäische Standards eingehalten würden. Auch die Deutschen würden gelegentlich abgemahnt. So gebe es zum Beispiel beim Thema Inklusion, das kürzlich auf der Tagesordnung stand, einigen Nachholbedarf. Lernen könnten die Deutschen in dem Punkt von Italien und den skandinavischen Ländern.

Um ganz konkrete Projekte geht es auch in einem anderen Aufgabenbereich von Martin Horn – bei den Eurotowns. Dort haben sich 18 mittelgroße europäische Städte zusammengeschlossen – neben Sindelfingen gehören aus Baden-Württemberg noch Pforzheim und Ulm dazu. Themen sind zum Beispiel die Integration von Zuwanderern oder Angebote für Senioren. Auch da wollen die Städte voneinander lernen.

Eine 75-Prozent-Stelle hat Martin Horn, 50 Prozent seine Kollegin Eva-Maria Kocher. Ihre Aufgabe: Fördergeld für Sindelfinger Projekte aus EU-Töpfen zu akquirieren. Auch da ist Sindelfingen sehr erfolgreich. Millionenzuschüsse erhielt es für seine Kläranlage. Und bereits siebenmal in Folge förderte die EU das internationale Jugendtheaterprojekt der Stadt.

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