Bernd Vöhringer in seinen letzten Zügen: Entspannt wie selten auf einem der Sessel im Rathaus-Foyer. Foto: Stefanie Schlecht

Bernd Vöhringer tritt ab. Der am zweitlängsten amtierende OB hinterlässt ein reiches Sindelfingen, aber auch eines mit Baustellen. Porträt eines streitbaren Kopfes.

An dem Tag nach dem hauchdünnen Wahlsieg von Markus Kleemann (CDU) bei der Sindelfinger Oberbürgermeisterwahl ist dessen noch amtierender Vorgänger die Entspanntheit in Person. Bevor sein Arbeitstag im Rathaus an diesem denkwürdigen 26. Mai begann, hatte Bernd Vöhringer Klavierunterricht. „Das habe ich vor ungefähr zehn Jahren angefangen, und wenn ich von Woche zu Woche wenigstens etwas besser und nicht schlechter werde, sehe ich das schon als Erfolg“, sagt der 56-Jährige lachend. Gerade über er das Jazz-Stück „I remember Clifford“. Der Oberbürgermeister am Piano – für viele ein unbekanntes Bild.

 

24 Jahre lang spielte er fast ausschließlich auf der Klaviatur des Sindelfinger Rathauses. 2001 bezog Vöhringer als jüngster OB Deutschlands das Amtszimmer im ersten Stock des aktenordnergrauen Betonbaus. Jetzt, in den letzten Wochen seiner Amtszeit, wirkt der Stadtchef gelöst wie selten. Fast heiter. Als wäre eine tonnenschwere Last von seinen Schultern gefallen. Als der Wahlausschuss das Ergebnis der OB-Wahl offiziell anerkannt hatte, entschwand der Stadtchef erst einmal in den Urlaub: ein paar Tage La Rochelle mit seinem neunjährigen Sohn Raphael.

Der wächst bei seiner Mutter Francine Goix in der Sindelfinger Partnerstadt Corbeil-Essonnes auf, einem Vorort von Paris. Die Beziehung zwischen ihr und Vöhringer hielt deutlich weniger lang als die zwischen ihm und dem Rathaus. Doch vielleicht hat er jetzt endlich mehr Zeit für seinen Sohn? „Mein Sohn hatte für mich immer Priorität. Jetzt freue ich mich darauf, unsere gemeinsame Zeit, ohne den Zeitdruck des Amts verbringen zu können“, sagt er nicht ohne Vorfreude. Bisher musste er die Besuche in Paris immer in seinen engen OB-Terminkalender pressen: „Ich bin oft mit dem ersten TGV nach Paris.“ Der geht um 6.24 Uhr ab Stuttgart-Hauptbahnhof.

Was bleibt von Vöhringer?

Doch Vöhringer und Sindelfingen, das war und ist ein Bund fürs Leben. Er wird in die Stadtgeschichte eingehen als der bisher am zweitlängsten amtierende Oberbürgermeister nach Arthur Gruber (1946 – 1977). Was bleibt von ihm? Den Kritikern unter Vöhringers Wegbegleitern fallen kaum politische Großprojekte ein, die auf ihn zurückgehen. Neues Rathaus, Badezentrum, Krankenhaus, Glaspalast, Busbahnhof und Stern Center – sie standen längst, als Vöhringer ins Amt kam. Doch er selbst zieht eine andere Bilanz.

Als Kämpfer für die Nordumfahrung in Darmsheim Foto: Archiv

Zu Beginn seiner Amtszeit setzte er sich an die Spitze der Darmsheimer Bewegung, die eine neue Nordumfahrung für den staugeplagten Ort forderte. Mit Erfolg: Nach jahrelangem Ringen rollt am 18. Mai 2018 erstmals der Verkehr durch den Darmsheimer Tunnel, ein Multimillionenprojekt ist vollendet. Doch es gilt gemeinhin nicht als sein „Baby“, ebenso wenig wie andere Großprojekte, an denen er sich maßgeblich beteiligt sieht. „Der Deckel über die A 81 wäre heute nicht im Bau, wenn ich damals nicht zusammen mit vielen weiteren Akteuren der Bürgerschaft dafür gekämpft hätte“, sagt er.

Tatsächlich war er es, der im Rahmen der Diskussion um die Einhausung der lärmenden A 81 Schaugerüste am Goldberg aufstellen ließ, um die Dimension der ursprünglich geplanten Lärmschutzwände zu veranschaulichen. Bei einem Ortstermin wurde schnell klar, dass die rund acht Meter hohen Wände ein städtebauliches No-Go wären. Möglich oder sogar wahrscheinlich, dass dies den Ausschlag gab für den 850 Meter langen Deckel über die A 81. Unter ihm putzten die Wohnstätten außerdem Fachwerkhäuser in der Altstadt aufwendig heraus und begann die Sanierung von Tiefgarage und Marktplatz.

Ein Mega-Projekt, das voll in Vöhringers Amtszeit fiel: das Flugfeld. Die Umwandlung und Aufsiedelung des ehemaligen Flughafengeländes zwischen Böblingen und Sindelfingen trägt zwar nicht nur seine Handschrift – doch Vöhringer war von Anfang an bis heute dabei. Über den neuen Stadtteil wuchsen die beiden Städte enger zusammen. So eng, dass man 2011 sehr ernsthaft und sehr öffentlich über eine Städtefusion nachdachte.

Väter des Flugfelds: Vöhringer mit damaligem Amtskollegen Vogelgsang auf Flugfeld-Spritztour Foto: Archiv

Im September 2011 luden er und sein Böblinger Amtskollege Wolfgang Lützner zur Pressekonferenz auf der Dachterrasse des V8 Hotels. Vöhringer schwärmte: „Gemeinsam hätten wir eine deutlich bessere Position im Wettbewerb der Städte.“ Ihm und Lützner schwebte vor, die Gewerbesteuern beider Städte in einen Topf zu werfen und halbe-halbe zu machen – vereinfacht gesagt. Vöhringer, der in diesem Prozess als Treiber galt, propagierte schon lautstark die Doppelstadt. Doch das Vorhaben scheiterte – und wurde zum vielleicht größten Misserfolg in seiner Amtszeit.

Vöhringer sieht indes Erfolge in der Stadt, die sich nicht an Gebäuden oder Institutionen festmachen lassen. „Wir sind als Stadtgesellschaft spürbar mehr zusammengewachsen“, befindet er. Die Gründung der Bürgerstiftung und vor allem die Feierlichkeiten zum Stadtjubiläum 2013 seien es gewesen, die Sindelfingen zusammengeschweißt hätten. Die daraus erwachsene, alle zwei Jahre stattfindende Biennale sei ein bunter Ausdruck dieses Geistes. Sich als bürgernahes Stadtoberhaupt zu inszenieren, lag Vöhringer immer.

Unvergessen, wie er in Frack und Zylinder die Tradition des Sindelfinger Kuchenritts wieder aufleben ließ. Oder wie er mit dem Megafon in der Hand ein Verbleib der Konzertreihe „Sindelfingen rockt“ auf dem Marktplatz einforderte. Das, und seine joviale Omnipräsenz brachte ihm viele Sympathiepunkte. Seine Wiederwahlen 2009 und 2017 waren jeweils ungefährdet, in den jüngsten Kreistag zog er als Stimmenkönig ein. In die Regionalversammlung auf Listenplatz eins. Doch intern, im Sindelfinger Rathaus und im politischen Umfeld, hatte Vöhringer keineswegs nur Bewunderer.

Sein Führungsstil ist berüchtigt. Wegbegleiter im Rathaus berichten von rigiden Methoden, Kritiker mundtot zu machen. So entzog er etwa dem ehemaligen Bäder- und Sportamtsleiter Thomas Jeggle die Amtsleitung. Musste ihn aber – deutsches Beamtenrecht – weiterbeschäftigen, dann als städtischen Gesundheitsbeauftragten. Andere soll Vöhringer über Nacht in ein anderes, weniger schönes Arbeitszimmer versetzt haben, wenn sie zu laut widersprachen.

Mit dem Böblinger Kollegen Lützner brachte Vöhringer die Städtefusion ins Spiel – erfolglos. Foto: Kreiszeitung /Wandel

Die hohe Fluktuation oder ein ungewöhnlich hoher Krankenstand im Rathaus passt in dieses Bild, vor allem in seinem direkten Umfeld. Die Position des Pressesprechers etwa: Hier hielt es manch einer zuletzt nur Monate aus. Vöhringer räumt ein, von seinem Stab eine hohe Leistungsbereitschaft einzufordern. „Vor meiner Zeit im Rathaus war ich in einer Unternehmensberatung tätig, da waren lange Arbeitstage unter hohem Druck der Normalfall“, sagt er.

So geprägt, erwarte er dasselbe von seinen Leuten. Immerhin: „Wer bei mir durchhält, aus dem kann überall etwas werden“, sagt er mit einem Anflug von Selbstironie. Kein Zuckerschlecken, dafür Talentschmiede? Martin Horn leitete einst sein Europabüro und ist heute Oberbürgermeister von Freiburg, sein persönlicher Referent Nico Lauxmann wurde Oberbürgermeister von Kornwestheim. Sein Ex-Büroleiter Marc Biadacz ist heute Bundestagsabgeordneter. Weitere Sindelfinger Gewächse sind Melanie Hettmer, heute Bürgermeisterin von Renningen; Anna Walther, heute Bürgermeisterin von Schönaich und nicht zuletzt Dirk Östringer, heute Bürgermeister von Gerlingen.

Doch um seinen Arbeitseifer gebe es auch viel Legendenbildung, sagt Vöhringer. Dass ihm sein Fahrer am Wochenende die Aktenstapel in die Privatwohnung gebracht habe, gehöre ins Reich der Märchen, sagt er.

Bei all dem Eifer ließ er andere allerdings gerne warten. Unvergessen, wie sich die gemeinsame Ausschreibung zum Linienbündel des Stadtverkehrs Böblingen-Sindelfingen ewig hinzog, weil die Vorlage monatelang nicht aus Vöhringers Büro zurückkam. Oder den Suchlauf zur Erddeponie im Kreis Böblingen, den der Sindelfinger OB öffentlichkeitswirksam torpedierte. Ebenso seien Entscheidungen in städteübergreifenden Zweckverbänden quälend lang verzögert worden, nicht zuletzt auf dem Flugfeld. Vöhringer, der Verzögerer?

Vöhringer liebte die Städtepartnerschaften: Hier im italienischen Sondrio. Foto: Stadt

„Für manche Projekte haben wir einen langen Atem gebraucht“, sieht er rückblickend ein. Das Badezentrum ist so ein Langzeit-Projekt. Das war schon 2017 Thema, als er sich in seine dritte Amtszeit wählen ließ. Jetzt, acht Jahre später, ist da noch immer kein Knopf dran und der Brocken wandert weiter auf Markus Kleemanns Schreibtisch. Viele kritisierten außerdem sein ausgedehntes „außenpolitisches“ Engagement in der Städtekammer des Europarats oder im Städtetag. Zeit, die er im heimischen Rathaus abwesend war. Warum tat er sich das an? „Ich bin ein neugieriger Mensch“, sagt der scheidende Rathaus-Chef.

Reif für den Ruhestand wirkt er nicht

Dieser Hunger ist dem 56-Jährigen noch immer anzumerken. Reif für den Ruhestand wirkt er nicht. Wie darf man sich einen Bernd Vöhringer nach der Amtsübergabe am 1. August vorstellen? „Als erstes will ich mir eine Auszeit nehmen“, sagt er strahlend. Endlich Zeit für die Hobbies: Wandern, Kochen, Fahrrad fahren. Außerdem sein Engagement beim Roten Kreuz, für das er wahlweise die Sanitäterjacke überwirft oder das Amt des Vizepräsidenten ausübt.

Und beruflich? Vöhringer: „Wenn ich noch mal politisch aktiv werde, dann definitiv im europäischen Kontext.“ Womöglich zieht es ihn künftig noch öfter nach Frankreich. Sei es zum Sohnemann – oder zu neuen politischen Ufern.