Der Hollywood-Regisseur Roland Emmerich spricht darüber, wie er in einer schwäbischen Familie aufgewachsen ist und es von Sindelfingen aus an die Weltspitze geschafft hat.
Roland Emmerich ist als Ehrengast derStuttgarter Trickfilmtage, der FMX, in seine Heimat zurückgekehrt. Die FMX – Film & Media Exchange – ist die wichtigste Veranstaltung der Welt für Trickfilm. Gerade auf diesem Gebiet hat er ikonische Szenen geschaffen und viele Regisseure beeinflusst, als er etwa für den Film „Independence Day“ das Weiße Haus und das Capitol gesprengt hat.
Herr Emmerich, Sie wurden nach Ihrem Science-Fiction-Film „Moon 44“ von der deutschen Kritik zerrissen und haben Deutschland verlassen. Jetzt kommen Sie als Megastar zurück. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?
Oh ja, mehr als das sogar.
Sie waren in den 80ern ein junger talentierter Filmemacher. Sehen Sie die Filme vor dem inneren Auge?
Ja. Also ich brauche ein Gefühl für den Film, aber ich muss ihn auch im Kopf sehen.
Als junger Filmemacher legt man nicht gleich unsterbliche Meisterwerke vor. Wo finden diese ersten Filme ihren Markt?
Sie finden ihn gar nicht.
Kam Ihr erster Film, „Das Arche Noah Prinzip“, in die schwarzen Zahlen?
Ja, weil er so billig war. Und wir hatten 180 000 Zuschauer, aber das war nicht das Ding, es war das Video, das die Einnahmen brachte.
Sie haben dafür Ihre Anteile an der elterlichen Firma Solo Kleinmotoren verpfändet.
Mein Vater Hans Emmerich hat gesagt, „wenn das nicht funktioniert, dann musst du leider deinen Firmenanteil hergeben.“ Aber: Es passierte ja nicht.
Haben Sie nie gehört, „als ,Filmemacher kannst du doch nicht leben‘?“
Mein Vater hat immer gesagt, einen Künstler in der Familie kann ich mir leisten.
In frühen Filmen sieht man oft eine Beziehung zwischen einem älteren und einem jüngeren Mann. Was hat es damit auf sich?
Es war eben eine Form des Geschichtenerzählens. Ich weiß es nicht, ich versuche nicht, alles, was ich tue, storytechnisch zu analysieren.
Was bedeutete der Filmtitel: „Das Arche Noah Prinzip?“
Die Arche, das ist das botanische Labor auf dieser Raumstation und natürlich auch, dass die Bestrahlung des Meeres eine Flutkatastrophe ähnlich der Sintflut auslöst.
Im Film sieht man einen Spiderman-Comic. Waren Sie Spiderman-Fan?
No, never
Perry-Rhodan-Fan auch nicht?
Nein, gar nicht. Der Stoff ist mir schon drei oder vier Mal angeboten worden. Und ich sagte, ich mag ihn nicht. Das liegt schon an dem Namen, Perry Rhodan, wer heißt denn so? Right?
Waren Sie ein Außenseiter in der Münchner Filmhochschule?
Ich hatte eine ganz enge Freundschaft mit drei oder vier Kommilitonen. Aber wir hatten uns in Gruppen aufgeteilt. Da waren die, die Unterhaltung machen wollten, und dann die, die Kunst erzeugen wollten, und ich war mehr in der Unterhaltungsschiene.
Kann ich Ihr Unterhaltung-schaffen als Protest gegen den neuen deutschen Film werten?
Nein. Überhaupt nicht.
Bei einer ikonischen Szene aus „Independence Day“, wo sich Esoteriker auf dem Hochhaus versammeln und dann zerstrahlt werden, dachte ich, da hat jemand mit der Esoterik abgerechnet.
Nein, die Idee, die wir hatten, war ja, dieses Mädchen, das total aufgeregt ist, weil sie glaubt, jemand würde Elvis zurückbringen, und dann, womm, wollten wir zeigen, wie brutal die Aliens sind.
Hatten Sie die Szene aus dem Film „Kampf der Welten“ im Kopf, wo der Pfarrer mit der Bibel den Aliens entgegen schreitet.
Ja, natürlich.
Ihr zweiter großer Science-Fiction-Film „Moon 44“, woher kommt der Titel?
Ich sagte: „Moon 44, das hört sich großartig an.“ Von da an habe ich in all meinen Filmen die Zahl 44 untergebracht. Wenn Sie da aufpassen, es gibt überall die Zahl 44.
Nach dem Film Independence Day hatten Sie mehr Geld in der Tasche, als Sie ausgeben konnten. Warum haben Sie sich nicht zur Ruhe gesetzt?
Weil ich Filme machen will. Ich bin Filmemacher und Regisseur und übrigens – ich bin gar nicht so reich.
Was zeichnet ein gutes Drehbuch aus?
Dass man schnell in die Charaktere eintauchen kann.
Wollten Sie mit ihren Unterhaltungsfilmen Geld verdienen, um ein Projekt wie den queeren Film „Stonewall“ über die Unruhen in der Christopher Street zu machen?
Nein, ich hab den Film deswegen gemacht, weil ich schwul bin. Ich habe immer nach einem Thema gesucht und dann gedacht, warum nicht „Stonewall“, und dann habe ich zwei, drei Bücher gelesen und mich entschieden, es zu machen. Das war eigentlich ganz natürlich. Ich habe den Film mehr oder weniger selbst finanziert, weil ihn kein Mensch unterstützte.
Haben Sie sich mit dem Film Stonewall neu erfunden?
Ich bin immer ein Regisseur. Da versuchst du immer, das richtige Mittel zu finden. Ich habe damals den ganzen Film umgeschnitten und habe die Geschichte dreimal in der Rückblende erzählt. Das war relativ einfach, aber das hat den Film ausgemacht.
Ihre frühen Action-Filme, die verweigern sich geradezu diesen großen Liebesgeschichten.
Oh Gott! Ich liebe wirklich Menschen und ich liebe einen besonderen Mann, meinen Ehemann Omar de Soto, seit 17 Jahren, und ich werde hoffentlich mit ihm zusammenbleiben für den Rest meines Lebens. Und ich liebe es, ihn „Baby“ zu nennen. Er ist die große Liebe meines Lebens.
Sie haben in sehr vielen Genres gedreht, woher kommt der Ruf als Katastrophenfilmer?
Weil das meine berühmtesten Filme sind.
Geht man davon aus, dass Künstler Individualisten sind, wie schafft man es, ein Team zusammen zu halten?
Das ist ganz einfach. Die sind ja alle angestellt, dann passiert es eben auch, dass man jemanden entlässt. Die sind dann natürlich wirklich wütend darüber, aber sie haben sich halt auch daneben benommen.
Wenn Sie drehen, müssen Sie ganz viele Entscheidungen treffen. Entscheiden Sie aus dem Bauch heraus?
Das ist für mich easy. Weil ich genau weiß, was ich tue. Ich habe einen Plan, und dann erfülle ich diesen Plan Tag für Tag für Tag. Und dann habe ich noch einen Gesamtplan, das ist für mich wichtig.
Läuft es in Hollywood so: Je mehr Geld ich in einen Film stecke, desto verlässlicher muss der Film sein?
Nein – aber ich mache eigentlich diese Art von Filmen nicht. Ich suche mir lieber etwas anderes.
Jetzt hat Ihre Filmfirma Centropolis die elterliche Firma Solo Kleinmotoren mit ihren Rasenmähern, Mofas und Sprühgeräten überlebt. Sind Sie nochmal durch das elterliche Haus gegangen?
Es war einfach so, ich wollte noch einmal Abschied nehmen. Ich habe es allein gemacht nur mit meinem Bruder Andreas. Wir haben uns dann auch an meinen ältesten Bruder Wolfgang erinnert, der vor zwei Jahren gestorben ist.
Sie hätten das Haus in Sindelfingen retten können als Museum.
Nein, das Haus sollte einfach gehen, solange es noch leicht war, ich kann das nicht ausdrücken.
Wie viele Mußestunden haben Sie am Tag?
Ich arbeite konstant durch. Ich schlafe, ich esse, der Rest ist meiner Arbeit gewidmet. Oder ich sehe mir Filme an. Gut, Ich mache manchmal dies und das, aber alles hat mit Film zu tun.
Werde ich zur Künstlichen Intelligenz einmal sagen können, drehe mir einen Roland-Emmerich-Film?
Ich weiß nicht, ob man das schon sagen kann. Ich probiere aber gerade die KI aus, um herauszufinden, wie ich sie für meine Filme einsetzen kann.
Was müsste denn in dem KI-Prompt stehen, um der KI klarzumachen, dass es ein Roland-Emmerich-Film werden soll?
Big Scenarios.
Gibt es etwas Schwäbisches, das Sie in ihrer Heimat hochhalten?
Wir machen manchmal Spätzle und manchmal auch Wiener Schnitzel.
Sie sind als Regisseur an die Weltspitze gekommen. Was haben Sie richtig gemacht und andere falsch?
Ich habe früh Filme gemacht und habe immer einen Film nach dem anderen produziert. Ich war relativ fanatisch, heute bin nicht mehr so fanatisch, aber früher war ich wirklich sehr fanatisch.
Waren Sie risikobereit?
Ja, das war ich.
Und talentiert?
Ja. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.
Stationen eines Stars
Lebenslauf
Geboren wurde Roland Emmerich am 10. November 1955, er wuchs in Sindelfingen-Maichingen auf, war kurz an der Kunstakademie Stuttgart und besuchte dann die Filmhochschule in München. Seine ersten vier Filme drehte er im Kreis Böblingen, nachdem Hollywood sein Talent entdeckt hatte, wanderte er nach den USA aus.
Meisterwerke
Die größten Erfolge erzielten seine Filme „Independence Day“ und „The day after tomorrow“. Bereits sein erster Film „Das Arche Noah Prinzip“ erregte bundesweites Aufsehen.