Ruven Wiegert setzt das Thema Zeitkapsel um und präsentiert das archivierte Material der Ausstellungen des vergangenen Vierteljahrhunderts mit mobilen Gittern. Foto: factum/Bach

Junge Künstler beschäftigen sich mit den Ausstellungen der Vergangenheit. Daraus entstehen Performances und Aktionen in der ganzen Stadt.

Sindelfingen - We don’t have a problem with Sindelfingen, because we are invited.“ – Wir haben kein Problem mit Sindelfingen, weil wir eingeladen sind. Dieses Motto prangt über dem Eingang der Städtischen Galerie am Sindelfinger Marktplatz. Vor 27 Jahren jedoch fühlte sich Ingrid Burgbacher-Krupka mit ihrem Verständnis von Kunst alles andere als willkommen in der Stadt.

Es war eine monatelange Debatte in der Stadt über die Tafel „Broken off“ des berühmten New Yorker Konzeptkünstlers York Lawrence Weiners, die Burgbacher-Krupka fast verzweifeln ließ. Die Tafel sollte an einer Mauernische am Salzhaus angebracht werden, wogegen es heftigen Widerstand gab. Und die Kunstwissenschaftlerin stürzte sich in einen Kulturkampf und gründete ein Forum für moderne Kunst. Ein Vierteljahrhundert lang bereicherte ihr Verein Kunst und Projekte nicht nur die Kulturszene. Für ihre zum Teil spektakulären Ausstellungen, zu denen international berühmte Künstler anreisten, fand Burgbacher-Krupka unterschiedliche Orte in der Stadt. Mal war es das Sindelfinger Daimlerwerk, mal der Osten mit seinem Textilzentrum, das als Inspiration und Showroom diente.

Die große Retrospektive zu 25 Jahre Kunst und Projekte hat es bereits vor anderthalb Jahren gegeben. Eine weitere Schau hatte Otto Pannewitz, der Leiter der Sindelfinger Galerie, der Ende des Jahres in den Ruhestand geht, nicht vorgesehen. Nun gibt es doch noch einmal eine einwöchige Ausstellung. Warum? „Ich sehe das nicht als Ausstellung, sondern als Projekt“, sagt Pannewitz. Für ihn ist aus den Schauen der vergangenen Jahre ein Archiv geworden. „Ein Archiv der Kunst, aber auch des Ausstellungsmachens, das sich gewandelt hat.“ Nun habe man jungen Künstlern Zugang zu diesem Archiv gewährt – Burgbacher-Krupka wählt dafür den Begriff der „Zeitkapsel“. „Wir wollen sehen, was man aus diesem Archiv machen kann, wie es sich weiterentwickeln wird“, so Pannewitz.

Das Besondere an den Teilnehmern: Sie sind Studenten von Professoren, die selbst einmal an den Ausstellungen des Vereins Kunst und Projekte in Sindelfingen beteiligt waren. Von fünf Hochschulen kommen sie: aus Stuttgart, Berlin, Mailand, Leipzig und Düsseldorf. Sie greifen bei ihren Arbeiten, die seit Anfang September in Sindelfingen entstanden sind, nicht nur auf das Material der Zeitkapsel, sondern auch auf das heutige Sindelfingen zurück. Und sie gehen gemäß dem Motto des Vereins raus aus der Galerie, beleben die Stadt mit Aktionen.

Nebel verhüllt den Schaffhauser Platz

So ist die junge Leipzigerin Varinka Scheurs fasziniert vom Schaffhauser Platz. „Ein neuer leerer Platz in der sonst so verwinkelten Altstadt. Wie ein Kubus“, empfindet sie ihn. Besonders beeindrucken sie die mittelalterlichen Gewölbekeller am Platz, die durch ein Lüftungssystem verbunden sind. Durch diese lässt die junge Künstlerin Nebel aufsteigen – jeden Abend zur blauen Stunde. Diese beginne am Anfang der Aktionswoche um kurz vor 20 Uhr und verlagere sich dann jeden Tag um zwei Minuten nach vorne, sagt Scheurs. Auch das Textilzentrum im Sindelfinger Osten wird wieder bespielt: Zu jeder halben Stunde gibt es zu den Öffnungszeiten des Fashion Centers auf einer riesigen Leinwand Wortinstallationen.

Vor der Galerie parkt ein Mercedes. Was sonst in der Daimlerstadt Sindelfingen? Doch er wirkt seltsam fremd. Zu einem Rennwagen hat ihn der Künstler Darius Sidlauskas, Künstlername SDDURA, umgebaut. Doch statt Hochglanzwerbung hat er ihn mit Graffiti und Wandkritzeleien geschmückt, die er im Laufe der vergangenen Jahre in der Gegend fotografiert hat. Nackte Frauen sind zu sehen, Fäkalbeschimpfungen und rassistische Sprüche. „Er ist schon jetzt ein Anziehungspunkt. Leute bleiben stehen und studieren die Bilder und Aufschriften“, sagt Burgbacher-Krupka.

Ganz begeistert ist sie davon, wie die jungen Künstler in der Stadt aufgenommen wurden. „Ich habe die 20 Studenten alle bei Privatleuten untergebracht. Das war kein Problem.“ Varinka Schreurs schwärmt „von den Superjungs des Bauhofs der Stadt. Die haben mir sehr geholfen.“

Offenbar hat sich einiges gewandelt in Sindelfingen. War moderne Kunst vor einem Vierteljahrhundert noch ein Ärgernis für viele Bürger, haben die vielfältigen Aktionen der Galerie und des Vereins für Kunst und Projekte die Menschen offener gemacht. Das Motto auf der Fassade habe seine Berechtigung, sagt Ingrid Burgbacher-Krupka, die sich längst mit Sindelfingen versöhnt hat: Inzwischen sei die Kunst willkommen und die Künstler eingeladen.

Eröffnung im Humor-Restaurant

Vernissage
Die Ausstellung Zeitkapsel wird am Samstag, 17. September, um 20 Uhr eröffnet, und zwar von dem Koreaner Byung Chul Kim im Humor-Restaurant, das während der einwöchigen Schau neben der Galerie öffnet. Wer von den Gästen bei den Späßen des Gastgebers mitmacht, erhält sein Essen gratis. Die Schau ist bis Sonntag, 25 September, in der Galerie und in der Stadt zu sehen. Die Galerie öffnet montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr.

Aktionen
Am Samstag beginnt um 12 Uhr eine Stadttour mit dem Leipziger Künstler Michael Hahn, der zu verschiedenen Installationen in der Stadt führt. Von Samstag, 17. September, bis Sonntag, 25. September, gibt es allabendlich zur blauen Stunde eine Nebelinstallation auf dem Schaffhauser Platz. Zur Eröffnung beginnt diese um kurz vor 20 Uhr, sie verlagert sich jeden Abend um zwei Minuten nach vorne.

Finissage
Auch zum Abschluss der Ausstellung soll es am Sonntag, 25. September. noch ein Highlight geben, Details und Uhrzeit werden noch bekannt gegeben.

Begleitprojekt
Im Oktogon der Galerie läuft in Endlosschleife ein Acht-Minuten-Video des chinesischen Künstlers Colin Siyuan Chinnery aus Peking. Es sei sehr schwierig gewesen, an dieses Video zu kommen, sagt Ingrid Burgbacher-Krupka.

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