Die Gemeinderäte im Sindelfinger Rathaus wollen die Stadt digitaler machen. Foto: FACTUM-WEISE

Die Stadt Sindelfingen will digitaler werden und plant eine Offensive. Doch die kostet Geld und braucht Zeit.

Sindelfingen - Wenn es um die Digitalisierung geht, will jeder dabei sein. Spricht man über die Umsetzung, treten meist doch Konflikte zutage. So zuletzt auch im Sindelfinger Rathaus. Die Stadt will Dienste online anbieten und sich eine digitale Agenda verpassen. Doch daraus wird zunächst nichts. Der Gemeinderat und die Verwaltung konnten sich kürzlich in einem Fachausschuss trotz umfangreicher Diskussion nicht über eine mögliche Strategie einigen.

Anfang des Jahres hatten die Stadträte ein Digitalamt ins Leben gerufen. Dessen Leiter Stephan Retter war nun mit Mitgliedern des Fachausschusses in Wien, um sich dort einiges abzuschauen. Wien gilt schon jetzt als „smart“ in Sachen Digitalisierung. So können Bürger über eine App ihre Anliegen melden oder in Geschäften und Lokalen wie dem Café Sacher ohne die Brieftasche zu zücken, sprich: online bezahlen. „Das wäre für den Sindelfinger Einzelhandel auch interessant“, erzählt Retter den Gemeinderäten. Die nicken zustimmend.

„Wir sind schon jetzt hinterher“

Wie also vorgehen? Zunächst braucht die Stadt einen Plan. Retter hat ihn ausgearbeitet. Ab Januar soll eine externe Agentur Bürger befragen, was ihnen bei der Digitalisierung wichtig ist. In einem aufwendigen Beteiligungsprozess soll eine „gemeinsame Zielvision“ erarbeitet werden. Veranstaltungen sollen organisiert und Briefe an die Bürger gesendet werden – die Devise: „Jeder soll mitgenommen werden“, formuliert es Oberbürgermeister Bernd Vöhringer. Bereits im April könnten dann erste Pilotprojekte an den Start gehen. Kosten für die nächsten zwei Jahre: 373 000 Euro. Das ist für die Gemeinderäte doch zu teuer.

„Warum kann das Digitalamt die Umfragen nicht selbst machen?“, fragt ein junger Abgeordneter von der FDP. „Ohne eine Haushaltsbeschluss können wir das nicht entscheiden“, sagt einer von den Linken und verweist darauf, dass die Stadt die Ein- und Ausgaben für das nächste Jahr noch nicht bestimmt hat. Auch weitere Abgeordnete beschweren sich; betonen jedoch, dass „die Digitalisierung absolute Priorität“ habe.

Stephan Retter und Bernd Vöhringer hören sich die Bedenken an, notieren stoisch die Meldungen. Dann herrscht für einen Moment Ruhe. Vöhringer ergreift das Wort: „Ich weiß nicht, was wir wollen. Wollen wir einige digitale Projekte, die sich schön anhören, oder wollen wir einen gesellschaftlichen Prozess?“ Die Planung einer möglichen Strategie wird somit vertagt. Vermutlich auf März, vielleicht früher. Die Gemeinderatsmitglieder blasen die Backen auf. „Wir sind schon jetzt hinterher“, sagt ein FDP-Abgeordneter entrüstet.

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