Vor mehr als 30 Jahren versetzte Ingrid Burgbacher-Krupka die Sindelfinger Bürger mit Konzeptkunst in Aufruhr. Heute tragen Sindelfinger Künstler, die das als Jugendliche miterlebt haben, Kunst in alle Welt. Dies hat sie in einem neuen Buch dokumentiert.
Mehrere Kilogramm schwer und ganz in schwarz gehalten war der erste Band, klein, handlich und in leuchtendem Rot ist der zweite: Beide Bände dokumentieren die Arbeit von Ingrid-Burgbacher-Krupka in Sindelfingen.
Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat die Kunsthistorikerin die große internationale Kunst in die Autobauerstadt gebracht. Größen wie der New Yorker Lawrence Weiner und Schüler von Joseph Beuys besuchten die Kleinstadt und sorgten zeitweise für handfeste Skandale und Diskussionen. Zwischen Fachwerk-Idylle und Daimler-Werk inszenierte Burgbacher-Krupka mit ihrem Verein „Kunst und Projekte“ und dem langjährigen Galerieleiter Otto Pannewitz spektakuläre Ausstellungen. Die Performances zogen sich durch die ganze Stadt: Vom Marktplatz zum Daimler und bis in den Osten zum ehemaligen Textilzentrum. Ingrid Burgbacher-Krupka fordert die Menschen. Viel hat sie den Bürgern zugemutet. Dies alles hat sie vor vier Jahren in ihrer Zeitkapsel, dem dicken schwarzen Buch dokumentiert.
Von Leichtigkeit geprägt ist der zweite Band mit dem Titel „e r upt e d“, den Burgbacher-Krupka nun herausgegeben hat: Er zeigt, wie Sindelfinger Kunst in die weite Welt bringen. Vier Künstler zwischen Anfang 40 und Mitte 50, die alle aus Sindelfingen stammen, haben internationale Karriere gemacht. Und Burgbacher-Krupka ist überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beigetragen hat. „Die vier sind damals alle bei uns ein- und ausgegangen, wenn die großen Künstler zu Besuch waren.“
Am Anfang stand ein Streit
Eine Postkarte, die im vorderen Buchdeckel liegt, illustriere dies: Zu sehen ist eine Szene aus dem Jahr 1989 am Rückriem-Brunnen in der Altstadt neben dem Stadtmuseum. Ältere Frauen in Kittelschürze sind beim Wasserholen am Brunnen zu sehen, direkt neben der Broken-Off-Tafel des amerikanischen Künstlers Lawrence Weiner, die in die Wand des Stadtmuseums eingebracht worden war – von Ingrid Burgbacher-Krupka. Das war ihr Beitrag für die Stadt: Sie wollte einen Dialog zwischen der Historie und der Moderne anregen. Doch die Bürger und auch der damalige Oberbürgermeister Dieter Burger liefen Sturm. Die Tafel, obwohl in den Farben des Stadtmuseums gehalten, das einst Rathaus war, würde das denkmalgeschützte Gebäude verschandeln. Dieser Skandal war Ansporn für Burgbacher-Krupka, in den folgenden Jahren immer weitere spektakuläre Aktionen zu starten.
Auf dem Foto vom Brunnen sind auch zwei Jungen zu sehen. Ein etwa Achtjähriger, und ein junger Mann:„Der kleine ist Johannes Wald, der ältere Gianni Caravaggio, sagt Ingrid Burgbacher-Krupka. Sie haben von Anfang an die Arbeit der Kunstwissenschaftlerin begleitet. Später holte sie die beiden zu Ausstellungen in die Sindelfinger Galerie. Ebenso Tino Sehgal und CP Krenkler. Auch sie stammen aus Sindelfingen, sind heute bekannte Künstler. Diese vier bat die Autorin um einen exklusiven Beitrag für ihr rotes Buch. „Dabei ging es mir weniger um das Werk selbst als um die Konzeption zur Arbeit“, sagt Burgbacher-Krupka. Der Konzeptkünstler Sehgal, einst Goldberg-Abiturient, blieb seiner Linie treu, dass ein Künstler ein Werk nicht unbedingt erschaffen muss. Sein Abschnitt im Buch sind zwei schwarze Seiten. Umso ausführlicher dafür die Korrespondenz mit ihm, die Burgbacher-Krupka ins Büchlein mit aufgenommen hat.
Exklusive Konzepte von vier international renommierten Künstlern
Johannes Wald dokumentiert den Polierprozess einer Platte, bis sich sein Gesicht darin spiegelt. Die Fotografin CP Krenkler, die ihr erstes Bild als Schülerin bei einer Aktion von „Kunst und Projekte“ auf dem Marktplatz aufgehängt hatte, zeigt Eindrücke während des Lockdowns aus New York. Und sie erzählt die Geschichte ihrer Reportage zum Untergang eines Stücks St. Pauli. Gianni Caravaggio lässt die Leser an der Entstehung einer Installation teilhaben.
Ergänzt hat Burgbacher-Krupka die Konzeptionen der vier durch eigene Erinnerungen, Korrespondenzen mit den Künstlern sowie Geschichten rund um ihre Projekte. Wichtig ist ihr: Konzeptkunst muss nicht politisch sein. Es geht um Ästhetik.
Ihren Verein „Kunst und Projekte“ will Burgbacher-Krupka nun auflösen. Die meisten ihrer Mitstreiter sind alt geworden, einige leben schon nicht mehr. Die Früchte ihrer Anstrengungen aber sieht sie in den Künstlern, die Kunst nun in die Welt hinaustragen. Nachzulesen im roten Buch, von dem es nur 100 Exemplare gibt. Plant sie einen dritten Band? Diese Frage lässt die Autorin offen.
Zu beziehen ist das Buch bei: Buchhandlung Walther König, Köln, und in der Meistergoldschmiede Hauser-Baumann in Sindelfingen oder im Buchhandel (ISBN 978-3-7533-0267-6).