Thomas Ehret muss schauen, dass die Regale des Tafelladens gefüllt sind. Foto: factum/Simon Granville

Hamsterkäufer, die sich für den Notfall rüsten wollen, kaufen auch Waren kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums. Deshalb wird das Angebot bei manchen Tafeln kleiner. Auch Geldspenden fließen momentan nur spärlich.

Sindelfingen/Stuttgart - Udo Engelhardt schlägt Alarm: Das Angebot in den Tafelläden, in denen sich Bedürftige mit Lebensmitteln eindecken, werde knapp, warnte das Vorstandsmitglied der Tafel Baden-Württemberg, in der sich landesweit 147 Tafelläden zusammengeschlossen haben. Der Grund des reduzierten Angebots: Die Tafelläden erhalten weniger Waren aus den Supermärkten, weil diese von den Kunden aus Angst vor dem Coronavirus und einer möglichen Quarantäne leer gekauft werden. „Unsere Lieferanten haben uns erzählt, dass die Leute schlicht alles kaufen, sogar Produkte nah am Ende des Haltbarkeitsdatums.“

Im Sindelfinger Tafelladen in der Oberen Vorstadt deutet am Montagvormittag nichts auf einen Mangel hin: Es herrscht geschäftiges Treiben. Vor allem Gemüse und frisches Obst sind bei der Kundschaft gefragt. Champignons, Endiviensalat und Rosenkohl gibt es heute. Außerdem Paprika und Bohnen. 30 Cent kostet ein Kopf Salat oder ein Netz Rosenkohl. Dankbar greifen die Kunden zu.

50 Prozent weniger Kunden im Laden

Der erste positive Eindruck täuscht. „Heute war die Lieferung gut. Aber in der vergangenen Woche sah es hier anders aus“, berichtet Thomas Ehret, der Chef der Sindelfinger Tafel. Nur wenige Waren haben in den Regalen gelegen, bestätigt Engelhardt den Hilferuf Udo Engelhardts.

Aufgefangen wurde das reduzierte Angebot in Sindelfingen durch deutlich weniger Kunden. „Wir hatten letzte Woche 50 Prozent weniger Einkäufer im Laden“, sagt Ehret. „Vermutlich hat sich rumgesprochen, dass die Regale leer sind, und die Leute sind erst gar nicht gekommen.“ Eine andere Vermutung: „Die Kunden haben ihr Geld lieber in Vorräte wie Konserven, Klopapier und Desinfektionsmittel investiert.“ Dies bestätigt eine Kundin vor dem Laden. „In der vergangenen Woche habe ich mich bei Aldi und Lidl mit Nudeln und Reis eingedeckt. Für den Notfall.“ Auf frische Sachen habe sie deswegen verzichten müssen.

Haltbare Produkte wie Reis, Mehl und Konserven gibt es selten in den Tafelläden. „Deshalb sind die Hamsterkäufe in den Supermärkten bis jetzt kein großes Problem für uns“, sagt eine Vertreterin des Herrenberger Tafelladens. Gleichwohl sei das Angebot zurzeit etwas ausgedünnt. „Doch wir müssen abwarten, wie sich das in den kommenden Wochen entwickelt.“

Firmen zeigen sich bei Spenden zurückhaltend

In den Tafelläden selbst ist Hamstern nicht möglich. „Wenn es von einem Produkt nur wenig gibt, dann darf jeder Kunde nur eine begrenzte Menge mitnehmen. Da achten unsere Mitarbeiter schon drauf“, sagt Thomas Ehret. Bei Produkten, von denen es viel gebe, sei man großzügig. „Doch wir verkaufen überwiegend frische Waren. Da macht das Hamstern von Vorräten keinen Sinn.“

Weniger Waren oder weniger Kunden sind in den vier Stuttgarter Tafelläden kein Problem. Ein großes Thema dort aber ist das Geld. Der Verein Schwäbische Tafel Stuttgart, der Träger der vier Tafelläden in Stuttgart und Fellbach, benötigt für das Abholen der Waren von den Supermärkten dringend einen neuen Transporter, der den neuesten Umweltvorschriften entspricht. 38 000 Euro kostet er plus 10 000 Euro für den Umbau. Für den Sommer war der Kauf geplant. „Doch wir müssen den Termin jetzt auf das Jahresende verschieben“, sagt Ingrid Poppe, die Projektleiterin des Tafelvereins. Der Grund: „Viele Firmen, mit deren Spenden wir fest gerechnet haben, zeigen sich verhalten. Sie haben wegen des Coronavirus wirtschaftliche Engpässe und wollen abwarten, bevor sie spenden.“

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