Am Rande des Fundaments, nur wenige Zentimeter unter dem früheren Fußboden des Maichinger Widdumshauses Foto: factum/Simon Granville

Im Zentrum von Sindelfingen-Maichingen sind Jahrhunderte alte Gräber gefunden worden. Die Skelette sind ungewöhnlich gut erhalten, bis zu vier Gräber liegen übereinander. Sie könnten über das Leben vor 1000 Jahren erzählen.

Sindelfingen - Unter dem massiven Steinfundament lugt ein blanker Schädel hervor. Wie ein natürlicher Bestandteil der Mauer schaut er aus. Tatsächlich könnte er locker ein halbes Jahrtausend älter sein als das als Widdumhof bezeichnete Gebäude im Zentrum von Sindelfingen-Maichingen über ihm. Bei der Sanierung des Hofes aus dem 16. Jahrhundert stießen Bauarbeiter vor einigen Wochen auf merkwürdige Knochen. Archäologen haben seither nicht nur diesen Schädel ausgegraben, sondern auch 24 weitere Skelette, teilweise frappierend gut erhalten. Sie könnten ein neues Licht auf die Anfänge der Stadtgeschichte werfen.

Auf Knien sitzend kratzt die Archäologin Sandra Reiningshaus mit einer Zahnarztpinzette die Erde zwischen einem Schlüsselbein eines männlichen Skeletts heraus. Es ist eine Detailarbeit. „Wir tasten uns Zentimeter für Zentimeter voran“, sagt sie. Der Raum, in dem sie sich befindet, war vor Jahren noch eine Wohnstube, die Architektur zwischen morschen Balken und Steinfassaden ist noch gut erkennbar. Kaum vorstellbar, dass Besucher der alten Scheune über Gräber liefen, die nur 20 Zentimeter unter ihren Füßen lagen. So gering ist der Abstand zwischen dem vorherigem Bodenbelag und der Lehmschicht, aus der die Knochen geborgen werden.

Wie alt sind die Gräber?

Aller Wahrscheinlichkeit nach gehören die Skelette zu einer größeren Grabstätte. Unmittelbar am Rande des Widdumhofes befindet sich noch heute der teilstädtische Friedhof. Auch der Umstand der Funde deutet darauf hin. Auf dem Rücken liegend, die Arme an den Seiten abgelegt, sind sämtliche Gräber mit Blick zum Sonnenaufgang nach Osten ausgerichtet. Das lässt auf eine christliche Traditionen schließen, auch wenn es nicht klar ist, ob sich die Bewohner des Ortes selbst als Christen bezeichnet haben.

Wann genau die Menschen gelebt haben, ist noch unklar. Vermutlich liegen zwischen ihrem jeweiligen Ableben hunderte Jahre. Teilweise sind vier Gräber übereinander gefunden worden. Ersten Anzeichen nach sind sie älter als 800 Jahre, mindestens.

Der Widdumhof, ein landwirtschaftlicher Betrieb zur Versorgung von Geistlichen, datiert auf das Jahr 1592, wobei das Gebäude sicherlich älter ist. Zum ersten Mal wird es 1436 erwähnt, wie Mitarbeiter des Amtes für Denkmalpflege angeben. Die Mauern über den Gräbern könnten noch früheren Ursprungs sein. Ein Hinweis auf das Alter der Toten gibt auch eine Scherbe, welche die Archäologen bei den Knochen fanden. Diese datieren sie auf das 7. bis 9. Jahrhundert nach Christus. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass die Scherbe später als Müll eingesickert ist.

Für die Forscher beeindruckend ist der Zustand, in dem sich die sterblichen Überreste der 24 Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren sowie eines Kindes zwischen zehn und zwölf Jahren zeigen. Manche Skelette liegen wie in einem Anatomiebuch mit vollständiger Knochenanzahl ordentlich aufgereiht. Auch deutliche Abriebspuren an Schneidezähnen sind teilweise sichtbar, was Archäologen auf schwere Beißarbeit mit Leder oder Flachs deuten. „Wir nennen es die Arbeit mit der dritten Hand“, sagt Archäologin Reiningshaus. „Das Leben dieser Menschen war sicherlich kein leichtes“, vermutet sie. Wahrscheinlich waren es Bauern oder Handwerker, die auf eine damals übliche Art bestattet wurden.

Skelette werden in Pappkartons verpackt

Das Leben und Sterben dieser Menschen könnte auch mit einer Epoche des Ortes zusammenfallen, die bislang im Dunkeln liegt. Artefakte einer römischen Vergangenheit auf dem Gebiet von Maichingen wurden bereits entdeckt. Im 19. und früheren 20. Jahrhundert waren einzelne Bestattungen im Bereich des Widdumhofs geborgen worden. Diese fanden sich allerdings in größerer Tiefe und waren mit Beigaben versehen, was auf ein frühmittelalterliches Reihengräberfeld hindeutet. Die Ursprünge der erstmals 1075 erwähnten Siedlung sind aber bis heute unbekannt.

Wahrscheinlich ist, dass der Widdumhof auf einem unbekannten Teil der angrenzenden Laurentiuskirche steht. Dann könnten sich weitere Gräber auf dem Gelände finden lassen. Die jetzt geborgenen Reste verpacken die Archäologen vorsichtig in Pappkartons und schicken sie zur Denkmalpflege nach Rastatt. Dort könnten Forscher die Knochen auf ihre Ursprünge hin prüfen.

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