Post von der Front oder ein kleiner Herd: Das Stadtmuseum zeigt, wie sich der Zweite Weltkrieg in Sindelfingen auswirkte. Bei der Eröffnung wählt der Oberbürgermeister klare Worte.
„Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ lautet der Titel der Ausstellung, die nun offiziell im Stadtmuseum eröffnet wurde – und mit der zugleich der Startschuss zur Biennale 2025 gegeben wurde. Zu sehen sind bis zum 18. Januar des kommenden Jahres knapp 150 Objekte von der Front-Weihnachtskarte bis zum heimatlichen Sparherd und dazu Texte, die in längerer Form seit September 2019 auch in unserer Zeitungen veröffentlicht wurden.
Von einem „wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Sindelfingen“ sprach in seinem Grußwort Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU). „Ich freue mich sehr, dass wir dieses lange Projekt durchgezogen haben“, sagte Illja Widmann, die Leiterin des Museums.
Langzeitprojekt mit viel Bürgerbeteiligung
Gemeinsam mit Stadtarchivar Horst Zecha, der mit einer Ausstellung zur NS-Zeit in den 1980er-Jahren bereits umfangreiche Vorarbeit geleistet hatte, beleuchtet die Museumsleiterin die lokale Geschichte in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Regen Anteil nahm außerdem die Bevölkerung, indem sie Exponate zur Verfügung stellte und für interessante Zeitzeugengespräche bereit stand. Zeitungsausschnitte der damaligen Zeit geben Propaganda genauso wider wie scheinbare Normalität mit Wanderausflügen, aber auch Skurriles wie die Warnung vor Rutschgefahr auf achtlos weggeworfenen Obstresten während der nächtlichen Verdunkelung.
„Es ist ein Gemeinschaftsprojekt geworden“, dankte Bernd Vöhringer allen Beteiligten. „Das Leid, das der Zweite Weltkrieg über Deutschland und Europa brachte, war unermesslich“, blickte das Stadtoberhaupt zurück. „Kriegspropaganda würde man heute Fake News nennen“, merkte Vöhringer an, eine Aktualität, die bei der Konzeption des Langzeitprojekts „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ vor sechs Jahren noch nicht absehbar war.
Die Ausstellung führe eindrücklich vor Augen, wie wichtig es ist, wachsam zu sein und aus der Geschichte zu lernen, um erneutem Hass und Kriegstreiberei Einhalt zu gebieten. „Nie wieder ist jetzt!“, appellierte der Oberbürgermeister, der stolz von seiner eigenen Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende in der französischen Partnerstadt Corbeil-Essonnes berichtete.
Ob das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 Niederlage oder Befreiung war, wie von Horst Zecha als Frage in den Raum gestellt, erlebten auch die Sindelfingerinnen und Sindelfinger sicher ganz unterschiedlich. Während ein Kommunist, wie historisch überliefert, wieder stolz und ohne Gefahr für Leib und Leben seine bis dahin versteckte Parteifahne aus dem Fenster hängen konnte, brachten Vergewaltigungen durch französische Besatzungssoldaten neues Leid für die betroffenen Frauen.
Ebenso traumatisch hallten Fronterlebnisse und Bombenterror nach und noch heute zeigen immer wieder aufgefundene Blindgänger, „wie lange der Krieg bis in unsere Gegenwart seine Spuren zieht“, schloss Horst Zecha nachdenklich.
Der Ursprung der Ausstellung
Reihe
Das Projekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ stellt monatlich wechselnd ein Thema oder ein Objekt aus der Zeit vor 80 Jahren im Stadtmuseum in den Mittelpunkt und präsentiert dies in einer Vitrine. In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv entstand auf diese Weise ein Blick in die Vergangenheit, der unter anderem die Alltagssituation der Menschen damals in den Blick nahm. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.
Autor
Der Historiker Horst Zecha hat viele Jahre Stadtmuseum und Stadtarchiv geleitet und war anschließend 17 Jahre Kulturamtsleiter. Auf eigenen Wunsch arbeitet er jetzt noch einmal im Stadtarchiv und erforscht die Stadtgeschichte.