Stark wie eine Bärenmama müssen Eltern kranker Kinder sein. Foto: factum/Simon Granville

Beim Pflegedienst sind die Bären los. Von Senioren gemacht, sollen sie schwerkranken Kindern Freude bringen.

Sindelfingen - Offiziell firmiert der Dienst unter „Kinderkranken- und Intensivpflegedienst.“ Dahinter steht aber das Bild der starken Bärenmutter, die alles gibt, um ihre Kinder zu schützen. Deshalb hat sich der Dienst den Namen „Bärenkinder“ gegeben. Die Pflegerinnen sind sind manchmal 20 Stunden im Einsatz, sie überwachen Magensonden, beaufsichtigen Beatmungsgeräte und vieles mehr. Unter ihren Patienten sind krebskranke Kinder, Kinder mit genetischen Krankheiten und Kinder, die durch Unfälle oder durch Geburtsfehler pflegebedürftig geworden sind, berichtet Bettina Bezler, die Pflegedienstleiterin bei den Sindelfinger Bärenkindern.

Plüschtiere für schwerkranke Kinder

Für diese schwerkranken bis todkranken Kinder haben die Seniorinnen des paritätischen Mehrgenerationenhauses in Stuttgart-Vaihingen Plüschbären mit bunten Strickkleidchen ausgestattet. Die Plüschtiere mitsamt Mützchen, Jäckchen und Schals sollen die kleinen Patienten aufmuntern.

Aber es ging bei der Pressekonferenz am Dienstag nicht nur um Bären. Beide Einrichtungen, die Bärenkinder und das Mehrgenerationenhaus, stehen unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg. Dessen Vorsitzende Ursula Wolfgramm nutzte die Gelegenheit, um die Bürokratie im Gesundheitssystem zu kritisieren.

Eltern von schwerkranken Kindern stünden Knall auf Fall vor großen Schwierigkeiten. Der ganze Tagesablauf der Familie ist auf das kranke Kind ausgerichtet. Die Wohnung muss neu eingerichtet oder sogar vergrößert werden und vieles mehr. „Manches Kinderzimmer sieht aus wie eine Intensivstation“, sagt Wolfgramm. „Bis alles genehmigt ist, vergehen Monate, aber die Familien brauchen das Pflegebett und die Betreuung gleich.“ Der medizinische Dienst, der meist nach Aktenlage entscheide, würde oft die von Ärzten empfohlenen Hilfen verweigern. Bis der Widerspruch eingereicht sei und dann nachgenehmigt werde, vergehe wieder Zeit, in der die betroffenen Familien die Hilfsmittel vorfinanzieren müssten.

Doch wie kann man es besser machen? Ivica Grljusic, der Geschäftsführer bei Integration und Pflege, hat drei Vorschläge gegen die ausufernde Bürokratie ausgearbeitet: Nicht nur Ärzte, auch die ausgebildeten Pflegekräfte sollen einfache Hilfsmittel wie Windeln oder Wundauflagen verordnen können, weil sie vor Ort sehen, was fehlt. Außerdem sollen Krankenkassen den Arzt vor Ort entscheiden lassen und nicht eine langwierige Kette von Genehmigungen und Überprüfungen durch den medizinischen Dienst in Gang setzen, die unnötige Kosten verursache.

Keine Schattenprozesse

Und drittens muss durch einfachere Prozesse verhindert werden, dass die Pflegedienste sogenannte Schattenprozesse in Gang setzen müssen, um irgendwie an die Pflegehilfsmittel zu kommen, die ihre Patienten dringend benötigen. Vor allem weil diese Prozesse Arbeit kosten und nicht vergütet würden.

Die Stofftiere, die jetzt in die Familien wandern, haben auch bei den Senioren einen therapeutischen Effekt erzielt. „Unter anderem durch das Gehirntraining bei der Handarbeit“, sagt Manuela Fäller, die Leiterin des Paritätischen Mehrgenerationenhauses in Vaihingen.

Vielleicht ging es an diesem Vormittag aber an erste Stelle dann doch um die Bären. Diese rührende menschliche Geste von fünf Seniorinnen – drei davon dement – an die 15 bis 20 kleinen Patienten des Pflegedienstes: Geschenke von Generation zu Generation. „Unser Gesundheitssystem ist ein fiskalisches System geworden“, sagte Ursel Wolfgramm, „ich würde mir wünschen, dass es wieder ein menschliches System wird.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: