Im Sommer hielt das Mobi-Deisl regelmäßig im Eichholz. Foto: factum/Simon Granville

Mit einem mobilen Laden wollte die Wirtschaftsförderung das Problem der Nahversorgung in den Stadtteilen lösen. Doch zu wenige Kunden kauften ein. Zurück bleiben Senioren, die nicht wissen, wo sie ihre Lebensmittel herbekommen.

Sindelfingen - Donnerstag – das ist für Ulla Jahnke und Sophie Herrmann der wichtigste Tag der Woche gewesen. Ein Jahr lang standen sie jeden Donnerstag, bei stechender Sonne und klirrender Kälte, in der Watzmannstraße im Sindelfinger Stadtteil Eichholz. Sie warteten auf das Mobi-Deisl, den rollenden Supermarkt. Oft mussten sie sich ein bisschen gedulden, wenn sich Armin Deisl mit seinem mobilen Laden wegen eines Staus verspätete. Diese Zeit nutzten die Rentnerinnen aber gerne für ein Schwätzchen.

„Das war eine Atmosphäre wie in einem Dorfladen“, schwärmt Sibylle Siegner. Die Sozialarbeiterin des Inseltreffs Eichholz hat den wöchentlichen Einkaufstag organisiert. Sie schenkte Kaffee aus kochte Suppe für die Kunden. Ehrenamtliche unterstützten die überwiegend hochbetagten Kunden beim Einkaufen und trugen die Taschen aus dem Mobi-Deisl.

Doch das ist nun vorbei. Das Mobi-Deisl kommt nicht mehr. Die Stadt hat den Kooperationsvertrag mit Armin Deisl nicht verlängert. Denn die städtische Wirtschaftsförderung hatte den rollenden Supermarkt aus Bad Saulgau angeheuert, um die Nahversorgung in den Stadtteilen vor allem für die Senioren zu verbessern.

Zwei Jahre lang hatten die Zuständigen gebraucht Deisl zu überreden, Sindelfingen in seine Tour aufzunehmen. Er kam nur, weil ihm die Stadt für den Anfang einen Zuschuss versprach. Dieser war eigentlich nur für ein paar Wochen gedacht, wurde aber immer wieder wurde verlängert. Fünf Stadtteile fuhr der rollende Tante-Emma-Laden an. „Doch so richtig angenommen wurde er nur im Eichholz und in Hinterweil“, sagt Matthias Reithinger von der Wirtschaftsförderung.

Etwa 25 000 Euro hat die Stadt in einem Jahr in das Projekt investiert. Doch nun ist Schluss. Für Deisl lohnt sich die Anfahrt ohne den Zuschuss nicht. „Im Durchschnitt haben die Leute für zehn Euro eingekauft. Das ist bei 60 bis 80 Kunden am Tag zu wenig Umsatz“, sagt Ingrid Deisl, die gemeinsam mit ihrem Mann den mobilen Laden betreibt. „Die Stadt hat sich wirklich sehr bemüht“, lobt die Geschäftsfrau. Und sie klagt: „So etwas wie in Sindelfingen hatten wir noch nie. Bei unseren anderen Touren stimmt der Umsatz, die Kunden kommen.“ Unterwegs ist das Mobi-Deisl die ganze Woche über: auf der Schwäbischen Alb und rund um den Bodensee.

Deisl hat 2500 Produkte in seinem Mobil

An Ulla Jahnke und Sophie Herrmann hat der mangelnde Umsatz nicht gelegen. „Ich habe mir 80 Prozent meines Bedarfs hier besorgt“, berichtet Jahnke. „Vor allem Schweres wie Flaschen, Kartoffeln und Gemüse.“ Für 30 bis 40 Euro habe sie jedes Mal eingekauft, sagt Sophie Herrmann. „Der Deisl hatte ja alles, was man braucht. Sogar sehr gutes Fleisch.“

Für die Seniorinnen ist der Wegfall des Mobi-Deisls eine kleine Katastrophe. Die 86 Jahre alte Ulla Jahnke ist sehbehindert. Sophie Herrmann, schon 90 Jahre alt, durch eine halbseitige Lähmung beim Gehen sehr eingeschränkt. Sie könnten zwar mit dem Bus zum Supermarkt fahren, aber das sei sehr beschwerlich, sagen beide. Momentan werden sie von der Sozialarbeiterin Siegner mit deren Privatauto zum Einkaufen chauffiert. „Aber das ist nur eine sehr kurzfristige Lösung“, betont diese.

„Wir arbeiten an einer Lösung für das Eichholz und Hinterweil“, sagt Matthias Reithinger von der Wirtschaftsförderung. Mehrere Überlegungen gäbe es. Eine Idee: den Einkauf für die Senioren digital zu organisieren. Die Leute bestellen online, ein Supermarkt liefert dann die georderten Waren. Fehlen würde bei dieser Variante aber der soziale Aspekt. Außerdem verfügen nur wenige Senioren über einen Internetanschluss und die Hardware, um online zu bestellen.

Online-Bestellung oder Fahrdienst als Lösung?

Die Senioren im Eichholz bevorzugen eine andere Idee: einen Fahrdienst, der sie zum Supermarkt bringt und sie im Laden unterstützt. „Ich brauche betreutes Einkaufen. Jemand, der mir zeigt, wo die Lebensmittel sind, denn ich sehe sehr schlecht“, sagt Ulla Jahnke. Helfer dafür stehen schon bereit, etwa Gerhard Hans. Der 75-Jährige war schon einer der Ehrenamtlichen beim Mobi-Deisl. Er würde auch gerne die hilfsbedürftigen Kunden zum Einkaufen begleiten. Was noch fehlt, ist ein Auto oder Kleinbus samt Fahrer.

Nicht geklärt ist bisher auch die Finanzierung eines solchen Projekts. All das werde im Moment geprüft, sagt Matthias Reithinger. Ulla Jahnke und Sophie Herrmann hoffen auf eine schnelle Lösung.

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