Schweres Gerät für den schweren Trumm: Der Daimler-Steg ist weg. Foto: Stefanie Schlecht

Der Daimler-Steg über die Sindelfinger Hanns-Martin-Schleyer-Straße ist in der Nacht zum Freitag abgebaut worden. Die Straße war 14 Stunden gesperrt.

Sindelfingen - 36 Meter lang und hoch oben thronend: Seit 1985 hat der Fußgängerüberweg über die Hanns-Martin-Schleyer-Straße den Daimler-Werkern gute Dienste getan, nämlich ein sicheres Queren in die Autofabrik ermöglicht. Tempi passati. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat die Reutlinger Abbruch-GmbH aus Ehingen unter Achalm den Daimler-Steg entfernt. Nun ist ein nicht unbedingt ästhetisches, aber mehr oder weniger stadtbildprägendes Bauwerk weg - kein Riegel mehr im Angesicht, freie Blickachse.

 

„Ens G’schäft“ kommen die Automobilwerkenden natürlich trotzdem weiter über jene Güterverkehrsgleise, auf denen die „Millionenzüge“ mit neuen teuren Mercedes-Modellen stehen. Der Teil vom Bahnhof bis in die Fabrik bleibt nämlich bestehen. Abgerissen ist nur der stadtseitige Teil des Stegs. Mithin jenes Stück, auf dem die Fußgängerfrequenz zuletzt „stark zurückgegangen ist“, wie Stadtpressefrau Silke Musleh sagt.

Der Bereich vom Bahnhof zum Daimler dagegen werde von Werksangehörigen immer noch gut genutzt. Weil die Brücke über die Hanns-Martin-Schleyer-Straße laut Stadtverwaltung überdies in einem schlechten baulichen Zustand war, wird sie vermutlich niemand vermissen. Vermissen allerdings wird der Stadtkämmerer die Kosten, die am Stadtsäckel hängen bleiben. Die Demontage kostet 150 000 Euro.

Ein Beamen in die Neuzeit der Mobilität

Die Baufirma hat am Donnerstagabend nach der Komplettsperrung der Schleyer-Hauptverkehrsachse den reinen Steg an den Auflagern der jeweiligen Treppenhäuser entkoppelt. Danach wurde der 36 Meter lange Brückenkörper mithilfe eines Autokrans ausgehoben und auf dem freien Bahnhofsgelände abgelegt - also dort, wo einst der Güterschuppen der Bahn stand. Hier ist nun in den kommenden Tagen genug Zeit, den liegenden Steg aus Holzbalken, Stahl und Gläsern Stück für Stück – und Schraube für Schraube – zu demontieren. Ist das Trumm nicht mehr im Weg, können die Vorbereitungen für den neuen Sindelfinger Mobilitätspunkt beginnen.

Wie bereits mehrfach berichtet, hat das Projekt den Segen des Gemeinderats. Es soll eine Verkehrsdrehscheibe darstellen, mit der künftig alle Formen der (Mikro-)Mobilität bedient werden. Auf der 2200 Quadratmeter großen ehemaligen DB-Fläche soll ein Bus halten, der S-Bahn-Fahrer zum (eigentlich nur 200 Meter entfernten) Zentralen Omnibusbahnhof bringt - und vice versa.

Stadteingang soll noch attraktiver werden

Taxis sollen hier geordnet auf Fahrgäste warten, Räder große und auch überdachte Abstell- sowie E-Bike-Lademöglichkeiten finden. Carsharing und Leihräder und -roller zählen zu dem Drehkreuz am S60-Bahngleis, Toiletten, ein Kiosk und zusätzlich eine dynamische Fahrgastanzeige. Im Sindelfinger Rathaus und im Kommunalparlament verspricht man sich von dem Projekt, das eigentlich schon Ende letzten Jahres hätte fertig werden sollen, ein Beamen in die Neuzeit der Mobilität, der ÖPNV-Vorbildhaftigkeit und eine völlig neue Visitenkarte an einem zentralen Umschlagplatz für Berufspendler, Geschäftsleute und Tagestouristen – von denen es in Sindelfingen freilich eher wenige gibt .

Seit die S60 Sindelfingen ansteuert, hat sich das Menschenaufkommen zwischen Bahnhof und Innenstadt drastisch erhöht. Diese Fußgängerströme am Einfallstor in die City sollen künftig – in etwa auf Höhe des beseitigten Steges – eine breite Fußgängerfurt erhalten. Auch die Radler sollen zukünftig besser über den Knoten Mercedes-/Schleyer-Straße kommen. Bisher ist das ein neuralgischer Punkt.

Im Übrigen ist der zweite Daimler-Steg, weiter oben Richtung Calwer Knoten beim Hofstättenweg – dem Augenschein nach wenig genutzt - derzeit nicht Gegenstand irgendwelcher Maßnahmen. Auch hier gilt: Was auf städtischem Terrain liegt, ist in deren Baulast; der Teil über die Gleise hinweg ist Sache von Daimler.

Mercedesstraße als Schlüsselprojekt

Mittelfristig ist auch geplant, die gegenüberliegende Mercedesstraße als wichtiges Verbindungselement zur City-Mitte schrittweise umzugestalten. Oberbürgermeister Bernd Vöhringer sagt dazu in einer Pressemitteilung: „Die Gestaltung der Mercedesstraße ist eines der zentralen Schlüsselprojekte für die künftige Entwicklung unserer Innenstadt. Damit stärken wir insbesondere die fußläufige Verbindung zwischen Bahnhof, ZOB und der Sindelfinger Mitte – und gestalten unseren Stadteingang für Sindelfingerinnen und Sindelfinger, aber auch für Besucherinnen und Besucher, noch attraktiver.“ Auswärtige Gäste haben das Entrée in die Stadt bisher oft eher mit einem zynischen Lächeln kommentiert, etwa: „Sieht ja aus wie bei uns im Ruhrgebiet.“

2,9 Millionen für eine neue verkehrliche Visitenkarte der Stadt

Wermutstropfen
Der Bau des neuen Mobilitätspunkts war zuletzt auf 2,2 Millionen Euro veranschlagt worden, wird aber nach Lage der Dinge 2,9 Millionen kosten - ein Wermutstropfen. Das dürfte teilweise auch steigenden Baupreisen geschuldet sein beziehungsweise gewünschten Verbesserungen. So soll auf dem Pavillondach, unter dem WC-Häuschen und Kiosk entstehen, Fotovoltaik Strom liefern. Bäume, Pflanzbeete und Holzsitzbänke sollen die Pendlerdrehscheibe gefällig abrunden.

Verband fördert
Der Verband Region Stuttgart fördert den Mobilitätspunkt, sodass an der Stadt Sindelfingen nicht die gesamte Investition hängen bleibt. Die Stadtverwaltung hat in ihre Pläne auch die Polizei, den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club und den Behindertenbeauftragten des Landkreises, Reinhard Hackl, einbezogen.