Shop until you drop, also einkaufen bis zum Umfallen, ist im Euro Fashion Center in Sindelfingen nur für Händler möglich, die ihre Läden bestücken möchten.Foto: Stefanie Schlecht Foto:  

In Sindelfingen ist eines von bundesweit acht Modezentren, wo Händler Kleider für ihre Boutiquen und Kaufhäuser ordern. Endkunden haben keinen Zutritt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Mailand, Paris, New York und – Sindelfingen? In Sachen Mode gilt Sindelfingen als wichtiger Modestandort, zumindest in Deutschland. Bekannt ist das unter Fashion-Liebhabern wenig, und das hat einen einfachen Grund: Im Gewerbegebiet, nur einen Steinwurf vom Shopping-Paradies Breuningerland entfernt, gehen nicht die Endverbraucher einkaufen, sondern die Boutique-Inhaber und die Kaufhaus-Chefs.

 

In sogenannten Showrooms können sich Händler die künftigen Mode-Kollektionen verschiedenster Label anschauen, Trends erspähen und für ihre Läden ordern. Deutschlandweit gibt es acht solcher Modezentren, die anderen sind in München, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover, Leipzig, Hamburg und Berlin. Wer im südlichen Deutschland Mode verkauft, kommt an Sindelfingen nicht vorbei. Selbstbewusst heißt es in einer Werbebroschüre, Sindelfingen gelte als „wichtigster und umsatzstärkster Standort der Mode-Ordercenter“ bundesweit.

Das erste Modezentrum in Deutschland

Anlaufstellen haben die Händler im Gewerbegebiet an der Mahdentalstraße gleich drei: Am kleinsten ist das Ordercenter Lofts mit fünf Showrooms. Nebenan steht das Euro Fashion Center (EFC), wo sich in 80 Showrooms rund 150 Modemarken präsentieren. Und schließlich am ältesten und größten: die Häuser der Konfektion (HdK). „Es war das erste Modezentrum in Deutschland“, sagt Anna Mokelke vom Centermanagement. In vier Gebäuden, die seit 1970 nach und nach entstanden sind, zeigen rund 600 Label in 250 Showrooms ihre Mode. Die Größen der Showrooms variieren zwischen 25 und 700 Quadratmetern; Mieter sind entweder die Marken direkt oder Agenturen, die mehrere Labels vertreten.

Als Konkurrenz sehen sich die drei Orderzentren nicht. „Wir wollen gemeinsam Sindelfingen als Modestandort stärken und voranbringen“, sagt die Centermanagerin des EFC, Tanja Walz. Alle drei führen Mode im mittleren Preissegment und setzen eigene Schwerpunkte. Die HdK führen auch Schuhe, Wäsche und Sport inklusive Equipment. Das EFC hat einen Fuß in der exklusiveren Modewelt, auch durch die Architektur: Im Bestandsgebäude von 1992 verleiht ein helles Atrium mit meterhohem Kronleuchter schickes Flair, der angrenzende Neubau ist rundum verglast, eine Premium-Marke wie MarcCain gehört zu den Mietern. „Wir haben im Haus eine bunte Mischung an Labels, die von Premium-Marken bis hin zu etablierten Mainstream-Marken reicht“, beschreibt Walz das Angebot.

Und was genau passiert in den Showrooms, die für normale Kunden hinter verschlossenen Türen bleiben? Bis unter die Decke mit Kleiderkisten vollgestellte Räume sucht man vergeblich – die Zeiten, als Händler die Ware direkt mitnahmen, sind lange her. „Früher gab es hier große Lager, heute haben wir zu 90 Prozent Orderware“, sagt Mokelke. Die Händler können Musterteile, die jeweils in einer Größe ausgestellt werden, durchschauen und bestellen. Dabei gleichen die Showrooms schicken Läden, in denen dem Kunden erst einmal ein Kaffee angeboten wird. Denn wer sich wohlfühlt, kauft mehr – dieser Trick funktioniert bei Händlern wie bei Endkunden gleichermaßen.

Jeder Laden setzt eigene Akzente

„Die Inhaber von Boutiquen kommen zu uns und wählen selbstbestimmt einzelne Teile aus unseren Kollektionen“, sagt Marie Kneussle, die für die niederländische Modemarke Yaya den Showroom im EFC betreut. Jeder Laden könne so seine eigenen Akzente setzen, „jeder macht was anderes draus“, sagt die Salesmanagerin. Die Händler kämen mit einem halben Jahr Vorlauf, damit genug Zeit für die Produktion bleibe. „Hier hängt der April, hier der Mai 2026“, sagt sie und zeigt auf zwei Reihen voller Blusen, Hosen und T-Shirts in cremigen Naturtönen.

Händler können ganzjährig Termine vereinbaren; richtig viel los ist in den Ordercentern zweimal im Jahr an jeweils drei Tagen im Januar und Juli, wenn die Sindelfinger Fashion Days stattfinden. Dann sind alle Showrooms geöffnet, die Händler arbeiten sich von Label zu Label vor und füllen deren Auftragsbücher. Ein großer Aufwand, an dem auch im digitalen Zeitalter die meisten Modemarken festhalten, denn: „Mode ist etwas, das man anfassen muss. Wie fühlt sich der Stoff an, wie sieht die Farbe aus? Das muss man sehen“, sagt Mokelke. Manche Händler wollten die Mode selbst anprobieren, bevor sie sie orderten.

Und was verrät der Blick in die Modezukunft 2026? „Bei Hosen kommt der enge Schnitt zurück“, kündigt eine Vertreterin der Marke Rich&Royal im EFC an. Was Muster betrifft, sagt ein Verkäufer der Schuhmarke Dockers in den HdK: „Der Leopard bleibt.“ Ob sie recht behalten, wird sich im kommenden Frühjahr zeigen.

Ein Blick zurück

Weberei
Sindelfingen war im 19. Jahrhundert Hochburg der Stoffherstellung. Etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung war in der Webereibranche beschäftigt. Gesponnen und gewebt wurden edle Stoffe; „made in Sindelfingen“ war ein Gütesiegel.

Mode-City
Auch wenn Sindelfingen heute noch bedeutsam für die Modebranche ist, liegt der Höhepunkt in der Vergangenheit. Bettina Wacker, Verkaufsassistentin in den HdK seit 48 Jahren, erinnert sich an Zeiten, als zahlreiche Ordercenter vor Ort ansässig waren. „Da war Sindelfingen hier ein Mode-Imperium.“ Mit dem Siegeszug von Billigmarken und Onlineshopping ging die Zahl zurück.