Noch haben sich Lewis Hamilton (li.) und Teamchef Toto Wolff nicht (wieder-)gefunden: Der ausgelaufene Vertrag des Formel-1-Weltmeisters bei Mercedes ist noch nicht verlängert. Foto: dpa/Ozan Kose

Formel-1-Rekordweltmeister Lewis Hamilton hat seit 1. Januar keinen Mercedes-Vertrag mehr, es wird seit Wochen um Details gefeilscht. Experten erklären, woran es haken könnte – und wie es wohl ausgeht.

Stuttgart - Einsam stehen sie da, die Weltmeister-Silberpfeile. Einsam und verlassen, im Mercedes-Benz-Museum, das wegen der Pandemie seit Monaten geschlossen ist. In vier der fünf Autos ist Lewis Hamilton zu seinen Formel-1-Titeln gerast, in einem Nico Rosberg – und irgendwie passt dieses melancholisch stimmende Szenario zur aktuellen Situation im Rennstall Mercedes: Noch immer fehlt die Unterschrift von Lewis Hamilton unter einem neuen Kontrakt. Streng genommen zählt der 35-Jährige nicht mehr zum Formel-1-Team, da seine vertragliche Bindung am 31. Dezember 2020 ausgelaufen ist. Schon vor Wochen rechnete die (Motorsport-)Welt mit dem nötigen Autogramm, Mercedes-Teamchef Toto Wolff sprach im Interview mit unserer Zeitung Anfang Dezember davon, Mercedes und Hamilton seien sich „über die Eckpfeiler einer Verlängerung einig. Wir wollen einen guten Zeitpunkt finden, ich will mich mit ihm zusammensetzen und nicht über Summen diskutieren.“

Dieser ganz besonders harmonische und von keinem Jota Hektik belastete Tag ist offenbar noch nicht gekommen – stabile Eckpfeiler hin oder her. Längst fragen sich deshalb viele Fans: Klappt es bis zu den ersten Testfahrten am 12. März in Manama noch mit der Wiedervereinigung des Rekordweltmeisters mit der Weltmeister-Mannschaft? Wenn es nach Orakel Eddie Jordan geht, dann lautet die Antwort: Nein! „Wenn ich der Boss von Daimler wäre, würde ich ihm die Tür zeigen: Entweder du fährst zu unseren Bedingungen oder du gehst“, konstatierte der einstige Formel-1-Teamchef.

Mercedes weiß, was das Team an Hamilton hat

Nun ist der 72 Jahre alte Ire leidenschaftlicher Trommler, von 1991 bis 2005 erfreute er die Szene im Fahrerlager mit Darbietungen auf dem Schlagzeug, nach seinem Abschied haut er mit markigen Worten auf die mediale Pauke. Mal treffen seine Einschätzungen voll ins Schwarze, mal liegt Jordan meilenweit daneben mit seinen Prophezeiungen.

Beide Seiten haben Werte zu bieten, die der anderen Partei die Unterschrift zum Vergnügen machen sollten, als würde man die Abholung eines erklecklichen Lottogewinnes abzeichnen. Mercedes besitzt das Auto, mit dem man Weltmeister werden kann, aufgrund der moderaten Regeländerungen für 2021 sollte der Silberpfeil weiter Branchenführer sein. Und Hamilton ist ein Rennfahrer, der den Unterschied macht, wenn es mal ganz eng werden sollte. Zudem ist er das Gesicht der Serie weltweit, was die Marketingstrategen der Daimler AG schätzen. „Hamilton und Mercedes werden bestimmt zusammenfinden“, glaubt der ehemalige Motorsportchef Norbert Haug, „der eine ist ohne den anderen in der Formel 1 schwächer.“

Formel-1-Flüsterer glauben, dass der siebenmalige Champion die Eckpfeiler des Vertrages massiver als von Mercedes geplant gebaut haben möchte. Hamilton soll als Jahresgehalt 40 Millionen Euro fordern; der Brite will nicht nur der schnellste Angestellte in der Formel 1 sein, sondern auch der bestbezahlte. Zudem wird gemunkelt, Hamilton möchte ein Stück vom Weltmeister-Kuchen. Zehn Prozent der Prämie, sollte Mercedes erneut die Konstrukteurs-WM gewinnen. In Zahlen: etwa 14 Millionen Euro. „Pokern gehört zum Geschäft“, sagt Hans-Joachim Stuck, „das haben wir damals auch getan, jedoch in ganz anderen finanziellen Sphären.“

Der Rennfahrer der 1970er und 1980er ist überzeugt, dass Hamilton die kolportierte Summe wert ist, warnt aber, den Bogen zu überspannen: „Wolff hat ein begrenztes Budget, und George Russell hat gezeigt, was er kann.“ Der Mercedes-Junior hätte im Dezember als Ersatzmann von Hamilton den Grand Prix von Sachir womöglich gewonnen, wäre er nicht nach einem Patzer der Boxencrew weit zurückgeworfen worden.

Es geht wohl um diffizile Feinheiten

Schließlich heißt es, der kürzlich von der Queen zum Sir geadelte Hamilton erwarte, dass er standesgemäß chauffieren wolle und fordere das neueste AMG-Modell sowie eine Aufgabe im Konzern, die über eine übliche Botschafterrolle hinausgehe. Christian Danner vermutet, dass solche Feinheiten den Abschluss verzögern. „Die Komplexität eines solchen Werkes ist nicht zu unterschätzen“, sagt der 36-malige Grand-Prix-Starter, „es geht ums Geld, aber nicht nur, sondern auch um Absprachen wie Optionen zur Verlängerung oder Mitspracherecht.“ Gut Ding will bekanntlich Weile haben, und das Bessere ist der Feind des Guten. Es dauert.

Aus der Sicht von Toto Wolff ist die Terminlage schuld. Gerade reist Hamilton durch die USA, der Motorsportchef war in Österreich in Quarantäne nach einem positiven Coronatest. Die Infektion hat er symptomfrei überstanden. „Wenn wir uns nicht sehen, kann man schwer unterschreiben“, teilte Wolff mit: „Die Anwälte sind heftig am Arbeiten, die Füllfeder werden wir eines Tages zücken.“ Lewis Hamilton kann froh sein, dass sein Teamchef nicht Eddie Jordan heißt.

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