Unschöner Start ins neue Jahr: der eisbedeckte Obere See in Böblingen ist übersät mit Böllern und Raketen. Foto: Stefanie Schlecht

Silvesternacht im Kreis Böblingen: Trotz ruhiger Feierlichkeiten entbrennt eine hitzige Debatte um den zurückgelassenen Müll. Ein Vorschlag sorgt für Aufsehen.

Es war wohl eine verhältnismäßig ruhige Silvesternacht im Kreis Böblingen in der Silvesternacht. Das für den Landkreis Böblingen zuständige Polizeipräsidium Ludwigsburg meldet rund 140 Einsätze in beiden Landkreisen – gut die Hälfte davon mit Bezug zu Feiern und Feuerwerk. Tendenziell sei das eher weniger als in den Vorjahren – im Jahr 2024 waren es noch gut 100 Einsätze mehr gewesen. Trotzdem hatten die Einsatzkräfte genug zu tun.

 

Überwiegend fuhr die Polizei wegen Ruhestörungen, Streitigkeiten sowie kleineren Bränden und Sachbeschädigungen auf Einsatz. Nicht immer sei eindeutig gewesen, ob die gemeldeten Brände von Hecken, Zäunen oder Balkonen auf Pyrotechnik zurückzuführen sind. Eindeutiger scheint die Sache da bei zahlreichen gesprengten Mülltonnen, Mülleimern oder Briefkästen. Die genaue Schadenssumme ist noch unbekannt.

Die Polizei kontrollierte zahlreiche Personen und fand vereinzelt Schreckschusswaffen, die ohne kleinen Waffenschein mitgeführt wurden. Auch wurden erlaubnispflichtige Feuerwerkskörper beschlagnahmt. Es gab Anzeigen gegen das Waffen- beziehungsweise Sprengstoffgesetz. In Sindelfingen sorgte eine Gruppe von 20 bis 30 Jugendlichen für Aufruhr, als sie im Wohngebiet Viehweide Raketen auf Personen, Polizei und Hausfassaden schossen. Verletzt wurde dabei nach bisherigen Erkenntnissen dabei niemand.

Das Patientenaufkommen ist traditionell hoch in der Silvesternacht

Einige Verletzte durch Feuerwerk und Alkoholgenuss hatten die Krankenhäuser im Klinikverbund Südwest zu verzeichnen. „In der Silvesternacht ist das Patientenaufkommen in den Zentralen Notaufnahmen traditionell erhöht – so auch in diesem Jahr“, sagt Andrea Riewe von der Stabsstelle Unternehmenskommunikation. Allein in Sindelfingen und Böblingen habe man in der Silvesternacht und den frühen Neujahrsstunden etwa 70 Patientinnen und Patienten versorgt – deutlich mehr als in einer normalen Nacht, aber erwartungsgemäß für Jahreswechsel.

Gerade an Feiertagen stehe die Notfallversorgung immer wieder vor einer Herausforderung, weil Arztpraxen dann geschlossen oder nur eingeschränkt erreichbar sind. Viele Menschen kommen daher auch mit Beschwerden, die eher nicht in eine Notaufnahme gehören. „Dies führt regelmäßig zu hohen Belastungen und längeren Wartezeiten, da medizinisch dringliche Fälle stets Vorrang haben“, sagt die Kliniksprecherin.

Von den 70 in Sindelfingen und Böblingen in der Silvesternacht Behandelten wurden jeweils rund zehn mit alkoholbedingten Beschwerden sowie Verletzungen durch Feuerwerkskörper aufgenommen. „Schwerere Böllerverletzungen, insbesondere an den Händen, werden in der Regel direkt in umliegende spezialisierte handchirurgische Kliniken geleitet“, sagt Andrea Riewe. Man begrüße daher „aus medizinischer Sicht einen verantwortungsvollen Umgang mit Feuerwerk“, so die Klinikverbundsprecherin.

Auch für die Feuerwehren im Kreis gab es gut zu tun. Zum Beispiel in Herrenberg. Das neue Jahr war gerade eine halbe Stunde alt, da wurde die Abteilung Stadtmitte zu einem Kleinbrand innerorts zum Platz am Seeländer gerufen, Reste von Feuerwerksbatterien waren in Brand geraten. Wenige Minuten später, um 0.52 Uhr, wurde die Abteilung Oberjesingen ebenfalls zu einem Kleinbrand gerufen: Brennende Überreste von Feuerwerk, das bereits von umsichtigen Anwohnern gelöscht wurde, war gemeldet worden. Um 1.16 Uhr wurde die Abteilung Stadtmitte in den Steingraben alarmiert, neben einem Tiefmülleimer brannten Feuerwerksreste. Auf der Rückfahrt wurde brennender Unrat in der Seestraße abgelöscht. Um 3.08 Uhr war erneut die Abteilung Stadtmitte gefordert. In der Raistiger Straße war ein Mülleimer in Brand geraten. Um 7.37 wurde erneut alarmiert. Hier ging es mit Drehleiter und Tanklöschfahrzeug zur Überlandhilfe nach Öschelbronn. Größere Brände – sowohl im Stadtgebiet von Herrenberg wie auch im übrigen Landkreis – blieben zum Glück aus.

Für Tiere – ob Wild- oder Haustiere – ist die Böllerei in der Nacht auf Neujahr oftmals mit Angst und Stress verbunden. Sie verstehen nicht, dass die lauten Knallgeräusche und die Blitze keine Gefahr darstellen. Das teilt auch das Kreistierheim Böblingen mit. Hier war im Vorfeld schon geplant, dass sich an Silvester ehrenamtliche Gassigeher sowie Pfleger des Tierheims treffen würden, um den Tieren Trost zu spenden. Im Nachgang berichtet eine Tierheimmitarbeiterin, man habe bei besonders ängstlichen Tieren Kameras aufgestellt, um im Notfall schnell eingreifen zu können. In den anderen Räumen habe man CD-Player aufgestellt und beruhigende Musik gespielt, um vom Böllerlärm abzulenken. Fundtiere seien in der Silvesternacht keine aufgenommen worden.

Ein leidiges Thema ist und bleibt der Silvestermüll. Auf den Facebook-Community-Seiten der Städte und Gemeinden im Kreis finden sich diverse Beiträge mit Fotos von abgebrannten Raketen und verkohlten Böllerbatterien auf Wegen und Wiesen. „Wer räumt hier den Müll weg?“ ist zum Beispiel ein Beitrag überschrieben, der Feuerwerksreste am Dachteler Storrenberg zeigt.

Aidlinger Gemeinderat schlägt Böller-Pfand vor

Der Aidlinger Gemeinderat Siegmund Zweigart (Grünen-Fraktion) kommentiert, dass diese Aufgabe am Ende wohl an Ehrenamtlichen oder dem Bauhof-Team hängen bleiben dürfte. Mit seinem Vorschlag, Raketen und Böller mit 30 Euro Pfand oder einer Steuer zu belegen, löst er in der Community eine Debatte aus. „Wie will ich meine wieder finden?“, fragt jemand mit spöttischen Lach-Emojis zurück und ein anderer witzelt, dass man dafür ja Lenkraketen mit Fernsteuerung brauche. „Dann wird das Pfand halt an den Bauhof oder Ehrenamtliche ausgezahlt… ganz einfach“, kontert Zweigart.

Das Müllproblem betrifft offenbar auch Holzgerlingen – obwohl die Stadt in diesem Jahr ein eigenes Feuerwerk organisiert hatte, um private Knallerei zu reduzieren. Eine Nutzerin fordert deshalb ein Böllerverbot. Das bringe nichts, weil die Polizei das nicht überwache, meldet eine Frau aus Sindelfingen zurück, wo wegen der Fachwerkhäuser ein grundsätzliches Feuerwerksverbot gilt.

Das Holzgerlinger Stadtfeuerwerk findet dennoch Zuspruch: „Hoffentlich gibt es beim nächsten Silvester wieder so eine Aktion und hoffentlich werden es dann ein paar mehr Menschen, die den Abend über keine Böller zünden“, lautet ein Kommentar.

Inspirierende Beispiele gibt es durchaus: Etwa in Böblingen, wo Lisa Arnell vom Engagement ihrer Tochter Amelie berichtet. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Julie und Emee zog die Grundschülerin schon 2024 durch die Diezenhalde und sammelte rund um die Feiertage säckeweise Müll. „Das hat sie so motiviert, dass sie es auch dieses Jahr wieder machen wollen“, so die stolze Mama.