Berliner Feuerwehrleute löschen einen Bus, der von Unbekannten angezündet worden war – dabei werden sie mit Böllern und Raketen beschossen. Foto: dpa/Paul Zinken

Die Angriffe auf Rettungskräfte und Feuerwehr am Jahreswechsel sind nur die extreme Ausprägung einer längeren Entwicklung. In manchen Milieus sei jeglicher Respekt verschwunden, beklagen Retter. Doch ist eine stärkere Kontrolle die Lösung?

Es sind schier unfassbare Szenen. Junge Männer, teils noch Jugendliche, verwandeln die Straßen Berlins, aber auch mancher anderer Städte, in ein Schlachtfeld. Die Videos, die vom Jahreswechsel im Internet kursieren, zeigen Bilder, wie man sie in Deutschland noch nicht oft gesehen hat. Da werden Raketen aus der Hand auf andere Menschen abgeschossen. Junge Kerle in Macho-Pose ballern mit Schusswaffen, deren Typ nicht genau erkennbar ist, wild um sich. Eine Mutter mit Kinderwagen flüchtet geradezu panisch im Laufschritt durch dichte Rauchschwaden.

 

Doch die erschütterndsten Sequenzen folgen erst noch. Ein Rettungswagen wird in voller Fahrt und mit Patient an Bord mit einem Feuerlöscher beworfen. Die Frontscheibe zersplittert. An anderer Stelle in Berlin lockt ein Mob aus etwa 25 Tätern ein Feuerwehrfahrzeug in einen Hinterhalt. Mit brennenden Barrikaden wird der Wagen gestoppt und dann unter massiven Beschuss genommen. Die Besatzung flüchtet, die Meute versucht, das Fahrzeug zu plündern.

An Neujahr spricht die Berliner Feuerwehr von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“. Über 30 Verletzte bei Feuerwehr und Polizei zählt man allein in der Hauptstadt. Doch auch anderswo werden Einsatzkräfte mit Raketen beschossen oder gar mit selbst gebauten Bomben attackiert.

Die Aggressivität, da ist man sich bei Politik und Rettern schnell einig, hat nie gekannte Dimensionen erreicht. Dabei ist das Phänomen nicht neu. Die Polizei ist schon lange zur Zielscheibe geworden, zum erklärten Feind so mancher Gruppe. Hinzu gekommen ist in den vergangenen Jahren allerdings ein anderes Phänomen: Es gibt zunehmend Angriffe auch auf Rettungskräfte, Feuerwehrleute und medizinisches Personal – selbst in Krankenhäusern. Besonders die Notaufnahmen haben sich zu kritischen Einrichtungen entwickelt, in denen Beschimpfungen, Pöbeleien und Übergriffe zum Alltag gehören.

„Es gibt viele Leute, die vor nichts und niemandem mehr Respekt haben“, sagt ein Notfallsanitäter aus Baden-Württemberg. Man wisse letztlich nie, was einen im Einsatz erwarte. „Früher waren wir hochwillkommen, weil wir als Helfer gesehen wurden. Heute ist die Grundstimmung viel öfter aggressiv. Man wird gefilmt, alles wird infrage gestellt, Angehörige oder die Patienten selbst machen Schwierigkeiten“, so der erfahrene Retter. Das könne überall passieren, es gebe aber besondere Probleme häufig dort, wo migrantische Parallelgesellschaften entstanden seien. „Dort empfindet man den Staat und alle seine Vertreter als schwach und verachtet sie.“

Prügelknabe statt Helfer

Von einem „gesellschaftlichen Phänomen“ spricht man beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). „Es handelt sich um eine langfristige Entwicklung“, sagt Udo Bangerter, Sprecher des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg. Dazu gehöre nicht nur eine grundsätzliche Skepsis mancher Leute gegenüber jedem, der eine Uniform trage, sondern auch eine Art Dienstleistungsmentalität, in der viele meinten, tun und lassen zu können, was sie wollen, dabei aber wie selbstverständlich Anspruch auf jegliche Leistung hätten, die sie wünschen. Der Retter wird nicht mehr als Helfer, sondern als Prügelknabe gesehen, der zur Verfügung zu stehen hat, wenn man ihn braucht.

Speziell aus dem medizinischen Bereich ist zu hören, dass sich diese schon länger vorhandene Tendenz durch die Coronapandemie verstärkt hat. Nicht wenige Leute fühlten sich durch Schutzmaßnahmen gegängelt oder durch volle Notaufnahmen geradezu belästigt, erzählen Ärzte. In vielen Kliniken gibt es deshalb inzwischen Sicherheitsdienste. „Die Lage hat sich verschlimmert. Mittlerweile ist jeder, der irgendwo im öffentlichen Bereich arbeitet, Ziel von Attacken“, sagt Arno Dick, Leiter der Fachgruppe Feuerwehr bei der Gewerkschaft Verdi. „Das geht bei Beleidigungen los und endet bei Gewalt.“ In ihrer extremsten Ausprägung sieht das dann aus wie an Silvester in Berlin.

Skepsis bei Kameras und Schutzwesten

Doch was tun? Die Retter aufrüsten? Darüber gibt es selbst bei den Betroffenen sehr unterschiedliche Meinungen. Während die Feuerwehr in Berlin bereits Bodycams, also Körperkameras, testet und sogenannte Dashcams an den Fahrzeugen fordert, um das Geschehen zu filmen, ist man auf Bundesebene skeptischer. „Dashcams sind eine Möglichkeit, sie haben aber einen eingeschränkten Blickwinkel. Und Bodycams mögen sich für die Polizei eignen, zumindest für den Rettungsdienst tun sie das aber nicht“, sagt Tobias Thiele, Sprecher der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft. Sie seien nicht praxisnah, weil man Verletzte behandle und in Privatwohnungen im Einsatz sei. Auch bei Verdi gibt es Zweifel: „Dafür geht man zu sehr in die Privatsphäre der Patienten rein“, sagt Fachgruppenleiter Arno Dick.

Diese Meinung muss nicht jeder teilen – denn die Retter sind in Deutschland Ländersache. Da gibt es durchaus unterschiedliche Ansätze. Immer wieder kommt da etwa die Forderung nach Schutzwesten oder gar Abwehrsprays auf. Manche Notfallsanitäter belegen auch Selbstverteidigungskurse.

Rückzug bei Gefahr

Beim Roten Kreuz sieht man grundsätzlich aber jede Aufrüstung skeptisch. „Es gilt die Maxime, dass unsere Leute sich nicht in Gefahr bringen sollen. Sie sollen sich in solchen Fällen zurückziehen und auf die Polizei warten“, sagt Sprecher Bangerter. Man setze „voll auf Deeskalation“. In der neuen Ausbildung zum Notfallsanitäter nehme das Thema deutlich mehr Raum ein als früher, dazu kämen Fortbildungen. Allerdings lässt sich diese Strategie nur dann anwenden, wenn die Situation erkennbar ist und es Spielraum gibt. Wenn wie in Berlin Rettern gezielt aufgelauert wird, ist Deeskalation schwierig. Und der Rückzug ist es im häufigsten Konfrontationsfall auch: Nämlich dann, wenn Patient oder andere Beteiligte plötzlich aggressiv werden. Etwa, weil Alkohol oder eine psychische Erkrankung im Spiel sind.

„Der Eigenschutz steht im Zusammenhang mit den verbalen und tätlichen Übergriffen auf Rettungskräfte im Vordergrund“, heißt es auch im Innenministerium Baden-Württemberg. Dabei erlange die „Vermittlung von Kommunikations- und Deeskalationsstrategien sowie das Erkennen des Eskalationspotenzials an Einsatzstellen“ eine wesentliche Bedeutung. Dazu kommt auf politischer Seite der Versuch, durch Kampagnen der Verrohung entgegenzuwirken. Die neuste heißt „Schutz geht nur gemeinsam. Eine Kampagne für die Pfeiler unserer Gesellschaft.“ Denn die geraten derzeit ins Wanken.

Schnelle und konsequente Bestrafung

Ob so etwas Menschen, die jeden Respekt verloren haben, beeindruckt, darf bezweifelt werden. Deshalb bleibt letztlich nur der Ruf nach konsequenter Strafverfolgung. Zumindest darin sind sich alle einig. „Wer Einsatzkräfte bedroht oder gar verletzt, beschädigt das gesellschaftliche Klima und den Zusammenhalt, er überschreitet eine rote Linie“, sagt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl. Das mögliche Strafmaß ist vor einigen Jahren verschärft worden und sei hoch genug, betonen alle. Es müsse aber konsequent und schnell angewendet werden, fordert Siegfried Maier, Bundesvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft: „Es ist dringend notwendig, dass die Täter jetzt schnell identifiziert und verurteilt werden. Eine konsequente Strafverfolgung würde auch unseren Kollegen und Kolleginnen das wichtige Zeichen geben, dass sie nicht allein sind.“

Zumindest dafür kann die Eitelkeit einiger Randalierer nützlich sein. Denn mancher scheut sich nicht, auf Handyfilmchen deutlich erkennbar vor der Kamera zu posieren. Den einen oder anderen könnte das hinter Gitter bringen. Dann ganz ohne Böller, Raketen und Macho-Posen.