Bernd Lindemann steht am Anna-Haag-Platz an der Eduard-Steinle-Straße. Die Entfernung zum Kirchturm entspricht der von seinem Balkon aus. Foto: Julia Barnerßoi

Einige Anwohner beklagen sich darüber, dass die Glocken der Martin-Luther-Kirche nun häufiger läuten.

Sillenbuch - Die Kirchenglocken der Martin-Luther-Kirche schlagen über tausendmal am Tag. Vor Ostern waren es rund 600 Schläge weniger. Bernd Lindemann hat das gezählt. Er lebt an der Eduard-Steinle-Straße, der Kirchturm ist nur wenige Meter Luftlinie von der Wohnung entfernt. „Er steht quasi im Schlafzimmer“, sagt er. Das Geläut nervt ihn gehörig.

Vor zehn Jahren ist Lindemann mit seiner Familie nach Sillenbuch gezogen. Damals sei ihm durchaus bewusst gewesen, wie nah die evangelische Kirche ist. „Deshalb haben wir uns vorher beim Pfarramt erkundigt, ob in Zukunft eine Ausweitung des Geläuts zu erwarten sei“, erzählt der 55-Jährige. Das habe die Gemeinde verneint. Nun hat sie es aber doch getan. Seit Ostern schlagen die Glocken nicht mehr wie bisher um 16 und 19 Uhr, sondern um 7, um 12 und um 18 Uhr zum dreiminütigen Geläut, das zum Gebet aufrufen soll. Das viertelstündliche Läuten, das die Uhrzeit verkündet, ist gleich geblieben.

Schon vor der Ausweitung fand Bernd Lindemann das Glockengeläut „vollkommen idiotisch“, wie er sagt. Zum einen weil jeder eine Uhr habe. Zum anderen, weil das liturgische Geläut in der heutigen Zeit nichts mehr zu suchen habe. Trotzdem habe er es immer akzeptiert, aber jetzt wolle er definitiv zum Zustand vor Ostern zurück. „Ich will mir nicht von einer Minderheit diktieren lassen, dass ich um 7 Uhr aufstehen muss“, sagt Lindemann, der kein Kirchenmitglied mehr ist. Vielen der anderen Anwohner gehe es ähnlich. „Das ist definitiv ein Thema in der Nachbarschaft“, sagt Claudia Lindemann.

„Uns wurde alles bis zum Fundamentalismus vorgeworfen“

Laut Hans-Ulrich Gehring, dem Pfarrer der evangelischen Gemeinde, haben sich tatsächlich einige Sillenbucher über das vermehrte Glockenläuten beschwert. Er bedaure natürlich, dass sich die Leute gestört fühlen. Man habe mit den Reaktionen gerechnet. Trotzdem habe man die Entscheidung bewusst getroffen. Der Kirchengemeinderat habe sich viele Gedanken gemacht. „Der Prozess hat vor über zwei Jahren begonnen“, erzählt der Pfarrer. Aus eigenen Überlegungen und einem Gutachten des Glocken-Sachverständigen der evangelischen Landeskirche habe man sich für die neuen Läutzeiten entschieden. „Die Glocken sollen den Tageslauf markieren und zur Besinnung oder zum Gebet aufrufen“, erklärt Gehring den Hintergrund des liturgischen Läutens. Es sei weitaus mehr möglich. Man habe sich aber beschränkt und 7 Uhr statt 6 Uhr gewählt.

Den meisten Beschwerdeführern habe er geantwortet und versucht, ihnen die Entscheidung näherzubringen. Aber nur, wenn der Ton der Beschwerde angemessen gewesen sei. „Uns wurde alles bis zum Fundamentalismus vorgeworfen“, sagt der Pfarrer. Auch Vergleiche mit dem Ruf des Muezzins wurden gezogen. „Der Muezzin ruft sprachlich artikuliert zum Gebet auf, das ist etwas anderes als Glockenläuten“, sagt er.

Zwischen Hans-Ulrich Gehring und Bernd Lindemann herrscht in der geräuschvollen Diskussion Funkstille. „Ich habe keine Antwort auf meine Beschwerde erhalten“, sagt Lindemann. Einen Vergleich mit dem Muezzin scheue er nicht, sagt er auf konkrete Nachfrage. „Das ist zu einhundert Prozent das Gleiche“, sagt er. Dass er rechtliche Schritte einleitet, wenn die Ausweitung nicht rückgängig gemacht wird, will er nicht ausschließen.

Zurück zu 400 Glockenschlägen am Tag

Die Chancen dafür stünden vermutlich nicht allzu gut. Laut Lore Mauch vom Amt für Umweltschutz gibt es ein Grundsatzurteil. Das besagt, dass das liturgische Geläut keine erhebliche Belästigung darstellt, sondern eine zumutbare, sozialadäquate Einwirkung ist. Das Zeitläuten als nicht-sakrales Geläut unterliegt den Lärmrichtwerten, die die Kirchen aber einhalten.

Die Kirchengemeinde mache sich weiter Gedanken, verspricht Gehring. Zum Beispiel werde überlegt, die Lamellen am Kirchturm, durch die der Schall herausdringt, waagrechter zu stellen, um den Klang mehr in die Weite als an den Hang zu streuen. Bernd Lindemann glaubt nicht, dass das etwas ändert. Er will nur eines: zurück zu nur 400 Glockenschlägen am Tag.

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