Chinesische Investoren drängen verstärkt auch in den modernen Autobau. Bis 2025 wollen sie einen Spitzenplatz im Geschäft mit Elektro- und Hybridautos. Foto: dpa

Bis zum Jahr 2025 will China einen Spitzenplatz im modernen Autobau – also im Geschäft mit Elektro- und Hybridautos. Man müsse die chinesischen Strategien genau prüfen, warnt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China.

Stuttgart - Wenn Sigmar Gabriel in der nächsten Woche nach Peking reist, dann wird das kein Vergnügungstrip. Erst hat der Wirtschaftsminister die Übernahme des Chipanlagenbauers Aixtron durch einen chinesischen Fonds gestoppt, dann wurde bekannt, dass sein Haus an Gesetzen arbeite, die Firmenübernahmen erschweren könnten. Beides wird in Peking nicht mit Applaus goutiert. Allerdings: Sich Gedanken über das neue chinesische Investitionsgebaren zu machen sei völlig richtig, sagt Jörg Wuttke. Der Präsident der Europäischen Han­delskammer in China weiß, wovon er spricht: Seit einem Vierteljahrhundert lebt und arbeitet der gebürtige Ulmer im Reich der Mitte.

Jahrelang hat China Handel betrieben, aber kaum im Ausland investiert – das ändert sich gerade dramatisch. Aixtron und der Roboterhersteller Kuka sind in Deutschland nur die jüngsten Beispiele. In Toulouse haben chinesische Investoren die Hälfte des Flughafens gekauft. Das ist nicht irgendein Airport, sondern praktisch der Werksflughafen von Airbus. In Griechenland wird in Häfen investiert, der italienische Reifenhersteller Pirelli hat nun chinesische Chefs. Als Käufer treten meist Firmen auf, hinter denen die Regierung steckt. „In China gibt es 150 000 staatseigene Betriebe“, sagt Wuttke, „wir müssen uns schon Gedanken darüber machen, ob wir wollen, dass unsere Wirtschaft von Peking gesteuert wird.“

Dass die Verkaufsbereitschaft der deutschen und europäischen Eigentümer nicht immer mit der Offenheit korrespondiert, die die chinesische Seite an den Tag legt, wenn sich europäische Firmen im Reich der Mitte niederlassen, ist ein zusätzliches Ärgernis. Am Rande der Messe Global Invest, die noch bis Donnerstag in Stuttgart stattfindet, erzählt Wuttke von dem Versuch einer US-Bank, sich bei einer chinesischen Schweinefarm einzukaufen. Das wurde von Peking untersagt, weil die Schweinehälften auch an die Volksbefreiungsarmee geliefert wurden. Chinesische Anwälte verlieren nach Wuttkes Angaben oft ihre chinesische Zulassung, wenn sie in China bei internationalen Sozietäten anheuern. Beispiele, in denen Mittelständler in Joint Ventures gezwungen wurden, weil sie sonst keine Geschäfte machen konnten, gibt es zuhauf.

Chinas Parteiführung hat angekündigt, bis 2025 im Geschäft mit Elektro- und Hybridautos vorne mitzuspielen

Gleiches mit Gleichem vergelten will Wuttke allerdings nicht. „Wir wollen, dass sich China öffnet, nicht dass wir uns schließen“, sagt der Präsident der EU-Handelskammer, die rund 1600 Firmen repräsentiert. „Wir wollen kein antichinesisches Bollwerk.“ Wohl aber müsse man sich die Unternehmen anschauen, die kommen, und prüfen, „ob sie zu uns passen“. Dabei gelte es, die chinesischen Strategien und Ankündigungen genau im Blick zu behalten.

Ausgerechnet im Automarkt sieht Wuttke dabei nämlich ein neues Problem aufkommen: Chinas Parteiführung hat angekündigt, bis zum Jahr 2025 im Geschäft mit Elektro-Batterie- und Hybridautos ganz vorne mitzuspielen. Unter den weltweiten Top-Ten-Produzenten der sogenannten New-Energy-Vehicles sollen dann mindestens zwei chinesische Firmen sein. „Das ist mit normalem Wachstum eigentlich nicht zu schaffen“, sagt Wuttke. Da Regierungsziele dieser Art in der Vergangenheit aber meist erreicht wurden, blieben den Chinesen nur Zukäufe oder Technologietransfers.

Als eine Warnung davor, mit China Geschäfte zu machen, will Wuttke seine Analysen nicht verstanden wissen – im Gegenteil. „Das größte Risiko liegt darin, sich nicht mit China zu beschäftigen.“ Zudem müsse die Welt „jedes Interesse daran haben, dass es China gut geht“. Peter Kulitz, der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages, sieht das ähnlich. „China ist weiterhin ein Leitmarkt, auch wenn er sich gerade in einer Veränderungsphase befindet.“ Und auch wenn der Export aus dem Südwesten ins Reich der Mitte in der ersten Jahreshälfte um 3,8 Prozent gesunken sei, so gehöre China nach wie vor zu den Top-Fünf-Destinationen für die Ausfuhr von Gütern.

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