Auf dem früheren Schlachthofgelände gibt es in Zukunft Theater: der Siegerentwurf der Reisch GmbH mit Lederer, Ragnarsdóttir, Oei. Foto: © Georg Reisch GmbH & Co. KG, Bad Saulgau

Beim Wettbewerb um den Neubau der beliebten Münchner Bühne hat eine bewährte Schwaben-Connection gewonnen: Sieger sind die Baufirma Reisch aus Bad Saulgau im Bund mit dem Stuttgarter Büro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei.

München - München boomt“, sagt Dieter Reiter, der Oberbürgermeister, mit stolzgeschwellter Brust über seine Stadt. Kulturell gilt das ganz gewiss, schaut man auf das, was die Isarmetropole in letzter Zeit an Leuchtturmprojekten aus der Taufe gehoben hat. Die Sanierung des Kulturzentrums Gasteig, des größten Hauses seiner Art in Europa, ist beschlossen. Auf einem ehemaligen Kasernengelände in der Nähe des Olympiaparks entsteht das Kreativquartier Neuhausen, in dem Wohnen, Arbeiten, Kunst, Kultur und Wissen zu einem neuartigen urbanen Stadtbezirk vereint werden sollen (fast könnte man von einer IBA sprechen). Ende 2017 wurde der Wettbewerb für ein spektakuläres neues Konzerthaus am Ostbahnhof entschieden. Nicht zu vergessen die kostspielige, im Oktober beendete Renovierung des Gärtnerplatztheaters. Und jetzt hat der Rathauschef vor großem Medienaufgebot die Pläne für den Neubau des Volkstheaters auf dem ehemaligen Schlachthofgelände vorgestellt. Gewinner des EU-weiten Vergabeverfahrens, in dem zum Schluss noch fünf Bewerber im Rennen waren, sind die Baufirma Georg Reisch aus Bad Saulgau im Bund mit den Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnarsdóttir, Oei. Das Preisgericht sei sich einig gewesen, dass die Schwaben die „äußerst komplexe“ Aufgabe „mit Bravour“ gelöst hätten, berichtete der Jury­vorsitzende Ulrich Holzscheiter.

Aber Schwaben haben es schwer in der Welt, selbst wenn sie auf dem Siegertreppchen stehen: Reiter konnte sich nicht verkneifen, seine Gratulation an die Wett­bewerbsgewinner mit der Stichelei zu garnieren, dass man sich auf die Einhaltung der Baukosten in Höhe von 130,7 Millionen Euro und die schlüsselfertige Übergabe bis zum Herbst 2021 garantiert verlassen könne, da dieser Volksstamm schließlich bekannt sei für seine Sparsamkeit und seinen Fleiß (die Kunde von Stuttgart 21 scheint demnach noch nicht bis nach München gedrungen zu sein). Und wenn es doch anders kommt, nun, dann muss der Generalübernehmer laut Vertrag für alles, was über die festgesetzte Summe hinausgeht, selbst geradestehen.

Ein gut eingespieltes Gespann

Jenseits aller bespöttelten oder bewunderten Stammeseigenschaften ist die Schwaben-Connection jedenfalls ein gut eingespieltes Gespann, so dass sie tatsächlich pünktlich und zum vereinbarten Preis durchs Ziel gehen dürfte. In gleicher Kon­stellation haben die Reisch GmbH und LRO vor einigen Jahren das Kunstmuseum in Ravensburg geplant und gebaut, ein Haus, das mit Auszeichnungen geradezu überschüttet wurde und unter anderem den Deutschen Architekturpreis 2013 erhalten hat. Auch der Entwurf für den Volkstheater-Neubau trägt unverkennbar die Handschrift der Architekten. Wo die Konkurrenten große kubische Volumen neben den denkmal­geschützten Bestand wuchten, spielen die Stuttgarter die Kunst aus, die sie wie kaum ein anderes Büro in Deutschland beherrschen: Sie bauen die vorhandene Stadt weiter.

Ein kluger Einfall ist vor allem der große Torbogen, der den Eingang bildet. In Höhe des Hauptgesimses schließt er an die Zeile der Viehhofgebäude an und schafft es so spielend, den massigen Theaterbau maßstäblich einzufügen, während der Backstein das Material der Umgebung aufgreift. Zugleich formt der Bogen eine große Willkommensgeste an die Besucher: Hereinspaziert! Hereinspaziert! Eine markante Adressbildung in einem Viertel, das seit einigen Jahren mit zahlreichen kulturellen Zwischennutzungen zu den Hotspots der Stadt zählt. Dahinter öffnet sich zwischen Alt und Neu ein Innenhof, der – unterteilt vom Kassenbau – im hinteren Teil Bier­garten und vorn Empfangs­bereich ist, der zum Foyer hinleitet.

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