Otto Dix in Hemmenhofen, 1961 Foto: Hannes Kilian, © Haus der Geschichte, Sammlung Kilian

Am 25. Juli 1969, ist der Maler Otto Dix in Singen gestorben. In den 1920er Jahren Künstler der Großstadt, kommt Dix 1933 an den Bodensee. Es gibt viele Dix-Spuren im Land – jetzt sind sie neu zu entdecken.

Stuttgart - Fällt der Name Otto Dix, denkt man an das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ und das „Großstadt“-Triptychon, an Bilder, die im Kunstmuseum Stuttgart zu erleben sind. Aber auch an die „Skatspieler“ in der Nationalgalerie in Berlin (bis 1994 in Stuttgart), an die Dix-Schätze in der ­Geburtsstadt ­Gera, an den Dix-Block der Sammlung Gunzenhauser in Chemnitz.

Schulterschluss für Otto Dix

Lebte Dix aber nicht fast 40 Jahre am Bodensee? Verbinden sich die Spuren des Werkes im Südwesten nicht zu einem Ganzen? Tatsächlich spiegeln sieben baden-württembergische Museen Aspekte des gewaltigen Werks. Ihre Dix-Bestände fügen sich zu einem Panorama, das den 1891 geborenen Maler als Beobachter wie als scharfen Analysten und Meister der Allegorie feiert. Sammlungsgeschichte wird Kunstgeschichte – und umgekehrt.

Förderverein Museum Haus Dix als Impulsgeber

Erstmals machen die sieben Häuser nun gemeinsame Dix-Sache: „Otto Dix in Baden-Württemberg“ (Edition Cantz) ist – herausgegeben durch den Förderverein Museum Haus Dix Hemmenhofen – ein neuer Museumsführer betitelt. Die Stationen der Rundreise durch das Dix-Panorama heißen Kunstmuseum Albstadt, Zeppelin Museum Friedrichshafen, Museum Haus Dix in Gaienhofen-Hemmenhofen, Kunsthalle Mannheim, Kunstmuseum Singen, Kunstmuseum Stuttgart und Staatsgalerie Stuttgart.

„Berühmt und berüchtigt“

Was begründet die Faszination des Werkes von Otto Dix? Hinweise gibt Claudia Emmert, Direktorin des Zeppelin Museums in Friedrichshafen: „Dix“, sagt sie „malte die Lebenden und die Leichen, die Huren und die Heiligen, den Krieg und die Kinder, die Hölle und das Paradies, den Tod und die Geburt.“ Und: „Er war Impressionist, Expressionist, Dadaist, Verist, wurde berühmt und berüchtigt, verfemt und verkannt, war Dandy und Prolet.“ Emmerts Fazit: „Dix war ein Künstler des Extremen – und er führte ein Leben in ­Extremen“.

Eine Reise mit Gegensätzen

Extreme bedingen Gegensätze – und so liegt die Spannung der Reise zu Dix in den Unterschieden. In den Werken der Kunsthalle Mannheim agiert der Maler sezierend, durch das Kunstmuseum Stuttgart tanzt Anita Berber, und in der Staatsgalerie Stuttgart gewinnt der Porträtist Dix metallische Schärfe. Im Kunstmuseum Albstadt wartet das Schreckensthema Krieg, die Blätter im Zeppelin Museum Friedrichshafen überraschen mit ihrer Ruhe. Über das Kunstmuseum Singen geht es in das Museum Haus Dix in Hemmenhofen – zugleich Ausgangs- wie Endpunkt der Reise. Seit 2013 dem Kunstmuseum Stuttgart angegliedert, bietet das Museum Haus Dix die Möglichkeit, das Lebensumfeld des Malers im ehemaligen Wohnhaus der Familie zu erkunden – mit ständig wachsendem Erfolg.

Verfemt und verfolgt im eigenen Land

Wie aber kommt Otto Dix, der Maler der Kriegsschrecken, der Maler der Straßen Berlins und Dresdens, überhaupt in den Südwesten? Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg den Nationalsozialisten Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler. Noch am Abend organisiert die NSDAP in Berlin einen monumental inszenierten Fackelumzug. Die vorgeblich neue Zeit wird mit Feuer begrüßt. Verhaftungslisten sind vorbereitet, der Terror der Straße wird Staatsdoktrin.

Wenige Wochen später, im April 1933, notiert Richard Müller, Rektor der Kunstakademie Dresden: „Habe ich fernmündlich von Herrn Reichskommissar von Killinger die Anweisung erhalten, Professor Dix mitzuteilen, dass er entlassen sei und die Akademie nicht mehr betreten dürfe und keine Pension erhalte.“

Zuflucht am Bodensee

Ausgestoßener in seinem Dresden – für Otto Dix eine Groteske. Aber Realität. Hilfe bietet Hans Koch an. 1923 hatte der erste Mann von Martha Dix das Schloss Randegg bei Gottmadingen gekauft. Im Dezember 1933 zieht die Familie Dix in den Südwesten. Im Leben wie im Werk von Otto Dix beginnt ein neues Kapitel.

Zerrissener zwischen den Welten

1936, im Jahr des Olympiatriumphes Hitler-Deutschlands, ermöglicht eine Erbschaft Marthas den Bau eines Hauses in Hemmenhofen. Dix fürchtet, sich auf der Bodenseehalbinsel Höri, weitab der Großstadt, künstlerisch zu verlieren. Und doch weiß er, dass es „sein“ Dresden nicht mehr gibt. Otto Dix wird Zerrissener zwischen den Welten – künstlerisch wie privat. Auf der Höri lebt er mit Martha und den Kindern Nelly, Ursus und Jan, in Dresden wartet Käthe König (1939 wird die Dix-Tochter Katharina geboren).

Bestürzendes Spätwerk

1942 malt Dix in Hemmenhofen das Bild „Das Aupatal im Riesengebirge“ (seit 2001 im Kunstmuseum Stuttgart). Der Himmel ist in wilder Bewegung, Wolken verdichten sich über dem Gebirge, Schatten jagen über eine Palette von Rottönen. Noch ist die Szenerie Landschaft, schon Figuration, Sinnbild unermesslichen Leids, warnender Ausblick auf den drohenden Untergang. Der künstlerisch erlebte Wahnsinn des von Deutschland entfesselten Krieges mündet mit dem „Aupatal“-Gemälde in die Darstellung der Landschaft als blutende Körperlandschaft. Otto Dix fügt damit seinem Gesamtwerk ein neues und bis heute bestürzendes Thema hinzu.

„Noch viel zu entdecken“

In den Worten von Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseum Stuttgart: „Im Werk von Otto Dix ist noch viel zu entdecken“. Gerade auch in diesem Sommer.

Die glorreichen Sieben

Kunstmuseum Albstadt Im ‚jungen kunstraum‘ können Jung und Alt derzeit „OTTO mit + ohne Farbe: Otto Dix, der Pinsel und der Zeichenstift“ entdecken, eine Familien-Ausstellung zum Sehen und Mitmachen. www.kunstmuseumalbstadt.de

Zeppelin Museum Friedrichshafen In nahezu allen Techniken bietet der Sammlungsbestand einen eher stillen Einblick in die Themenfacetten von Otto Dix. www.zeppelin-museum.de

Museum Haus Dix, Gaienhofen-Hemmenhofen Im ehemaligen Wohnzimmer der Familie Kaffee trinken, die Aussicht genießen oder im Keller die Wandmalereien entdecken – das Haus Dix ist ein Erlebnis an sich. www.kunstmuseum-stuttgart.de

Kunsthalle Mannheim Otto Dix als bitter-scharfer Beobachter – Mannheim zeigt ihn als Held der Neuen Sachlichkeit. www.kuma.art

Kunstmuseum Singen Dix tritt hier in der Phalanx der von Hitler-Deutschland verfemten „Höri-Künstler“ wie Erich Heckel und Max Ackermann auf. www.kunstmuseum-singen.de

Kunstmuseum Stuttgart Begründet durch Eugen Keuerleber gehört die Stuttgarter Sammlung zu den international zentralen Dix-Adressen. Wichtige Ankäufe galten zuletzt dem Spätwerk. www.kunstmuseum-stuttgart.de

Staatsgalerie Stuttgart Um das Hauptwerk „Der Streichholzhändler“ (1920) versammeln sich herausragende Werke des bitter-kritischen Dix. www.staatsgalerie.de

Otto Dix in Baden-Württemberg Der Museumsführer, herausgegeben durch den Förderverein Museum Haus Dix Hemmenhofen, ist in der Edition Cantz erschienen und kostet 9,80 Euro

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