Die 40 Jahre alte Druckmaschine im Hintergrund ist täglich im Einsatz. Foto: Caroline Holowiecki

Kenner zählen Hans-Peter Haas zu den besten Siebdruckern der Welt. Mit 85 steht er immer noch täglich an seiner Maschine. Ein Besuch bei einem, der die Kunst atmet.

Echterdingen - Auf Pantoffeln schlürft Hans-Peter Haas in medias res. Die Führung beginnt ohne Umschweife. Nur keine Zeit verlieren, es gibt viel zu sehen, und zwar so viel, dass der Mund erst mal offen stehen bleibt. Im schmucklosen Flachbau im Echterdinger Gewerbegebiet hängen, stehen und lagern in fünf Räumen die bekannten Namen der Kunstszene als Siebdrucke. Roy Lichtenstein, Max Ernst, James Rizzi, Victor Vasarely, Hans Arp, Max Ackermann, Lucio Fontana, HAP Grieshaber, Günter Fruhtrunk – mit mehr als 200 Künstlern aus aller Welt und allen Strömungen hat er kooperiert. Die Wände sind über und über mit Serigrafien bestückt. Bis unters Dach.

Kenner zählen Hans-Peter Haas zu den besten Siebdruckern der Welt. „HPH ist der Drucker für die Künstler und der Künstler unter den Druckern“, sagte Heinz Mack, der Mitbegründer der berühmten Zero-Gruppe. Der Schwabe ist für seine Präzision ebenso berüchtigt wie für seine Experimentierfreude. „Bei jedem Druck, ob Dalí, Mack oder Geiger, ist etwas von mir dabei.“ Die Musik im Bild entstehe durch unterschiedliche Druckschichten, durch das Spiel der Farben. „Bei mir gibt es nicht nur ein Weiß, sondern verschiedene“, sagt der Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Die Bilder leisten ihm Gesellschaft

Hans-Peter Haas wohnt in seinem Atelier. Irgendwann sei ihm die Pendelei zu viel geworden, dann sei er einfach geblieben. Der Mann ist alleinstehend. Seine Bilder leisten ihm Gesellschaft. „Wenn ich nicht schlafe, bin ich umgeben von meinen Drucken und meinem Lebenswerk. Das ist ein schönes Gefühl“, sagt er. Drei Dalí-Serigrafien hängen über der behindertengerechten Badewanne, das Bett steht unter Ben-Willikens-Großformaten.

Hans-Peter Haas atmet die Kunst, und das im wahren Wortsinn. Es riecht intensiv nach Farbe. Töpfe füllen ein übermannshohes Regal. Die 40 Jahre alte Druckmaschine wird täglich genutzt, und ihr Besitzer ist trotz seiner 85 Jahre gut im Geschäft. Aktuell arbeitet er eine Bestellung von 360 David-Bowie-Motiven ab.

Gelernt hat der gebürtige Stuttgarter ab 1953 in der renommierten Siebdruckerei von Luitpold Domberger. 1958 eröffnete er sein eigenes Atelier und etablierte HPH als wertvolle Marke. Hans-Peter Haas sagt, er habe sein ganzes Leben lang ohne Unterbrechung gearbeitet. Sein Alter kann er nicht verstecken. Die Mundwinkel hängen herab. Auf dem Tisch, neben einem Becher Milchreis und einer orangefarbenen Schreibmaschine, liegen viele Medikamente. Vor nicht allzu langer Zeit ist Hans-Peter Haas beim Heben einer Schablone schwer gestürzt. Ein Mitarbeiter fand ihn. Krankenhaus, Reha. „Jetzt geht es mir gut, aber ich brauche noch einige Zeit, bis ich wieder voll aktiv bin“, sagt er. Mitten im Druckraum steht ein Rollator. „Den brauch’ ich net“, sagt der Mann mit dem akkuraten Haarschnitt und würdigt ihn beim Vorbeigehen keines Blickes.

Kunstmesse hat ihm eine Schau gewidmet

Stillsitzen fällt dem Senior augenscheinlich schwer. Immer wieder springt er auf, holt Bücher und Papier herbei, blättert gedankenverloren in laminierten Siebdrucken. Fakten über die Künstler nennt er aus dem Effeff. Hans-Peter Haas zeigt und erzählt gern. „Wenn ich arbeite, ist das emotional und mit Leidenschaft“, sagt er. In einer Ecke steht ein kleiner CD-Player. Wenn „Master Haas“, wie Heinz Mack ihn in einer der Widmungen, die die Wände pflastern, nennt, zur Tat schreitet, hört er Bach oder Beethoven, „vor allem die Neunte. Das Voluminöse am Schluss gefällt mir“, sagt er.

Die Kunstmesse Art Karlsruhe hat HPH jüngst eine Schau gewidmet. „Die Leute waren richtig begeistert“, sagt er lächelnd. Menschen bewegen, sie anstecken, das gefällt ihm. „Man freut sich dran, dass man was gemacht hat, was sich viele kaufen und aufhängen“, sagt er. Seine Sammlung dauerhaft im Kreis Esslingen, am besten in Leinfelden-Echterdingen, zu zeigen, das wäre sein Ding. Raus aus dem Gewerbebau, raus zu den Menschen. „Das ist eigentlich mein Wunsch.“

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