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Rund 35.000 Flüchtlinge aus Vietnam, Laos und Kambodscha haben seit 1979 in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Ihre Integration gilt als beispielhaft.

Wertheim - Rund 35.000 Flüchtlinge aus Vietnam, Laos und Kambodscha haben seit 1979 in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Ihre Integration gilt als beispielhaft. Ihre Kinder besuchen Gymnasien und studieren. Vor allem freuen sie sich über die Ernennung des vietnamesischstämmigen Philipp Rösler zum Minister.

Für Somboun Rattanasamay, den 55-jährigen Deutschen, der 1979 aus Laos floh, ist Philipp Rösler eine Symbolfigur. "Dass jemand, der in Vietnam geboren ist, in Deutschland Minister werden kann, ist ein Zeichen für Toleranz und Integration." Auch für Tochter Phoudida war es eine "große Überraschung, dass ein so junger Mensch mit Migrationshintergrund, der gar nicht deutsch aussieht", Kabinettsmitglied werden kann. "Das ist fantastisch."

Familie Rattanasamay lebt seit Januar 1980 in Wertheim im Main-Tauber-Kreis. Im Esszimmer ihrer Wohnung hängt eine Urkunde über die 25-jährige Betriebszugehörigkeit, auf die der Vater besonders stolz ist. Inzwischen sind es 28 Jahre, die der gelernte Dreher bei der Firma für Musikzubehör in Wertheim arbeitet. Seine Frau Anousone putzt seit 20 Jahren bei der Polizei.

Die 31-jährige Phoudida schreibt an der Frankfurter Universität an ihrer Magisterarbeit. Sohn Thipsavath (30) arbeitet als Physiotherapeut in Heidelberg. "Alle akzeptieren mich", sagt der Vater und strahlt. "Auch wenn ich im Herzen Laote bin, ist Deutschland meine Heimat. Wir sind sehr glücklich und dankbar, hier zu leben."

Nach dem Ende des Vietnamkriegs am 30. April 1975 übernahmen auch in Laos Kommunisten die Macht. Als Andersdenkende und Anhänger des alten Regimes wie in Vietnam und Kambodscha verfolgt und ermordet wurden, flohen fast 700.000 Menschen ins benachbarte Thailand. Im März 1979 ließen sich Somboun Rattanasamay und seine schwangere Frau mit ihrer einjährigen Tochter auf Autoreifen von der Hauptstadt Vientiane den Mekong zur Grenze hinabtreiben. Neun Monate harrten sie in einem thailändischen Lager aus, bis eine LufthansaMaschine sie nach Stuttgart ausflog.

Der rote Terror trieb ab Mitte der 70er Jahre 1,6 Millionen Vietnamesen auf hohe See. In verrosteten Kähnen und morschen Fischerbooten versuchten sie über das Südchinesische Meer in eine bessere Zukunft zu gelangen. Mehr als 250.000 Boatpeople ertranken, verdursteten oder wurden im Golf von Siam Opfer von Piraten. Ob in Malaysia, Thailand, Singapur oder Indonesien - nirgends waren sie willkommen. Vielfach trieb man sie wieder aufs Meer hinaus.

In der Vorweihnachtszeit 1978 erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Leiden und Sterben der Boatpeople. Damals dümpelte die Hai Hong, ein schrottreifer Frachter, mit 2500 Flüchtlingen im Meer. Ernst Albrecht, der Ministerpräsident von Niedersachsen, holte als Erster Anfang Dezember 1000 Boatpeople nach Hannover. Kurz darauf kamen 169 Vietnamesen in den Südwesten.

Van Hong Le verdankt sein Leben der Crew der Cap Anamur, die ihn im Sommer 1980 aus dem Meer fischte. Vor seiner Flucht lebte er in einem Fischerdorf bei Saigon. Nach sechs Monaten in einem indonesischen Lager wurde er im Dezember 1980 nach Hannover ausgeflogen. Heute lebt der Vater von vier Kindern, der Betriebswirtschaft studiert hat, als freiberuflicher Handelskaufmann in Hamburg.

Gelobte Boatpeople

Rund 35.000 Boatpeople flüchteten nach 1978 in die Bundesrepublik - die allermeisten kamen aus Vietnam. "Wir sehen uns nicht als Ausländer", erklärt Le. "Wir sind eingebürgert und fühlen uns als Deutsche." Nur Bildung führt weg vom Reisfeld, lautet ein Sprichwort des chinesischen Philosophen Konfuzius. Es unterstreicht die hohe Bedeutung, die der Bildung in Ländern mit buddhistisch-konfuzianischer Kultur beigemessen wird. "Boatpeople setzen alle ihre Kraft ein, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben", sagt Le. "Bildung ist für uns das höchste Gut, der Schlüssel zum Erfolg."

Auch für die Rattanasamay ist es "ganz wichtig", dass ihre Tochter studiert und ihr Sohn eine gute Ausbildung genossen hat. "Wenn unsere Kinder Erfolg haben, ist das für uns Eltern das größte Glück."

Bildungsforscher sprechen vom "vietnamesischen Wunder": Keine andere Migrantengruppe hat in der Schule mehr Erfolg als die Nachkommen der Boatpeople. Laut Bildungsstudie des Berlin-Instituts schaffen fast 60 Prozent den Sprung aufs Gymnasium (Deutsche : knapp 50 Prozent, Türken: 15 Prozent). Die Kinder der Boatpeople, aber auch der vietnamesischen Vertragsarbeiter, die Mitte der 80er von der DDR angeworben wurden, sind dabei, sich mit Fleiß, Ehrgeiz und Wissensdrang einen der vorderen Plätze in der Gesellschaft zu erobern.

Zurück zu Philipp Rösler: Die hier lebenden Vietnamesen, Laoten und Kambodschaner wissen natürlich, dass er mit neun Monaten als Kriegswaise nach Deutschland kam. Offiziell wurde er am 24. Februar 1973 in Khanh Hung, einer Provinz im südvietnamesischen Mekongdelta, geboren. Familienname und leibliche Eltern sind unbekannt.

In Niedersachsen wurde das Findelkind von Pflegeeltern adoptiert. Aufgewachsen in Hamburg, Bückeburg und Hannover, ließ sich Rösler am Hamburger Bundeswehrkrankenhaus zum Arzt ausbilden und machte Karriere bei den niedersächsischen Liberalen. Mit 26 wurde er FDP-Generalsekretär, 2003 Fraktionschef, 2006 Landeschef. Im Februar 2009 übernahm er das Wirtschaftsministerium. Seit dem 28. Oktober ist der liberale Überflieger Gesundheitsminister - das erste Mitglied eines Bundeskabinetts mit Migrationshintergrund.

Das Interesse an dem 36-Jährigen ist vor allem unter Vietnamesen enorm groß. Das beweisen die unzähligen Artikel und Homepages im Internet. Deutsch-Vietnamesen verehren ihn als Aufsteiger-Idol. Im fernen Vietnam titelte die Zeitung "Tien Phong": "Ein Vietnamese wird deutscher Gesundheitsminister". So weit will Van Hong Le nicht gehen. "Minister Rösler ist vietnamesischer Abstammung, aber kein Vietnamese."

Viele seiner Landsleute wären so stolz, dass sie das durcheinander brächten. "Rösler hat für viele Vietnamesen große Bedeutung. Er kann in puncto Integration aber nicht als Vorbild dienen, weil er als Baby nach Deutschland kam. Sein Weg ist ein normaler deutscher Weg." Dass die vietnamesische Regierung ihn zum "Brückenbauer zwischen Vietnam und Deutschland" hochstilisieren will, hält Le für völlig übertrieben.

Für Phoudida Knödel, geborene Rattanasamay, beweist der kometenhafte Aufstieg des liberalen Jungpolitikers, dass "man in Deutschland viel erreichen kann, wenn man sich anstrengt, fleißig und offen ist".

Rösler selbst äußert sich nur sehr selten zu seiner asiatischen Herkunft. "Ich spreche die deutsche Sprache, finde Deutschland als Land toll und bin Mitglied der Bundesregierung. Viel mehr deutsch kann man doch gar nicht sein", sagte er nach seiner Ernennung zum Gesundheitsminister. An seiner Karriere könne man "ablesen, dass Deutschland ein weltoffenes Land ist, toleranter als manche glauben". Einmal erst kehrte der Katholik nach Vietnam zurück - 2006 auf Bitte seiner Frau Wiebke. "Ich habe hier meine Eltern, meinen Vater", betonte er Anfang des Jahres. "Man sucht, wenn einem etwas fehlt. Mir hat aber nie etwas gefehlt."

Gelobte Boatpeople

Angesichts der Bewunderung, die Boatpeople für den FDP-Shootingstar hegen, wäre eine Nachfrage angebracht. Doch in der Pressestelle seines Berliner Ministeriums wird der Interview-Wunsch abgelehnt. "Mit ihrem Anliegen sind sie im Bundesgesundheitsministerium falsch", so eine Sprecherin. "Was Herr Minister Rösler mit den Boatpeople zu tun hat", verstehe sie nicht. "Er ist Deutscher." Freundlich fährt sie fort, dass er keine Kontakte nach Vietnam habe. "Ein Interview ist nicht sinnvoll."

Heute, 30 Jahre nach Ankunft der ersten Boatpeople, wird ihre Integration als vorbildlich gewürdigt. "Wenn es ein Beispiel gibt, dass Integration keine Bedrohung ist, sondern Bereicherung, ist es die Geschichte der Menschen aus Vietnam, die unter uns leben", betont Minister Wolfgang Schäuble.

Gabi Thon hat die Integration der Boatpeople in Baden-Württemberg von Anfang an begleitet. Die Sozialpädagogin ist seit 1981 Migrationsbeauftragte des DRK-Landesverbands. Damals seien die Flüchtlinge in Auffanglagern wie Göppingen oder Reutlingen versorgt und von dort in Wohnheime gebracht worden. Später erhielten sie eigene Wohnungen. Als Kontingentflüchtlinge seien die Boatpeople privilegiert gewesen, da sie sofort als Asylberechtigte anerkannt wurden. Thon: "Die Bereitschaft, zu helfen, war riesig. Sie wurden von der Bevölkerung mit offenen Armen begrüßt und vom Staat und den Wohlfahrstverbänden unterstützt. Auch die rechtlichen Integrationsvoraussetzungen waren vorhanden."

Das Erlernen der fremden Sprache war die erste große Hürde für die Neubürger. 1980 wurde in Stuttgart das erste Südostasien-Zentrum eröffnet: das Doc-Lap-Zentrum am Hölderlinplatz, später in der Reinsburgstraße. Bis Anfang der 90er Jahre half man hier Boatpeople bei Behördengängen, der Wohnungssuche und Sprachkursen. "Das Potenzial der Migranten wurde gefördert", erinnert sich Volker Kraufmann, von 1981 bis 2007 Mitarbeiter im Migrationsreferat des Diakonischen Werks Württemberg. "Wir konnten viel von ihnen lernen."

Dass viele Kinder von Boatpeople zu Musterschülern geworden sind, überrascht Gabi Thon nicht. Dies sei ein weiterer Beleg dafür, dass Migranten selbst unter den widrigen Bedingungen den sozialen Aufstieg schaffen können. "Viele Boat People waren Analphabeten. Ihre Kinder sind heute Gesellen oder haben studiert. Von Generation zu Generation qualifizieren sie sich. Eine beispiellose Integration."

Somboun Rattanasamay reiste erstmals 1996 wieder nach Laos. "Ich fühlte mich fremd nach so langer Zeit. Meine Familie, meine Freunde - alle waren geflüchtet", sagt er und blättert in einem Album mit alten Fotos. Für seine Tochter Phoudida, die bei ihrer Flucht nur wenige Monate älter war als Findelkind Philipp Rösler, war es "eine Abenteuerreise in eine andere Welt. Wie wenn man ein Buch mit Geschichten aus 1001 Nacht aufschlägt und darin liest."

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