Sarah Felk ist zur Stuttgarterin des Jahres 2024 gewählt worden. Die 30-Jährige näht ehrenamtlich Bodys und Spielsachen für die Kinderkardiologie des Olgahospitals. Nachdem sie ihren Sohn wegen einer schweren Herzkrankheit verloren hat, weiß sie um die Wohltat der kleinen Dinge auf Station.
Sarah Felk strahlt eine ganz besondere Herzenswärme und positive Energie aus, die ansteckend wirkt. Das merkt man, als sie auf der Bühne den ersten Platz des von der Stuttgarter Zeitung, den Stuttgarter Nachrichten und der Volksbank ins Leben gerufenen Ehrenamtspreises „Stuttgarterin des Jahres“ entgegennimmt. Das merkt man aber auch abseits der Scheinwerfer, wenn man sie zum Gespräch zuhause in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) besucht, sie einem die Türe öffnet und dabei ein strahlendes Lächeln auf den Lippen hat.
Das letzte Jahr war nicht einfach
Dabei war das vergangene Jahr kein Zuckerschlecken für ihre Familie. „Mein Mann hat sich selbstständig gemacht, wir haben ein Haus gekauft und noch ein Baby bekommen – und das alles im selben Jahr, in dem unser Sohn Caleb gestorben ist.“ Und das ist nicht alles: Kurz, bevor Caleb von Sarah und ihrem Mann als Baby adoptiert worden ist, ist Sarahs Mutter verstorben, die sie vor ihrem Tod selbst lange gepflegt hatte. Bei dem Gedanken an die vergangenen Monate und Jahre muss die Schorndorferin ungläubig darüber lachen, dass sie das alles durchgestanden haben. Es ist ein kleines Wunder.
Ihre positive Ausstrahlung und Lebensfreude, die sie mit ihrer Umwelt auch durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit teilt, bei der sie Bodys und Spielsachen für die Kinderkardiologie und Intensivstation des Olgahospitals näht, zieht die 30-Jährige aus weiteren Schicksalsschlägen, die sie schon durchmachen musste, sagt sie. „Wenn man durchs Leben geht und merkt, wie schwer es auch sein kann und wie privilegiert wir trotzdem sind, dann will man das auch teilen“, findet Sarah. Auf die Frage, ob sie schon immer so eine Frohnatur gewesen sei, muss die junge Frau schmunzeln. „Nein, ich musste auch viele Sachen erst mal durcharbeiten und bewältigen. Da steckt viel Arbeit dahinter.“
Immer wieder erhascht man im Gespräch einen kurzen Blick auf Zeiten in Sarahs Leben, in denen nicht alles glatt lief. So ist die Schorndorferin im Jemen geboren und aufgewachsen, bevor sie im Laufe des 13. Lebensjahres in die Region Stuttgart umsiedelte. „Mittlerweile vermisse ich es nicht mehr so sehr, auch wenn mir das Land, die Leute und das Essen durchaus fehlen“, sagt sie. „Das war eine besondere Zeit dort.“ Doch das Kriegsgebiet zu besuchen, ist seit Langem undenkbar.
Wie alles anfing
Mit ihrem Sohn Caleb, den sie vor viereinhalb Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Sebastian adoptiert hat und der das vergangene Jahr gestorben ist, hat sie viele Tage und Wochen auf der Kinderkardiologie und Intensivstation des Olgahospitals verbracht. So kam es auch dazu, dass sie seit knapp zwei Jahren Bodys und Spielsachen für die schwerkranken Kinder der Station näht. „Handarbeit war schon immer mein Granny-Hobby gewesen“, lacht sie. Auf der Station hatte sie dann, um sich die Zeit zu vertreiben, auch immer etwas zu häkeln oder zu stricken dabei.
Die für die Herz- und Intensivstation zuständige Erzieherin Alexandra Thomas, die Sarah Felk auch für den Ehrenamtspreis vorgeschlagen hat, hatte damals für die ganze Station nur eine bunte Luftballonhülle, die schlecht desinfizierbar war und daher nicht von Kind zu Kind weitergegeben werden konnte. Bunte Luftballonhüllen werden gerne mit einer Schnur über den Betten der erkrankten Kleinkinder angebracht, damit sie nach den OPs ein wenig damit spielen und in Bewegung kommen. „Weil sie mitbekommen hatte, dass ich Handwerkliches gerne mache, hat sie mich gefragt, ob ich nicht vielleicht ein paar solcher Ballonhüllen für die Station nähen könnte“, berichtet Sarah Felk. Und das war der Start ihrer ehrenamtlichen Arbeit, für die sie vor Kurzem als „Stuttgarterin des Jahres 2024” ausgezeichnet wurde.
Kleinigkeiten helfen viel auf der Intensivstation
„Ein kleiner bunter Luftballon in einem kahlen Zimmer kann schon viel helfen“, weiß die 30-Jährige dabei aus erster Hand. „Caleb hatte von einer Freundin damals einen solchen Luftballon bekommen und nach der OP, als er noch sehr schwach war, schon damit kleine Spielchen gemacht – der Kreislauf kommt auf diese Art in Schwung, die Kinder werden mobilisiert und motiviert sich zu bewegen. Denn wenn alles weh tut, hat natürlich erst mal kein Kind von sich aus Lust drauf sich zu bewegen, auch, wenn es wichtig ist. Und da helfen solche Spielsachen mit süßen Motiven und schönen Farben.“
Manchmal findet Sarah auch Stoffe, die mit Wimmelbildern bedruckt sind und auf denen man gemeinsam immer wieder etwas Neues entdecken kann – die benutzt sie besonders gerne. „Man schweigt sich gefühlt immer nur an im Krankenhaus und weiß irgendwann nicht mehr, worüber man noch reden soll. Die Gedanken kreisen ständig um die Situation – und man freut sich über alles, was einem ein bisschen hilft, da herauszukommen.“ Und sei es so etwas Einfaches wie ein Suchspiel. „Meine genähten Sachen werden die Welt nicht verändern“, sagt Sarah, „aber vielleicht machen sie für einen Moment jemandem etwas leichter.“
In Sarah Felks Nähzimmer gibt es viel zu sehen: fröhliche Stoffe, Bodys, einen Korb mit genähten Herzen, die noch ausgestopft werden müssen. Auf dem Fensterbrett sitzt Kater Rajah, benannt nach dem Tiger aus Disney’s „Aladdin“. Auf dem Regal stehen Bilder von Caleb. „Das war früher sein Kinderzimmer“, sagt Sarah, die sechs Monate alte, vor sich hin schlummernde Tochter im Arm. „Wir haben Caleb damals mit drei Wochen kennengelernt. Er ist herzkrank und mit weiteren Komplikationen auf die Welt gekommen. Ganz genau wussten wir nicht, was er hat, sind dann aber nach Berlin gefahren, wo er stationiert war, um uns ein richtiges Bild zu machen – und haben uns direkt Hals über Kopf in ihn verliebt“, sagt Sarah. Damals hatte das Baby bereits eine Herz-OP hinter sich. „Er war so ein toller Junge“, schwärmt die Mutter. Dass er herzkrank war, spielte für die Adoption eine untergeordnete Rolle für die beiden. „Ich bin der Meinung, dass alle Kinder, auch die schwerkranken Kinder ein liebevolles Zuhause brauchen und jemanden, die wirklich von ganzem Herzen sagen ‚Ich gehe bis ans Ende der Welt mit dir, egal, ob’s uns das Herz bricht oder nicht.’“
„Alle Kinder brauchen ein liebevolles Zuhause“
Adoption an sich war für das Paar von Anfang an ein Thema gewesen: „Es gibt so viele Menschen, die Hilfe brauchen und dazu gehören auch Adoptiv- und Pflegekinder. Warum nicht ihnen ein Zuhause geben?“, erklärt Sarah die Intention dahinter. Nachdem es nicht auf Anhieb mit leiblichen Kindern geklappt hatte, beschloss das Paar den Weg der Adoption zu beschreiten.
„Uns war von vorneherein klar, dass man ihn nicht heilen konnte und man immer ein Auge darauf haben müsste, ob alles gut ist“, stellt sie klar. „Da das erste halbe Jahr aber das kritischste ist, war unser Gedanke immer ‚Wenn wir das erste halbe Jahr schaffen, dann ist das schon mal richtig gut.‘“ Auch Calebs zweite OP nach besagtem ersten halben Jahr verlief sehr gut – so gut, dass die Hoffnungen, dass er mit seinem Herzfehler alt werden könnte, realistisch wurden. Mit der dritten wäre er dann über dem Berg. „Die OP an sich ist noch recht jung, die ersten Personen, die diese dritte OP hinter sich gebracht haben, sind jetzt aber schon 45, 50 Jahre alt.“
Der Hoffnungsschimmer war tückisch
Die Familie hat mit zunehmender Vitalität des Kindes nach den OPs immer weniger an den Tod geglaubt. Doch kurz nach der dritten OP, die auch sehr gut verlaufen war, gab es unvorhersehbare Komplikationen an einer anderen Stelle, die letztendlich das Blatt wendeten. „Ich habe mir Caleb schon vor dem Kindi vorgestellt und habe gedacht ‚Das kriegen wir hin‘“, erinnert sich Sarah. Doch der Zustand des Kindes verschlechterte sich nach der dritten OP zunehmend. „Nach ein paar Tagen hat man uns dann gesagt, dass er nur noch ein paar Wochen oder Monate zu leben hat.“ Drei Monate später ist Caleb gestorben.
Nach dem Tod trennt sich die Spreu vom Weizen
Der Tod ihres Sohnes wirkte sich dabei auch auf ihren Bekanntenkreis aus. „Als wir unser Kind verloren haben, hatten wir teilweise das Gefühl, wir würden die Pest mit uns mittragen: Die Leute haben uns gemieden, die Leute haben das Thema gemieden – man wollte ja nicht über Caleb sprechen“, erinnert sich die 30-Jährige ans vergangene Jahr. „Auch wenn es für uns mit das Schönste ist, wenn wir mit Leuten über unsere Erinnerungen sprechen können.“ Denn gerade in ihnen und in der ehrenamtlichen Arbeit für die Kinderkardiologie und Intensivstation, lebt ihr Sohn auf eine Art weiter, findet Sarah.
Gleichzeitig seien nach Calebs Tod aber auch wichtige Freundschaften entstanden. „Auch wenn sich manche Leute abgewandt haben – manche anderen haben sich sehr um uns gekümmert“, betont die Mutter. Dass ihr Leid gesehen und als solches anerkannt wurde, war ihr dabei besonders wichtig. „Mit aufmunternden Sprüchen konnte ich in der Situation nichts anfangen“, sagt sie. „Mir hat zum Beispiel viel bedeutet, wenn sich Leute Zeit genommen haben, da zu sein. Oft auch einfach im Stillen, ohne groß zu reden oder die Stille füllen zu müssen.“
Über ihre Kampagne „Sarah näht - von Herzen für die Herzchen“ auf www.Gofundme.com kann man mit Spenden ihre Arbeit unterstützen. Von den Einnahmen kann Sarah wieder neue fröhliche Stoffe kaufen. „Die Materialkosten kann ich finanziell leider nicht alleine stemmen“, sagt sie. „Teilweise stagniert die Arbeit, wenn der Stoff leer ist.“ Außerdem beschäftigt die Stuttgarterin des Jahres 2024 aktuell in Bezug auf ihr Ehrenamt eine weitere Frage: „Der Schwerpunkt meiner Näharbeit liegt gerade auf Kleinkindern bis zu drei Jahren. Wenn jemand aber Ideen für ältere Kinder oder Teenies hat, die sie ermutigen und/oder Trost spenden würden – immer her damit!“