Der Ruf des Wolfes ist schlecht, stimmt aber kaum mit der Realität überein. Foto: dpa

Seit der Jahrtausendwende leben wieder Wölfe in Deutschland, nun ist bei Korntal im Kreis Ludwigsburg ein Tier gesehen worden. Ein Restrisiko ist immer da, aber bisher ist es in den Wolfsgebieten noch nie zu einem Angriff auf Menschen gekommen.

Korntal-Münchingen - Die Aufregung ist groß in diesen Tagen, weil nun auch im dicht besiedelten Stuttgarter Raum ein Wolf gesichtet worden ist. Es handelt sich um einen jungen Rüden, der auf der Suche nach einem neuen Revier ist – vermutlich wird er deshalb weiterziehen. Ganz grundsätzlich haben Wölfe keine hohen Ansprüche an ihren Lebensraum; sie benötigen lediglich genügend Futter und bei einem Rudel zudem einen Rückzugsort zur Aufzucht der Welpen. Die Rückkehr der Wölfe ist deshalb nach Meinung vieler Experten keineswegs ein Indikator für eine intakte Natur. Auch das Auftauchen bei Großstädten ist nicht so ungewöhnlich. Im September vergangenen Jahres lief ein Wolf erstmals am Rand Dresdens in eine Fotofalle. Auch nahe Berlin war 2016 ein Wolf gesichtet worden. Es sei normal, dass die Tiere auf ihren Wanderungen auch besiedelte Gebiete streiften, betonen Experten.

Viele Jogger und Gassigeher stellen sich dennoch vermutlich die Frage, wie riskant ein Gang durch den Wald nun ist. Wolfsforscher wie Günther Bloch und Elli H. Radinger, die bereits 20 000 Begegnungen mit wild lebenden Wölfen hatten, wollen nicht verharmlosen. Vor allem tollwütige Tiere könnten aggressiv werden; in Deutschland ist die Tollwut aber ausgerottet. Die größere Gefahr geht bei uns deshalb von Wölfen aus, die von Menschen angefüttert worden sind; dann könnten sie anfangen, fordernd zu betteln. Dennoch ist die Statistik eindeutig. In Deutschland leben seit der Jahrtausendwende wieder Wölfe, derzeit sind es 73 Rudel mit rund 400 Tieren. Es gab seither viele Begegnungen, aber keinen Angriff auf Menschen.

Zwischen 1950 und 2000 gab es 59 Attacken in ganz Europa

Der einzige Todesfall in Deutschland seit 1945 datiert auf 1977: Ein junger Pyrenäenwolf, der in einem Gehege bei Goldenstedt in Niedersachsen geboren war, flüchtete bei einem Transport und griff vier Tage später einen siebenjährigen Jungen an. Der Bub starb. Man vermutet, dass der Wolf nicht jagen gelernt hatte und ausgehungert war. Bloch zitiert eine übergreifende neue Studie: Danach kam es zwischen 1950 und 2000 in ganz Europa zu 59 Attacken – bei 15 000 Tieren. 38 gingen von tollwütigen Wölfen aus; vier der Angriffe durch gesunde Tiere endeten für Menschen tödlich.

Die Experten plädieren dafür, besonnen und realistisch zu bleiben – die Gefahr, die von Wölfen ausgeht, sei extrem gering. Weitaus realistischere Gefahren sehen die meisten Menschen dagegen viel gelassener. So sterben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr in Deutschland ein bis sechs Menschen durch Hundeattacken. Laut dem Deutschen Ärzteblatt kommt es jährlich zu 20 000 bis 40 000 Bisswunden durch Hunde. Und allein aufgrund ihrer großen Zahl sind Wildschweine in deutschen Wäldern noch immer die deutlich größere Gefahr, vor allem für Jäger. Erst vor wenigen Wochen wurde ein 50-jähriger Mann bei Greifswald getötet, der einen Keiler angeschossen hatte und bei der Nachsuche von dem Tier angegriffen wurde.

Auch in der Mythologie ist der Wolf eher negativ besetzt

Die Angst mancher Menschen vor dem Wolf hat wohl zwei Ursachen. Erstens hat der Wolf in der Mythologie und in den Märchen keinen guten Ruf: Er gilt als grimmig und böse. In der nordischen Heldensage Edda zum Beispiel hat der Wolf Fenrir erheblichen Anteil am Untergang der Götter. Den bösen Wolf aus Rotkäppchen kennt jeder. Solche archetypischen Bilder haben sich tief in das Bewusstsein eingeprägt.

Zweitens ist die Angst vor dem Wolf evolutionär programmiert – so sieht es der Evolutionspsychologe Harald Euler aus Kassel: Die Furcht vor großen Raubtieren, aber auch vor Spinnen oder Schlangen stecke seit Jahrtausenden tief in uns drin und sei deshalb heute – unabhängig von der realen Gefahr – sehr leicht zu reaktivieren: „Das geschieht gerade beim Wolf“, so Euler. Zugleich sei diese Angst häufig um so größer, je seltener man diesen Tieren tatsächlich begegne. Er habe in Malawi geforscht, wo es viele Schlangen gebe; dennoch liefen viele Menschen barfuß herum: „Wir dagegen haben einfach keine Möglichkeit zu erfahren, dass diese Raubtiere selten gefährlich sind“, sagt Harald Euler. Evolutionär vorprogrammierte Ängste seien sehr stabil, neuartige Ängste wie vor einem Stromschlag oder einem Sturz vom Rad seien dagegen schwach ausgeprägt: „Ich kenne niemanden, der eine Radphobie hat.“

Hohe Zustimmung für die Rückkehr der Wölfe

Wie viele Menschen tatsächlich Angst vor dem Wolf haben, ist nicht bekannt. Der Nabu Deutschland hat 2015 eine repräsentative Umfrage gemacht – dabei ergab sich, dass 78 Prozent der Befragten die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland begrüßen. Doch ist dies eben eine theoretische Aussage. Auch jenen Menschen, die den Wolf gerne in unserer Heimat sehen, wäre vielleicht unwohl, wenn sie in Wolfsgebiet spazierengehen. In Sachsen, dem Bundesland mit den meisten Wölfen, lag die Zustimmung bei einer anderen Umfrage bei 58 Prozent.

Im Südwesten haben wir es derzeit nur mit jungen männlichen Wölfen zu tun. Sie sind oft neugierig; bisher wurde aber kein einziges Mal von aggressivem Verhalten berichtet. Wer sich traut, sollte sich im Fall einer Begegnung groß machen, schreien und selbstbewusst auftreten. Schüchternen Naturen empfehlen Günther Bloch und Elli H. Radinger, beim Spaziergang in Wolfsland ein Pfefferspray mitzunehmen. Sie selbst hätten es nie gebraucht, trotz vieler Treffen in Kanada oder Spanien; oft hatten sie auch ihren Hund dabei: „Dann haben sich Mensch, Wolf und Hund eine Zeit lang aus der Distanz gegenseitig gemustert. Mehr war nicht – kein einziges Mal“, heißt es in dem Buch „Der Wolf kehrt zurück“.

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