Sicherheitsmann Michael Balmer und ein Kollege - im Schichtdienst achten Mitarbeiter darauf, dass die Hausordnung im Flüchtlingsheim eingehalten wird. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die einzige Unterkunft, die unter ständiger Beobachtung von Security-Leuten steht, befindet sich in Bad Cannstatt. Im Schichtdienst achten Mitarbeiter darauf, dass die Hausordnung eingehalten wird. Besuch bei einer Firma, deren Branche in der Kritik steht.

Stuttgart - Die Regenrinne. Michael Balmer, ein Bulle von Kerl, schwarze polierte Schuhe, dunkles Polohemd, wirft einen etwas grimmigen Blick auf die Regenrinne. „Über das Rohr, das hoch auf das Dach führt, haben die Bewohner in der Vergangenheit immer wieder unerlaubten Besuch bekommen“, sagt der Sicherheitsmann. Er steht im Hof des Flüchtlingsheims in der Mercedesstraße. Nimmt noch einen Zug vom Zigarillo. „Um weiteren Besuch zu verhindern, ist das Rohr nun mit Stacheldraht umwickelt.“

 

Der Job von Balmer besteht vor allem darin, dass die 17 Bewohner der Unterkunft die Hausordnung befolgen. Und einer der Punkte lautet, dass ab 22 Uhr strikte Nachtruhe herrscht. Die setzt Balmer durch, meist mit zwei Klopfzeichen an der Zimmertür – oder eben mit Stacheldraht.

Die Branche der Sicherheitsdienste steht seit den Misshandlungen im nordrhein-westfälischen Burbach in der Kritik. Dort allerdings unterlag die Leitung des Heims der privaten Firma European Homecare. Die Unterkunft in Bad Cannstatt verantwortet das Sozialamt der Stadt. Die Sicherheitsfirma Siba Security, Balmers Arbeitgeber, hat mit der Stadt einen Dreijahresvertrag geschlossen und bezahlt nach Tarifvertrag.

Tariflohn liegt bei 9,20 Euro

Allein schon deshalb sei die Situation in der Mercedesstraße eine völlig andere. Das betont zumindest Michael Krüger, Betriebsleiter bei Siba Security und zuständig für die Unterkunft in Bad Cannstatt. „Der Tariflohn liegt bei 9,20 Euro in der Stunde. Wer seinen Leuten weniger bezahlt, sollte sich auch nicht wundern, dass die dann schlechter ausgebildet sind“, sagt Krüger. Allerdings sei der Preisdruck auf dem Markt enorm, die Konkurrenz wachse.

Das Heim in der Mercedesstraße ist das einzige in Stuttgart, in dem ein Sicherheitsdienst die Bewohner überwacht. Das liegt daran, dass hier Geduldete unterkommen, mit denen die Sozialarbeiter in anderen Unterkünften nicht umgehen konnten. „Wir haben hier die Crème de la Crème“, sagt Sicherheitsmann Balmer. Übersetzt heißt das: Einige Bewohner sind straffällig geworden, haben mit Drogen gedealt oder waren zuvor in der Justizvollzugsanstalt.

Sicherheitsmann Michael Balmer betritt das kleine Treppenhaus des Heims. Im Erdgeschoss befinden sich die Duschen und Toiletten. Es riecht nach Putzzeug, die Fenster sind beschlagen. Im Waschraum steht der Bewohner Jeyakumar Thillanayam. Der 30-Jährige aus Sri Lanka hat gelbe Putzhandschuhe an und schrubbt die Waschbecken. Er hat wie die meisten Bewohner eine Duldung. Wahrscheinlich muss er das Land bald verlassen, sagt er. Er wohnt in Raum neun.

Die Schicht geht von 7 Uhr bis 19 Uhr

Michael Balmer steht vor Raum zwei. Er zückt den Generalschlüssel, schließt auf und betritt das menschenleere Zimmer. Darin steht ein großer Fernseher, eine Playstation und zwei Betten. „Einer der Bewohner ist schon seit einigen Wochen weg. Er ist in Untersuchungshaft, wegen versuchten Totschlags“, sagt Balmer.

Wenn es zu Streitigkeiten und Reibereien kommt, dann allerdings unter den Bewohnern des Heims. Und das sei auch die absolute Ausnahme, sagt er. Das Sicherheitsunternehmen überwacht die Unterkunft seit viereinhalb Jahren. Die Männer arbeiten im Schichtdienst. Der 45 Jahre alte Security-Mann Balmer hat heute Dienst von 9 Uhr, um 19 Uhr löst ihn sein Kollege ab.

Ob die Mitarbeiter auch mal in die brenzlige Situationen schlittern, in denen sie Gefahr laufen, angegriffen zu werden? „Vor einem Monat ist ein Mitbewohner ausgerastet und auf einen anderen Bewohner mit dem Messer losgegangen“, sagt ein Kollege von Balmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sieben Minuten später standen schon sechs Streifenwagen vor der Tür.

Das ist es auch, was Michael Balmer in seiner sogenannte Sachkundeprüfung zum Sicherheitsmann gelernt hat. 580 Stunden Ausbildungszeit, mündliche und schriftliche Prüfung, durchgeführt von der Industrie- und Handelskammer (IHK).

Dass Sicherheitsleute handgreiflich gegenüber Schutzbefohlenen werden, hält der Betriebsleiter Michael Krüger für völlig abwegig. „Sobald es Schwierigkeiten gibt, rufen wir die Polizei“, sagt er.

Der Sicherheitsmann Michael Balmer arbeitet seit Anfang an in der Einrichtung. In dem Job gehe es darum, klare Grenzen aufzuzeigen. Und auch darum, seine eigenen Grenzen zu kennen, sagt Balmer. „Wenn es um Seelsorge geht, überlasse ich das der Caritas. Und Handgreiflichkeiten der Polizei.“