Seit 2016 hat die Polizei die Präsenz durch 75 bis 100 Beamte täglich verstärkt. Foto: Lg/Kovalenko (Archiv)

Die Polizei sieht keine strukturellen Sicherheitsprobleme in der Stadt. Die verstärkte Präsenz zahle sich aus, so würden zum Beispiel mehr Drogendealer ertappt. Eine Entwicklung bereitet den Beamten Sorge.

Stuttgart - Der Revierleiter Joachim Barich stellt eines klar: Die Polizei habe in Stuttgarts Innenstadt zwar viel zu tun. „Aber wir haben kein strukturelles Problem“, sagt der Chef des Reviers Theodor-Heuss-Straße. Das stellt er voran, wenn er Bilanz zieht über die Einsätze, die es im Rahmen der Sicherheitskonzeption Stuttgart (SKS) im Jahr 2018 schon gegeben hat. Damit meint er, dass die Polizei zwar dranbleiben muss, damit sich keine Brennpunkte bilden – doch dieses Dranbleiben zahle sich aus – wie er an mehreren Beispielen verdeutlicht. Sorgen bereitet ihm hingegen die zunehmende Brutalität bei Schlägereien und Überfällen.

Sicherheitskonzeption Stuttgart: Die Sicherheitskonzeption Stuttgart war im Februar 2016 ins Leben gerufen worden. Seither sind täglich bis zu 100 Beamte mehr in der Innenstadt auf Streife. Die Landes- und die Bundespolizei arbeiten eng zusammen. Sie entwickelten das Konzept in Reaktion auf die Zwischenfälle in Köln in der Neujahrsnacht 2015/16, als es dort zu Übergriffen kam. In wesentlich geringerem Ausmaß kam es Stuttgart zu ähnlichen Taten. Ein Einsatz im Rahmen einer SKS-Streife hatte vor kurzem Aufsehen erregt. Eine Gruppe jugendlicher Asylbewerber sollte kontrolliert werden, daraus entstand ein Handgemenge der achtköpfigen Gruppe mit der Polizei.

Polizei nimmt Zunahme der Brutalität wahr

Gewalt: Was dem Revierleiter Kopfzerbrechen bereitet, ist die zunehmende Gewaltbereitschaft. Der erste Blick auf die Zahlen zeigt zwar, dass seltener zugeschlagen wird. „Aber wenn, dann beobachten wir gerade, dass das viel brutaler wird“, sagt Barich. Das gelte für Raubüberfälle wie für Schlägereien rund um die Eventszene. Die Zahl liegt aktuell bei 328 Taten, hochgerechnet aufs Jahr wären das rund 440 – ein Rückgang gegenüber 2017 mit 644 Taten. Alle Zahlen sind Werte aus der Eingangsstatistik – also die Taten, welche die Polizei aufgenommen hat. Die Kriminalstatistik ist dagegen eine Ausgangsstatistik, die Fälle zählt, welche an die Staatsanwaltschaft gegeben wurden.

Milaneo: „Das ist rum“, sagt Joachim Barich über die Lage beim Einkaufszentrum am Mailänder Platz. Vor allem im ersten Jahr der SKS-Einsätze war die Polizei dort häufig gebraucht worden, weil es immer wieder zu Problemen mit Jugendgruppen gekommen war. „Das Streetworkerprogramm scheint dort Früchte zu tragen“, meint Barich. Man kümmere sich um die Jugendlichen und die Probleme gingen zurück.

Drogen: Auf Platz eins der Delikte, welche die Beamten im Rahmen der SKS-Streifen regelmäßig feststellen, liegen von Beginn an die Drogen. Dieses Jahr ist noch nicht rum, doch bereits Ende September zählt die Polizei 766 Fälle. „Das dürften also mehr werden als 2017 mit 869 Fällen und 2016 mit 824, wenn man es auf das ganze Jahr hochrechnet“, sagt Barich. Mehr als 1000 Fälle wären das. „Es ist sehr viel Stoff in der Stadt“, sagt er, vor allem sogenannte weiche Drogen und Partydrogen. In der Altstadt, wo vor kurzem die Ermittlungsgruppe „Rakete“ eine Kokain-Dealerbande ausgehoben hatte, sei der Handel mit dieser harten Droge nicht wieder aufgeblüht. Durch die starke Polizeipräsenz habe dort auch ein Verdrängungseffekt eingesetzt – was man in den umliegenden Bereichen merke. „Man löst das Problem nicht, man verdrängt es“, sagt Barich. Die einzige Abhilfe: Weiterziehen und auch an den anderen Orten Druck machen. Im Gegensatz zum Vorgängerkonzept „Sichere Innenstadt“ seien die zusätzlichen Kräfte im Rahmen der Sicherheitskonzeption Stuttgart für das ganze Stadtgebiet zuständig.

Roma sollen nicht dauerhaft an einer Stelle kampieren

Bettler: Die Kräfte der SKS-Streifen kümmern sich zusammen mit dem Städtischen Vollzugsdienst darum, dass sich die Roma-Gruppen, die seit mehreren Jahren in der Stadt und in den Außenbezirken kampieren, nicht dauerhaft niederlassen. 30 bis 90 seien in der Stadt, es seien aber schon deutlich über 100 gewesen, als das Phänomen sich in Stuttgart vor ein gut drei Jahren massiv bemerkbar machte, sagt Barich.

Klett-Passage: „Wir merken keine starke Veränderung“, sagt Dirk Seiler, der Vorsitzende der Mietervereinigung Klett-Passage. „Aber es ist viel besser als noch vor fünf oder sechs Jahren, als regelmäßig Punkergruppen hier waren“, fügt er hinzu. Über die Polizeipräsenz seien die Händler dankbar. „Wir haben immer Probleme mit Diebstählen. Wenn was ist, rufen wir an, und es kommt sofort jemand“, sagt der Bioladenbesitzer.

Fazit der Polizei: „Wir dürfen nicht nachlassen“, sagt der Revierleiter Joachim Barich. Julia Buchen, die Leiterin der Bundespolizeiinspektion Stuttgart, bewertet die Einsätze ebenfalls positiv: „Die gemeinsamen Streifen gerade im Bereich des Hauptbahnhofs, der Klett-Passage und Königstraße haben sich bewährt und führen zu einer Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls bei der Bevölkerung.“Von Passanten und Reisenden kämen viele positive Rückmeldungen.

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